Diese Serie ist wie Balsam für die Seele geschundener Teenie-Mütter

Du bist Teenie-Mutter? Dann lass dir bloß nicht die Serie Sex Education entgehen. Nicht um den Teenie besser zu verstehen, sondern um dich dank Jean weniger allein mit deiner Rolle zu fühlen.

von Miriam Kühnel

Mein Gott, wie ich sie liebe: Dr. Jean Milburn. Herrlich exzentrisch blamiert die Sexualpädagogin in der Serie "Sex Education" ihren Sohn bei jedem sich bietenden Anlass, bleibt so wunderbar sie selbst mitten im Hormon-Chaos ihres Sohnes und spricht schnörkellos aus, was jede Teeniemutter wohl manchmal denkt. Ohne Rücksicht auf Verluste. 

Ja, sie ist wirklich peinlich

Versteht mich nicht falsch. Ich bin (hoffentlich) nicht so peinlich. Die Serie ist so konzipiert, dass man sich auch als erwachsener Zuschauer eindeutig auf die Seite ihres Teeniesohnes Otis schlägt. Eine Mutter wie sie wäre früher auch unser lebendig gewordener Albtraum gewesen. Aber mal von allen Peinlichkeiten abgesehen ist es echt heilsam, zu sehen, wie sich zwischen Jean und Otis langsam aber sicher die Mechanismen auflösen, die ihre Mutter-Kind-Beziehung vorher ausmachten. Wie aus einem offenen redseligen Kind ein zugeknöpfter Jugendlicher mit Geheimnissen wird. Wie in einem eigentlich eingespielten Team plötzlich einer den anderen vor den Kopf stößt, um sich selbst weiterentwickeln zu können. Das ist, als hätte jemand eine Kamera in unserem Wohnzimmer aufgestellt. Nur dass wir keine Vaginabilder an der Wand und keine Holzpenisse im Regal stehen haben... um das mal erwähnt zu haben. 

Richte dir ein eigenes Leben ein

Den wirklich interessantesten Aspekt der Beziehung zwischen Otis und Jean finde ich, dass gerade in der zweiten Staffel – ich versuche mal, so wenig wie möglich zu spoilern – Jeans Leben durch die Veränderung ihres Sohnes fast ebenso durcheinander gerüttelt wird wie seines. Er wehrt sich dagegen, ihr "ein und alles" zu sein, sodass da plötzlich eine riesige Lücke in ihrem Leben klafft. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat mal gesagt, dass Jugendliche überall auf der Welt ihren Eltern in dieser Phase raten würden, sich ein anderes Hobby zu suchen als das "Kind" und dass sie sich wieder auf ihr eigenes Leben konzentrieren sollten. Alles schön und gut. Und nichts anderes macht Jean, aber man sieht ihr an, wie schwer es ist, die Mutterrolle so neu zu definieren und wieder ganz "zu sich" zu finden. 

Wir machen alle Fehler

Was ich aus Sex Education mitnehme? Ich bin nicht alleine! Ich glaube ohnehin nicht, dass irgendein Elternteil es schafft, sich ganz ohne Grenzüberschreitung und Verletzung  von seinem Kind zu lösen. Die Fetzen fliegen wohl überall zwischendurch und nicht nur unsere Kinder fühlen sich manchmal hundeelend bei all den Reibereien, die dieses Alter so mit sich bringt. Ich werde einfach versuchen, in all dem Chaos ganz bei mir zu bleiben, und vielleicht sogar noch ein bisschen mehr "ich" zu werden als ich es als Mutter eines jüngeren Kindes sein konnte. Denn die wirklich tröstendste Botschaft dieser wirklich brillanten Serie ist: Es gibt kein falsch. Und wir sind alle selbst für unser Glück verantwortlich. Sobald unsere Kinder das für sich verinnerlicht haben, können sie uns auch wieder näher kommen. Wir müssen sie aber wohl erst einmal loslassen und sie aus ein wenig Abstand weiterlieben, um an diesen Punkt zu kommen.

!!! ACHTUNG SPOILER ZU STAFFEL 2 !!!

Und ich sag mal so: Wenn selbst Otis es schafft, am Ende zu Jean zu stehen, so verrückt sie auch sein mag, dann wird das auch bei uns irgendwann wieder so sein. Denn ganz so peinlich wie Jean ist schätzungsweise keiner von uns... ich sage nur: Zucchini.