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Psychologie Dissoziative Identitätsstörung: Die vielen Menschen in mir

Dissoziative Identitätsstörung: abstrake Abbildung von tanzenden Frauen in Kleidern, die verschwommen in einander übergehen
© alexilena / Shutterstock
Jetzt wird es ernst und auch etwas verwirrend: Wer an einer dissoziativen Identitätsstörung leidet, muss mit mehr als einem Ich klarkommen. Tina erhielt die Diagnose vor drei Jahren.

Barbara: Tina, Sie berichten offen über Ihre dissoziative Identitätsstörung, zum Beispiel auf Youtube – warum?

Tina: Es gibt viele falsche Informationen über diese Störung. Filme wie "Split" oder "Fight Club" tragen nicht dazu bei, dass DIS in der Öffentlichkeit richtig wahrgenommen wird. Ich will Stigmen abbauen und aufklären. Als ich vor drei Jahren die Diagnose bekam, warf das 1000 Fragen auf. Ich habe mich in das Thema eingearbeitet und Erklär-Videos gemacht, um diese Diagnose auch selbst besser zu verstehen.

Was geht denn dabei vor sich?

DIS ist echt eine absurde, aber völlig logische Störung. Dissoziieren gehört zum normalen Leben. Man kennt das beim Autofahren, wenn die Gedanken abschweifen: Plötzlich ist man weiter, als man dachte. Das passiert bei vielem, was man automatisch macht. Es ist aber auch eine Möglichkeit für das Gehirn, mit lebensbedrohlichen Situationen klarzukommen, insbesondere für kleine Kinder: Wenn ihnen etwas Traumatisches passiert, übersteigt das die Verarbeitungskapazität des Gehirns. Um nicht ständig in Panik zu sein, werden Teile einfach abgekoppelt und entwickeln sich dementsprechend fragmentiert, sodass die Dissoziation chronisch wird.

Und so war das bei Ihnen?

Ich muss als Kind schreckliche Dinge erlebt haben, von denen ich bis heute nur Bruchteile kenne. Ich kann mich an nichts erinnern, was vor meinem 13. Geburtstag war.

Nicht mal eine Ahnung?

Grundsätzlich kann man sagen: DIS entwickelt sich über Jahre als komplexe posttraumatische Belastungsstörung, etwa nach lang anhaltender Gewalt, langjährigem Missbrauch, Vernachlässigung, Nahtoderfahrungen. Sie wird im frühen Kindesalter angelegt – und nur, wenn es keine sichere Bindungsperson gibt.

Wie verbreitet ist das?

Mehr, als man denkt: 0,5 bis 1,5 Prozent der Bevölkerung haben die Störung, Frauen öfter als Männer.

Aber wenn die Störung so früh im Leben ausgebildet wird, wieso erhielten Sie die Diagnose gerade erst?

Ein Mensch mit DIS ist nicht zwangsläufig dysfunktional. Wir waren im Alltag ein hochfunktionales System, das darauf achtete, dass keiner was merkt – nicht mal ich selbst. Daher sind Selbstzweifel ein Problem: Das Gehirn schafft es ja, dir vorzugaukeln, dass du gar nichts hast! Ich mache mir immer wieder klar: DIS ist meine Realität, auch wenn ich keinen Bock darauf habe. Oft zeigt sich die Störung und die zugrunde liegende komplexe Traumaproblematik erst, wenn man stabil im Leben eingebunden ist und ein sicheres Umfeld hat. So war es auch bei mir.

Wie äußerte sich das?

Albträume nahmen zu, die hatte ich allerdings schon als Kind, extrem realistisch und sehr beunruhigend. Ich konnte immer weniger Reize ertragen und hatte permanent brüllende Kopfschmerzen. Ich war zunehmend durcheinander, hatte Zeitlücken, wollte nicht mehr am Alltag teilnehmen. Ende 2018 konnte ich dann nicht mehr alleine zu Hause bleiben, ich dachte, ich werde verrückt. Da habe ich mich in die Klinik einweisen lassen.

Wann haben Sie erstmals gemerkt, dass etwas bei Ihnen anders ist?

Das hat gedauert. Ich dachte etwa, es sei normal, sich nicht ans Wochenende zu erinnern. Donnerstag bis Sonntag hatte ich immer Black-outs, ich habe das auf Alkohol zurückgeführt. Meine Leute meinten aber, ich hätte gar nicht so viel getrunken. Ich war als bunte Person bekannt. Und ich dachte immer, meine Rastlosigkeit, meine Unzufriedenheit, das wäre halt meine Art.

Aber haben Sie die Diagnose dann sofort geglaubt?

Ja, es passte alles. Amnesie und Zeitverlust sind Hauptindikatoren für eine DIS. Ich habe oft Stunden verloren oder Tage in Fetzen erlebt.

Beängstigend.

Für mich war das ja normal. Und ich kam ganz gut zurecht. Ich habe Kunsttherapie studiert, mit autistischen Kindern gearbeitet, einen Quereinstieg als Lehrerin gemacht. Und im Unterricht zum ersten Mal einen Persönlichkeitswechsel bewusst wahrgenommen.

Wie lief das ab?

Ich stand an der Tafel und dachte, eine Migräne kündigt sich an, es wurde im Kopf so eng. Plötzlich giftete ich wie eine Furie ein Kind an: "Ich weiß genau, was du gerade gemacht hast!" Das war beängstigend. Ich hatte keine Ahnung, was da aus meinem Mund kommt, musste selbst zuhören. Später habe ich rekonstruiert, dass das Kind wohl mit den Augen gerollt hatte und eine Innen-Person komplett ausgerastet ist, weil sie dachte, das Kind mache sich über sie lustig.

Eine Innen-Person?

Ja, wir sind ein ganzes System von Persönlichkeiten. Meine Therapeutin schlug einmal vor, dass ich mein Inneres nach Namen frage. Meine Persönlichkeit "Tina" war schockiert, wer da alles kam.

Wer sind die anderen?

Beim ersten Nachfragen waren es 13 verschiedene Wesen, sieben waren weiblich, sechs männlich. Zu Beginn habe ich die Youtube-Videos auch für mich gemacht: Wenn ein anderer übernimmt, dass ich das auf dem Video sehe. Das war seltsam.

Wer stand schon vor der Kamera?

Es gibt Cory, sie ist ein lebhaftes zwölfjähriges Mädchen, das oft nach vorne kommt, wenn wir sympathisch rüberkommen wollen. Mack überwacht alle Vorgänge, hat die Fluchtwege im Blick, achtet auf Schlaf, Ernährung, Ordnung und darauf, dass wir keine Filme schauen, die uns schaden könnten. Simon ist ein analytischer Kopf und hat einen starken englischen Akzent. Univer ist in der inneren Welt Schlagzeugerin in einer Metal-Band, verheiratet mit Leif, einem Musiker, der auch ein Anteil in mir ist. Sie konnte schon als Teenager alles, was mit sozialer Interaktion zu tun hat, und hat das für uns übernommen. Dann gehört noch Samantha dazu – und jetzt, wo ich über sie rede, ist sie sofort präsent, mir wird warm, ich fange an zu schwitzen. Kein anderer Anteil fühlt den Körper so wie Samantha, ein ausschweifender Anteil, der tanzt, gern flirtet und saufen will. So wollte ich nie sein.

Wie erklären Sie sich das?

Alle Persönlichkeiten sind im Prinzip gut verpackte Traumata. Als ich Samantha näher hinterfragt habe, war sie erst vier Jahre alt. Da frage ich mich dann weiter, warum habe ich einen kleinkindlichen sexuellen Anteil? Und dann erinnere ich mich plötzlich, dass Personen, die ich sehr lieb habe, etwas damit zu tun haben. Und das ist schrecklich. Das macht es so schwer mit Innen-Personen, die man nicht mag – mit denen und vor denen man Angst hat, zu kommunizieren. Sie haben eine traumatische Geschichte zu erzählen.

Welche Rolle spielt Tina?

Sie ist eine Alltagsperson. Ein Teil des Systems, auch wenn sie lange nichts von dessen Existenz gewusst hat, weil sie nach einem Wechsel früher immer Amnesie hatte.

Das klingt in der Tat verwirrend.

Stimmt, und es kann sogar sein, dass die Personen nicht nur verschiedene Fähigkeiten, sondern unterschiedliche Krankheiten oder Sehstärken haben. Unterschiedliche Ansichten haben sie sowieso.

Das muss innere Konflikte auslösen.

Ja, aber ich weiß ja, dass das System angehalten ist, den Organismus zu schützen – nur haben die verschiedenen Personen unterschiedliche Ideen, wie man das handhabt. Jeder Anteil will das Beste, auch wenn sich das manchmal wie Sabotage anfühlt. So ist Leif, ein emotionaler Beschützer, in der Therapie voll auf Abwehr, weil er nicht will, dass Schlimmes ans Licht kommt. Das besprechen wir dann zu Hause. Es ist manchmal nervenaufreibend.

Alle Anteile kommen zu Wort?

Alle, mit denen man reden kann. Viele haben am Anfang nicht mit mir geredet. Darum habe ich dem System Fragen gestellt und eine Art Tagebuch geführt. Das ist ja das Ziel der Therapie: eine bessere Kommunikation im System. Die findet bei uns deswegen auf Englisch statt.

Warum das?

Englisch macht es leichter, abstrakt über Dinge zu reden, die schwer zu verarbeiten sind. Es gibt Systeme von DIS-Betroffenen, die eine völlig eigene Innen-Sprache entwickeln.

Keine DIS-Welt gleicht der anderen?

Jeder ist in der DIS unterschiedlich. Es kommt darauf an, zu welcher Zeit und in welcher Kultur man Kind war. Jüngere mit der Diagnose könnten auch Comicfiguren in sich abgebildet haben – das ist bei mir gar nicht drin.

Wie erleben Sie so einen Persönlichkeitswechsel?

So als würdest du in dir verrutschen. Als würde man von der Realität zurücktreten. Das System verhält sich aber so, dass die Umgebung den Switch nicht merkt. Ein Wechsel kann Stunden dauern oder Sekunden, bei einem hohen Stresslevel ist das schon mal wie Pingpong.

Wie bewältigt man da den Alltag?

In meinem System arbeiten wir in Teams, die verschiedene Lebenssituationen meistern, mit einer Steuerzentrale weiter innen. "Tina" agiert wie eine Maske, hinter ihr können die Anteile switchen, klar, manchmal übernimmt einer komplett und das Verhalten ist deutlich anders.

Kann Ihr System bewusst zu jemand anderem switchen?

Nicht so gut, wir arbeiten dran.

So viele Innen-Personen – bleibt da überhaupt Platz für Mitmenschen?

Ja, klar! Sozialer Kontext ist wichtig, aber solange nicht alles aufgeklärt ist, sollte das nicht deine Primärfamilie sein. Aber man braucht Menschen, die einem Halt geben. Ich war vor Corona richtig gut eingebunden, in die Gemeinde, Arbeit, den Freundeskreis – bin allerdings super unsicher in Beziehungen. Ansonsten bin ich total autark und kann gut mit mir selber sein. Es fällt mir leichter, alles alleine zu machen. Dreht man sich aber nur noch um sich, ist das auch nicht gesund. Ich muss noch mal deutlich sagen: Es ist nicht cool, Headmates wie Elfen und Co. zu haben. Man sitzt nicht zu Hause und hat eine Menge Spaß dabei. Trotzdem kann man auch mit DIS eine glückliche Familie haben, wenn man daran arbeitet. Es ist auf alle Fälle ein Wunder, wie sich das Nervensystem mit DIS helfen kann und die Folgen der Traumatisierung trägt, dafür bin ich sehr dankbar.

Tina begreift sich selbst als System, in dem alle Anteile ihr helfen, das Leben zusammen zu meistern.

Barbara

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