Dieser Mann behauptet, dass wir alle den Falschen geheiratet haben!

Nein, so richtig überraschend kommt das mit der Enttäuschung nach der Eheschließung ja nicht. Oma hat uns gewarnt, bei Mutti haben wir es erlebt und dass Walt Disney uns mit seinen bescheuerten liebestollen Prinzen eine sagen wir mal ganz leicht realitätsferne Vorstellung von der perfekten Liebe vermittelt hat, liegt irgendwie auch auf der Hand. Und trotzdem sitzen wir nach zehn Jahren Ehe alle irgendwann auf der Bettkante und fragen uns, was da falsch bei uns gelaufen ist. "Nichts", würde der Autor Alain de Botton sagen. Denn die Ehe, so sagt er, ist einfach eine "zutiefst merkwürdige Lieblosigkeit". Warum es trotzdem schön ist, verheiratet zu sein, kann man in seinem Roman "Der Lauf der Liebe" lesen. 

von Christine Rickhoff

Wann genau wurde man eigentlich gewaltdisneyt? War es bei "Die Schöne und das Biest", bei "Arielle" oder bei "Tarzan"? Ist auch egal. Letztendlich passierte den Prinzessinnen ja sowieso immer das gleiche: Wüstling kennengelernt, perfekten Prinzen bekommen. Nur im echten Leben, da lief das irgendwie anders. Wir hatten uns für superschlau gehalten, direkt mal einen Prinzen zu heiraten, anstatt uns hoffnungsvoll an einen Wüstling zu klammern. Süß war er, gebildet, interessiert und verwegen. Jahre später ist er das vielleicht immer noch, nur irgendwie in nervig. Ihm scheint es ähnlich zu gehen. So richtig nett ist der Umgangston oft jedenfalls nicht mehr nach ein paar gemeinsamen Jahren. Also was ist los mit der Liebe? Was haben wir alle falsch gemacht?

Alain de Botton - Gründer der School of Life und Bestseller-Autor - hat eine ziemlich gnadenlose Antwort darauf! "Wir sind alle mit der falschen Person verheiratet", sagte er unlängst in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Wie er das meint, versteht man bei der Lektüre seines aktuellen Romans "Der Lauf der Liebe". Na gut, ein Roman im klassischen Sinne ist es jetzt nicht, auch wenn der Leser das britische Ehepaar Rabih und Kirsten vom ersten Kennenlernen bis hin zur Paartherapie begleiten darf. Zwischen den Kapiteln gibt de Botton uns ganz sachlich ein paar Hinweise, warum es zwischen Rabih und Kirsten so läuft wie es läuft. Dem Durchschnittsehepaar jedenfalls passiert währenddessen, was halt so passiert im Leben: Eheschließung, Kinder, Ehekrise, Ehebruch, Eifersucht, knallende Türen, rührende Einsamkeit im gemeinsamen Schlafzimmer. Immer mit dabei, so merkwürdig das klingt: Die Liebe.

"Unser Verständnis von Liebe wird durch die ersten verführerischen und ergreifenden Augenblicke irregeleitet und getäuscht."

Während Rabih und Kirsten mit allen Mitteln für den Erhalt der Romantik, gegen Dämonen der Vergangenheit und für die gemeinsame Zukunft kämpfen, klärt uns de Botton kursiv gedruckt so nüchtern über die Hintergründe der großen und kleinen Krisen auf, dass es im Zusammenspiel mit Rabihs und Kirstens Hilflosigkeit fast grotesk anmutet. Das tut er trotz des teilweise fast zynischen Tonfalls aber so behutsam, dass man sich kaum dafür schämt, sich in fast allen Kapiteln wiederzukennen. All die Zweifel, die Wut, die heimlichen Gedanken darüber, was wohl passiert wäre, wenn man einen anderen Weg eingeschlagen, einen anderen Menschen gewählt hätte. Beruhigend legt de Botton einem für solche Momente seine kühle, kursivgedruckte Hand auf die Schulter und man hört ihn fast sagen: Das ist der Lauf der Liebe. Nicht nur deiner Liebe, sondern jeder Liebe.

"Das genau ist Ehe, das haben wir unterschrieben ..."

Warum das so ist? Weil, so de Botton im Buch, "jemanden zu heiraten, selbst den noch so passenden Menschen, heißt letztlich zu wählen, für welche Kombination von Leiden wir uns aufopfern möchten." Weil niemand wirklich auf Dauer immer passend ist. Weil unsere Eifersucht uns gegenseitig einschränkt, Monogamie immer eine Bürde ist und unsere Ängste den anderen immer auf irgendeine Art und Weise verletzen werden. Das klingt erstmal hart, dennoch ist das Buch kein Abgesang der Liebe. Rein gar nicht. Im Gegenteil: Es ist eher ein Gegengift gegen Walt Disney, gegen überzogene Erwartungen an die Vorstellung vom ewigwährenden gemeinsame Glück, das einfach da ist, ohne etwas dafür zu tun. Fast lächerlich wirkt die Erwartung an uns selbst, nach allen Erfahrungen, die wir in unserem Leben gemacht haben, ein immer durch und durch guter Partner zu sein. Doch zurück zu unserem Pärchen:

"Rabih und Kirsten sind bereit für die Ehe, weil ihnen sehr deutlich bewusst ist, dass sie nicht zusammenpassen."

Trotz aller Schwierigkeiten gelingt es Rabih und Kirsten immer wieder, zwischen Haushalt und Dreier-Fantasien, Kindergeschrei und Grundsatzdebatten die Schönheit ihrer Liebe zu entdecken, sich zärtlich den Abgründen des anderen (und auch den eigenen) zu stellen. Und de Botton verlässt den Leser nicht, ohne die Weisheit in einen einzigen Satz zu gießen: Wer eine gelingende Beziehung führen möchte, so schreibt er es über Rabih, "wird lernen müssen, dass die Liebe keine Schwärmerei ist, sondern eine Kunst."


 Wie genau diese Kunst aussehen kann, kann man in "Der Lauf der Liebe" nachlesen.

Alain de Botton
Der Lauf der Liebe
S. Fischer Verlag
288 Seiten
ISBN: 978-3100024435

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Dieser Mann behauptet, wir haben alle den Falschen geheiratet
Dieser Mann behauptet, dass wir alle den Falschen geheiratet haben!

Nein, so richtig überraschend kommt das mit der Enttäuschung nach der Eheschließung ja nicht. Oma hat uns gewarnt, bei Mutti haben wir es erlebt und dass Walt Disney uns mit seinen bescheuerten liebestollen Prinzen eine sagen wir mal ganz leicht realitätsferne Vorstellung von der perfekten Liebe vermittelt hat, liegt irgendwie auch auf der Hand. Und trotzdem sitzen wir nach zehn Jahren Ehe alle irgendwann auf der Bettkante und fragen uns, was da falsch bei uns gelaufen ist. "Nichts", würde der Autor Alain de Botton sagen. Denn die Ehe, so sagt er, ist einfach eine "zutiefst merkwürdige Lieblosigkeit". Warum es trotzdem schön ist, verheiratet zu sein, kann man in seinem Roman "Der Lauf der Liebe" lesen.

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