Du bist nicht schön? Selber schuld!

Dr. Ada Borkenhagen, Forschungsschwerpunkt: ästhetische Selbstoptimierung, spricht über den Trend, den Körper als Dauerbaustelle zu betrachten. Die Aussichten sind, nun ja, gruselig.

Interview: Iris Soltau

BARBARA: Frau Dr. Borkenhagen, Sie sind Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin, weibliche Körperoptimierung ist eines Ihrer Themen. Warum sind wir nie zufrieden?

Dr. Ada Borkenhagen: Früher kannte man nur die Körper seiner Familie oder die Darstellungen von Jesus und der Jungfrau Maria auf Kirchenbildern. Heute sehen wir kaum noch normale, sondern perfekte, meist retuschierte Körper. Wir messen uns an diesem hohen Idealbild – selbst wenn wir wissen, dass die Bilder bearbeitet wurden. Dazu kommt die Selfie-Kultur, also die Möglichkeit, in jedem Moment ein Foto von sich zu machen und zu posten. Ich muss also wirklich in jeder Situation gut aussehen.

Meinen wir alle das Gleiche, wenn wir von „gut aussehen“ sprechen?

Wir haben zwar verschiedene ästhetische Präferenzen, aber empfinden Symmetrien als schön, ganz besonders im Gesicht. Und auch hohe Wangenknochen, große Augen, alles, was bei Frauen in Richtung Kindchenschema geht, nehmen wir als attraktiv wahr. Aber ob wir nun dicke oder dünne Menschen schön finden, ist nicht so festgelegt, wie es uns oft glauben gemacht wird.

Obwohl wir curvy Models feiern und gegen Bodyshaming protestieren, bekommen übergewichtige Menschen doch diese „Könnte ja auch mal ein bisschen Sport machen“-Blicke ...

Seit körperliche Attraktivität nicht länger biologisches Schicksal ist, gilt das Motto: Wer nicht schön ist, ist selbst schuld. Der Druck ist enorm. Ähnlich beim Thema Hautalterung. Früher konnten Sie nichts gegen Falten tun, außer Zigaretten und zu viel Sonne zu meiden. Heute, wo es viele medizinische Möglichkeiten gibt, wird es auch sofort zur Pflicht, diese anzuwenden.

Dürfen wir also nicht mehr in Ruhe alt und runzlig werden?

Klar, wenn Sie Keith Richards sind. Bei ihm sind die Falten Beweis seines Rock’n’-Roll-Lebens, das finden wir gut. Aber selbst ein George Clooney benutzt Botox.

Wobei Falten und graue Haare bei Männern ja wieder als sexy gelten. Warum eigentlich?

Unsere Gesellschaft hat vor allem ein Problem mit der alternden Frau, die für uns viel stärker als ältere Männer Tod und Vergänglichkeit verkörpert. Das ist einer der Gründe, warum sich alte Männer so gerne junge Frauen suchen: Sie spiegeln sich quasi in der Jugend der Frau, verdrängen damit die eigene Midlife-Crisis. Ein sehr plakatives Beispiel für dieses Phänomen sind mittelalterliche Darstellungen des Jungbrunnens. Da steigen die alten Frauen rein und kommen als junge Frauen wieder raus. Sie werden aber auf beiden Seiten von jungen Kavalieren begleitet, auf diesen Gemälden sehen Sie keinen alten Mann.

Wie unfair.

In der Tat. Es ist unserer westlich geprägten, patriarchalischen Kultur ganz gut gelungen, die Angst vorm Älterwerden nur auf die Frauen zu projizieren. An denen wird das Thema abgearbeitet.

Leider gibt es auch nicht viele in Würde gealterte Vorbilder.

Sie finden in den Medien, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Prominente, die mit 50 tatsächlich auch so aussieht. Diese Frauen, darauf gebe ich Ihnen Brief und Siegel, lassen alle etwas machen, aber sie reden nicht darüber. Wahrscheinlich liegt das an unserer starken protestantischen Prägung. In Deutschland gilt es als eitel, sich um seine Schönheit zu kümmern. Hier muss alles natürlich aussehen. Niemand darf merken, dass ein bisschen nachgeholfen wurde. Das ist schon sehr heuchlerisch, wenn diese Frauen dann erklären, ihr gutes Aussehen liege an den Genen und dem richtigen Kopfkissen.

Und drei Litern Wasser am Tag ...

Genau. Wobei Natürlichkeit auch immer bestimmten Vorstellungen unterworfen ist. Sie lassen ja auch bei Ihren Kindern die Zähne regulieren, wenn die schief wachsen. Kein Mensch würde sagen: „Ich lass das so, ist doch ganz natürlich.“ Die Amerikaner gehen mit dem Thema ganz anders um. Da soll man sogar erkennen, dass im Gesicht etwas gemacht wurde. Aufgespritzte Lippen gelten als Statussymbol: Seht her, ich kann mir das leisten.

Sind die Menschen nach einem Beauty-Eingriff denn glücklicher?

Vielleicht zufriedener, weil sie sich ihrem Idealbild annähern. Das garantiert ihnen natürlich kein Glück. Früher träumten die Frauen von einem Dior-Kleid. Heute spielt die Kleidung eine untergeordnete Rolle, der Körper ist zu diesem Kleid geworden, könnte man sagen. Damit hofft man, seine Chancen auf dem Partnermarkt, im Job und im Alltag zu verbessern. Insofern macht es Sinn, in Schönheit zu investieren.

Über Tattoos heißt es: Wer einmal damit anfängt, kann nicht mehr aufhören. Gilt das auch für Botox & Co.?

Da muss man unterscheiden. Es gibt körperdysmorphe Menschen, die leiden unter einer Art Hässlichkeitswahn. Sie haben ein inneres hässliches Bild von sich und denken, sie könnten dieses mithilfe von Schönheitschirurgie verändern. Die sind nie zufrieden und machen im Zweifel den Arzt dafür verantwortlich. Auf der anderen Seite gibt es Frauen, die sich an ein gewisses Aussehen gewöhnt haben und das auch konservieren möchten. Das wird mit zunehmenden Alter schwerer und erfordert immer neue Maßnahmen. Man braucht viel Energie, diesen Kampf gegen die Alterungsprozesse aufzunehmen, und letztlich ist er auch heute noch vergebens.

Kann man sich nicht auch einfach weigern, da mitzumachen?

Wir steuern auf eine Zweiklassengesellschaft zu: Menschen, die es sich leisten können, in ihr Aussehen zu investieren. Und jene, die das nicht können. Es wird sich eine Körperkratie, also eine Herrschaft der schönen Körper, herausbilden. Sie werden auf den ersten Blick erkennen, wer zu welcher Schicht gehört.

Und sehen die dann alle gleich aus?

Wenn wir alle diese durchschnittliche Hübschheit erreicht haben, so wage ich die Prognose, wird plötzlich etwas Mode werden, das wir heute als hässlich empfinden. Wie diese Teufelshörnchen, die sich manche Leute unter die Kopfhaut spritzen. Wenn alle Menschen faltenfrei sind, könnten Falten plötzlich wieder total angesagt sein – künstliche Falten, keine natürlichen.

Verrückt. Wie der Trend zur Designervagina. Warum lassen sich Frauen an den Schamlippen rumschnippeln?

Der weibliche Intimbereich, der lange ein Tabu war, ist ein Körperteil geworden, für den ebenfalls ein Schönheitsideal gilt. Früher war uns gar nicht bewusst, dass Frauen im Intimbereich unterschiedlich aussehen. Das hat sich geändert, seit es Mode wurde, sich die Schamhaare zu rasieren. Heute soll das weibliche Genital möglichst wie die Oberseite eines Brötchens aussehen, die äußeren Schamlippen sollen die inneren sauber überdecken. Das entspricht ein bisschen unseren kulturellen Vorstellungen: Während beim Mann das Geschlechtsteil möglichst groß und beeindruckend hervorstechen soll, muss es bei der Frau klein und verschlossen aussehen. Dieses Schönheitsideal wird durch Internet-Pornografie noch gehypt.

Wir wollen emanzipiert sein, beugen uns aber diesen Normen. Ein Widerspruch?

In unserer westlichen Kultur werden Frauen auch heute noch viel stärker über ihren Körper definiert als Männer. Bei einem Mann reicht es aus, dass er Erfolg und Macht ausstrahlt. Da muss er sich eigentlich nur die Haare waschen, und dann läuft’s. Das ist bei Frauen nicht so. Ich bin sicher, dass Angela Merkel nicht Bundeskanzlerin geworden wäre, hätte sie nicht vorher diese Farb- und Typberatung gemacht.

Mit den blondierten Haaren und dem Hosenanzug wurde sie in gewisser Weise wählbar. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Viele Frauen sehen in der Schönheitsmedizin die Möglichkeit, sich selbst zu ermächtigen. Es ist in gewisser Weise ein emanzipativer Schritt, zu sagen: Ich weiß, dass mein Aussehen eine bestimmte Funktion hat. Das kann ich anprangern, aber nicht ändern. Aber ich kann zumindest selber darüber bestimmen.

Denken Sie bei Ihrer Arbeit manchmal: Wahnsinn, in was für einer Zeit leben wir eigentlich?

Nein, früher war es ja nicht anders. Allein die Korsett-Mode! Frauen schnürten sich ein, weil sie von einer Sanduhrfigur träumten. Dabei brachen die Rippen, und innere Organe verschoben sich. Sie litten unter Lungenproblemen, und ihre Kinder kamen oft mit Schäden zur Welt. Oder die Bleipaste, die sich Elisabeth I. ins Gesicht geschmiert hat, um hellere Haut zu bekommen: Die war bestimmt auch nicht ohne.