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Chirurgin mit Herz Dilek Gürsoy: "Frauenherzen sind sensibler"

Dilek Gürsoy: Eine Frau mit pinker Seidenbluse und schulterlangen dunklen Haaren hält ein künstliches Herz
© Imago Images
Die geht ans Herz. Wirklich! Denn: Dilek Gürsoy ist Chirurgin für dieses Organ. Sie liebt die ruhige Arbeit im OP. Doch wenn Frauen ungleich behandelt werden, kriegt sie Puls.

Barbara: Frau Gürsoy, wie unterscheidet sich ein Frauenherz von einem Männerherz?

Dilek Gürsoy: Frauenherzen sind kleiner. Und wenn sie erkranken, dann heftiger. Zumindest zeigt das meine Erfahrung. Zum Beispiel sind weibliche Herzkranzgefäße häufig maroder, weil bei Frauen die Diagnose für Herzkrankheiten oft spät gestellt wird. Außerdem sind Frauenherzen sensibler – von ihrer Beschaffenheit und Gewebestruktur.

Sie sind also verletzlicher?

Ja, das merke ich vor allem, wenn ich eines während der Operation berühren muss: Es neigt dann eher zu Rhythmusstörungen als ein männliches. Deshalb lasse ich junge und noch unerfahrene Assistenzärzte und -ärztinnen auch nicht an Frauenherzen ran.

Sie haben 2012 als erste Frau in Europa ein Kunstherz eingesetzt. Wie war das für Sie?

Ich nahm es zur Kenntnis, aber es war mir relativ egal. In dem Moment war die OP für mich das Wichtigste. Bei solchen Eingriffen bin ich total ruhig. Und dass ich die erste Frau war, habe ich nur erfahren, weil ein Angestellter der Herstellerfirma mir das mitteilte. Als in der Herzchirurgie tätige Frau möchte ich lieber einem anderen Thema mehr Aufmerksamkeit verschaffen.

Welchem denn?

Dass endlich kleinere Kunstherzen auch für Frauen entwickelt werden, die ausreichend Blut pumpen. Eines der derzeitigen Modelle stammt aus den 1960er-Jahren und wurde von Männern für Männer konzipiert. Das liegt daran, dass damals fast nur männliche Koryphäen in der Herzchirurgie präsent waren. Außerdem dachte man zu jener Zeit noch, dass mehr Männer von einer terminalen Herzinsuffizienz betroffen wären. Zum Glück wurde in den letzten Jahren ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass es Frauen genauso treffen kann.

Wie sieht ein Kunstherz aktuell aus?

Ich beschreibe mal das gängigste und bis vor Kurzem einzig zugelassene System. Es wird pneumatisch, also mit Druckluft, betrieben. Es fasst 850 Milliliter und ist 70 Dezibel laut, das entspricht etwa dem Geräusch eines laufenden Wäschetrockners. Nach der OP schauen zwei fingerdicke Kabel aus dem Körper heraus, die mit dem sechs Kilo schweren Antrieb verbunden werden, der es zum Laufen bringt.

Passt so ein Kunstherz in eine schmale Frauenbrust?

Seit 2014 gibt es ein kleineres Modell in Europa, das ungefähr 450 bis 500 Milliliter fasst, doch damit Frauen davon profitieren, müsste es eine höhere Blutmenge fördern. Standard-Kunstherzen sind häufig zu groß, gerade für zierliche Frauen. Natürlich misst man vorher aus, ob das Kunstherz in den Brustkorb der Patientin passt. Trotzdem wird es oft knapp, weil zum Beispiel das Gewebe geschwollen ist. Es kam schon mehrfach vor, dass ich am Ende einer OP den Brustkorb einer Patientin schließen wollte und gemerkt habe: geht nicht, da würde ich was einquetschen.

Und dann bleibt er geöffnet?

Eine Zeit lang schon. Auf die Öffnung wird ein Patch genäht und mit einem großen Pflasterverband überklebt. Anschließend müssen die Patientinnen auf der Intensivstation bleiben. Dort schwemmen wir sie mit Medikamenten aus und geben dem Gewebe Zeit, sich anzupassen, damit der Brustkorb Schritt für Schritt geschlossen werden kann.

Was aber bleibt, sind die Kabel, die aus dem Körper schauen, und der schwere Antrieb. Muss man damit den Rest des Lebens verbringen?

Nein, ein Kunstherz soll nur die Zeit bis zu einer Transplantation überbrücken. Wenn die linke und rechte Herzkammer in ihrer Pumpfunktion so eingeschränkt sind, dass sie die Durchblutung für die übrigen Organe nicht mehr gewährleisten können, kommt es zum Einsatz. Mein Wunsch ist jedoch, dass Kunstherzen auf lange Sicht eine echte Alternative zu Spenderherzen werden, damit man nicht auf den Tod anderer Menschen warten muss.

Haben die denn das Potenzial dazu?

Auf jeden Fall, wenn man sie weiterentwickeln würde. Das weiß ich, weil ich seit mehr als zehn Jahren in dem Bereich forsche. Doch dafür braucht man viel Geld.

Wie sind Sie überhaupt zu Ihrem Beruf gekommen?

Ich wollte schon immer Ärztin werden. Als ich klein war, lag meine Mutter oft im Krankenhaus. Ich erinnere mich an die sterile Umgebung, an die Ärztinnen und Ärzte in ihren weißen Kitteln und wie sie ihr geholfen haben, das hat mich beeindruckt. Hinzu kommt die Prägung meiner Eltern. Uns türkischen Gastarbeiterkindern wurde immer gesagt: Du musst deine Chance hier nutzen. Meine Mutter ist Analphabetin, sie wollte, dass ich studiere und es mir besser ergeht.

Und wieso haben Sie sich auf die Herzchirurgie spezialisiert?

Im ersten Semester durfte ich bei einer allgemeinen chirurgischen OP zuschauen und bei einer am Herzen. Diese filigrane Arbeit am Herzen sprach mich total an, ich wusste sofort: Das ist genau mein Ding. Auch wenn Männer versucht haben, mir den Beruf madig zu machen.

Wie zum Beispiel?

Sie sagten, dass Frauen sich zwischen Kind und Karriere entscheiden müssten. Totaler Quatsch. Mit einem guten Team und der richtigen Organisation geht das, wenn man will. Aber die männlichen Strukturen lassen das oft nicht zu.

In der Chirurgie arbeiten nur fünf Prozent Chefärztinnen …

… und in der Herzchirurgie gibt es derzeit in Deutschland noch weniger Chefärztinnen, was sehr schade ist. Frauen besitzen mehr Fingerspitzengefühl im Umgang mit Herzpatientinnen und -patienten, das habe ich schon oft mitbekommen, auch bei Kolleginnen.

Weil Frauen empathischer sind?

Auch. Es beginnt schon beim Vorgespräch: Wir nehmen uns viel mehr Zeit und reden auf Augenhöhe mit unserem Gegenüber. Außerdem sind wir nach der Operation gerne dabei, wenn die Person aufwacht, streicheln mal übers Gesicht oder den Arm, sagen, dass alles gut verlaufen ist. Selbst am OP-Tisch verhalten wir Frauen uns anders: Wir riskieren nichts. Wenn wir mal nicht weiterkommen, stehen wir dazu und fragen nach Hilfe.

Wie haben Sie es geschafft, sich in Ihrem Job zu behaupten?

Ich war nie der Typ für Konkurrenzkampf und ausgefahrene Ellenbogen, das konnten die Männer unter sich ausmachen. In der Zeit habe ich mich auf meine Patienten und Patientinnen fokussiert und dafür gesorgt, dass sie sich wohlfühlen. Und die haben dann beim Chef Werbung für mich gemacht. Da war kein Hintergedanke dabei, um bei meinen Vorgesetzten besser dazustehen, ich wollte einfach den Menschen bestmöglich helfen. Das ist mein Erfolgsgeheimnis, auch heute noch.

Mussten Sie sich von den "Göttern in Weiß" Sprüche anhören?

Ein Satz, der mir im Kopf geblieben ist, stammt von einem Oberarzt. Er sagte: "Mädchen, wenn du weiterkommen willst, musst du eine Schlampe werden."

Meinte er etwa: sich hochschlafen?

Ja, da war ich 27 Jahre alt. Damals habe ich das einfach so hingenommen, weil wir zu der Zeit noch gelernt haben, dass solche Sprüche dazugehören.

Das ist sicher längst anders.

Ich bin Mentorin für acht Medizinstudentinnen. Von ihnen weiß ich, dass sie sich oft noch das Gleiche anhören müssen wie ich vor 20 Jahren. Bei den Frauen hat sich jedoch was verändert: Die wollen sich das nicht mehr gefallen lassen. Was aber auch zur Folge hat, dass einige ihren Job aufgeben. Ich kann nur für mich sprechen, aber: Kein männliches Ego wird es schaffen, mich vom OP-Tisch fernzuhalten.

Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Ich stehe hier, weil ich gut bin". Wie waren die Reaktionen der Männer darauf?

Dafür bekam ich viel Kritik. Ein Chefarzt meinte, so was würde er nie von sich behaupten. Ich glaube aber, viele lesen den Titel falsch und denken, dass ich damit sagen will, ich sei die Beste. Dabei stehe ich nur selbstbewusst zu meinen Kompetenzen. Das ist wichtig, denn ab einem gewissen Punkt in der Karriere wird das kein anderer für uns tun. Wir Frauen müssen sichtbarer werden.

Dr. Dilek Gürsoy hat eine Praxis für Herzchirurgie und ist Chefärztin in einer Privatklinik in Düsseldorf.

Barbara

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