Edelprostituierte: "Alle Frauen sollten Geld für Sex nehmen"

Die Berlinerin Salomé Balthus schläft mit fremden Männern gegen Bezahlung. Wir wollten wissen, warum sie das tut, was das Ganze kostet und was ihre Mutter dazu sagt. 

von Tina Epking (Interview)

Sie ist klug, schön und hat einen ungewöhnlichen Beruf: Wir haben ein Luxusescort getroffen und uns von ihr unter anderem erklären lassen, warum sie es liebt, mit fremden Männern zu schlafen. 

Barbara.de: Was magst so du an deinem Job?

Salomé Balthus: Es gibt keinen Beruf, in dem man so viel Bestätigung bekommt. Und zwar nicht nur für eine mechanische Tätigkeit, sondern für sich als Wesen. Ich habe das Gefühl, dass ich mich bei den allermeisten Dates fühle, als wenn ich jemanden sehr glücklich gemacht habe und dabei selbst auch noch Spaß hatte. 

Du hast studiert, bist klug, kannst schreiben: Warum wolltest du unbedingt Prostituierte sein?

Ich habe es ausprobiert und es war so großartig, dass ich nichts anderes mehr machen wollte. Ich habe ja gesehen, welche Job-Alternativen es gibt bei Bekannten, die wie ich Geisteswissenschaften studiert haben. Das fand ich alles nicht sehr reizvoll, da hatte ich keine Lust zu, weil zum Beispiel Kellnern extrem schlecht bezahlt wird. Die meisten meiner Kolleginnen sind Geisteswissenschaftlerinnen oder Künstlerinnen. 

Wer kommt als Kunde zu dir?

Ganz normale Männer und einige Frauen. Manchmal auch Pärchen. 

"Ich bin mal im Helikopter ums Empire State Building geflogen"

Was genau kostet ein Date mit dir?

Es fängt an bei zwei Stunden für 800 Euro, vier Stunden kosten dann 1000 Euro, 24 Stunden nur 4000. Es gibt keinen Stundenpreis, für eine muss man auch 800 Euro zahlen. Allerdings gibt es auch die Möglichkeit, mich zu einer Art Vorgespräch zum Essen zu treffen, das kostet 600 Euro. Ich berechne ansonsten nur nach Zeit, nicht nach dem, was ich mit dem Kunden mache. Das ist immer ganz spontan. Ich kann ja jemandem, den ich gar nicht kenne, nicht garantieren, dass ich diese oder jene Stellung mit ihm mache. Vielleicht fühle ich mich an dem Tag nicht danach.

Sind deine Kunden reich?

Nicht alle. Manche sparen wochenlang dafür, andere bezahlen das aus der Portokasse. Es gibt schon reiche Kunden, die durchaus Millionäre sind, aber die Superreichen, die Milliardäre, erwarten, dass sie alles umsonst bekommen. Die haben  ständig Frauen um sich herum, die das umsonst machen, weil sie denken, dass sie dadurch profitieren. Prominente kommen auch nicht zu mir, die haben viel zu viel Angst. Es ist der ganz normale, etwas besser verdienende Mittelstandsmann, leitende Angestellte, Ärzte, Leiter von mittelständischen Unternehmen. 

Was war das außergewöhnlichste Date, das du bisher hattest?

Ich bin schon mal im Helikopter ums Empire State Building geflogen. Manchmal verreise ich mit Kunden, meistens ist es aber das klassische Drinks und Dinner-Date im Hotel. 

Hast du jeden Tag Kunden?

Nein, im Durchschnitt habe ich etwa zweimal die Woche. Manchmal arbeite ich aber wochenlang nicht, weil ich im Urlaub bin oder weil nicht so viele Kunden anrufen. Zum Beispiel zum Jahreswechsel oder im Hochsommer, wenn alle im Familienurlaub sind. 

"Mein Höhepunkt ist essentiell, ohne gehe ich nicht nach Hause"

Stimmt eigentlich das Vorurteil, dass viele nur zum Reden kommen?

Wenn man mal guckt, was man in vier Stunden macht, redet man natürlich auch. Man hat ja eher zwei davon Sex, maximal. Aber ich hoffe natürlich immer, dass es zum Sex kommt, weil das der angenehmere Teil der Arbeit ist. Das macht viel mehr Spaß. Ich würde das ja nicht machen, wenn ich nicht unwahrscheinlich gern Sex hätte. Manchmal gibt es natürlich den Fall, dass einer nur reden möchte, aber das ist selten. Männer wollen vögeln, Frauen auch. Pärchen wollen erst recht vögeln.

Der Sex ist aber nie garantiert, deswegen passiert er so oft bei meinen Dates. Die Leute wollen sich den Sex auch verdienen, sie wollen ihn, weil ich ihn auch will. Die einzige Garantie, die ich gebe ist, dass es, wenn es zu Sex kommt, einvernehmlich ist. Und mein Höhepunkt ist essentiell, ohne gehe ich nicht nach Hause. Notfalls mache ich es mir selbst. Das mögen die allermeisten Männer auch, es erregt sie. Ich kann Selbstbefriedigung nur empfehlen. 

Wie läuft so ein Date überhaupt ab?

Ich treffe mich mit den Kunden erstmal im öffentlichen Bereich eines Hotels oder Restaurants und gucke erstmal, ob die Chemie stimmt. Allein die Tatsache, dass ich weiß, ich muss es nicht, entspannt mich total. In den allermeisten Fällen will ich es selbst, manchmal sogar eher als der Kunde, der aufgeregt und nervös ist und Angst hat zu versagen.

Und wenn du den Mann nicht willst?

Dann ändert es meine Stimmung schon, wenn er mir 2000 Euro im Umschlag gibt. Ich habe mich ja darauf vorbereitet, ich habe mich gepflegt, fühle mich schön, trage diese verdammt superteure heiße Wäsche. Wenn man dann sehr guten Champagner oder Wein trinkt, dann ist man gelöst. Andere gehen in Clubs und bezahlen Eintritt und Drinks in der Hoffnung auf sexuelle Stimmung. Meine Bedingungen sind ja viel besser: Ich möchte die Atmosphäre eines Hotelzimmers mit einem beheizten Marmorfußboden, ich möchte nicht in eine Junggesellenbude, in der das Bett nicht frisch bezogen ist. Menschen im Hotel sind eine besondere Sache. So sieht auch keiner meine privaten Sachen. 

"Vor den Dates bin ich immer wahnsinnig aufgeregt"

Wie oft passiert es tatsächlich, dass du Nein sagst?

Die meisten Männer sind nicht eklig, sondern sehr gepflegte Männer. Wenn das aber mal nicht der Fall ist oder die Chemie nicht stimmt, dann sage ich ihm höflich aber bestimmt und ohne ihn zu kränken, dass es vielleicht besser ist, wenn wir den Abend getrennt verbringen.

Wie hast du eigentlich angefangen als Escort zu arbeiten?

Ich war zu Beginn meines  Studiums Aktmodell an der Kunsthochschule, aber das war überraschend unerotisch und anstrengend, außerdem schlecht bezahlt. Man ist einfach nur ein Objekt, auch wenn die Studenten reizend und oft hochbegabt waren. Deswegen habe ich mich bei einer Agentur als Escort beworben, um meine literarischen Projekte finanzieren zu können. Dann hat es immer mehr Platz eingenommen, weil ich es so faszinierend fand. Ich mache das jetzt seit acht Jahren, mittlerweile aber mit meiner eigenen Website. Die Aufregung hat aber nie nachgelassen, vor den Dates bin ich immer wahnsinnig aufgeregt, aber dann trinkt man den ersten Champagner und dann legt sich das

Hast du eigentlich Vorlieben bei Männern?

Ich mag gern etwas ältere Männer. Männer unter 40 sind oft Berufsjugendliche und noch sehr auf sich fixiert. Männer ab einem bestimmten Alter haben mehr Ruhe und Wärme und wissen auch besser mit ihre Penis umzugehen. Jüngere Männer benehmen sich oft so, als wären sie im Fitnessstudio, sie stehen oft sehr unter Druck. 

Wie hat deine Mutter reagiert, als du ihr erzählt hast, wie du dein Geld verdienst?

Sie meinte, das hätte sie früher auch gemacht, das hätte sie bestimmt auch sehr gut gemacht, aber das hätte sich gegen Ostgeld nicht gelohnt. Wir sprechen ganz normal darüber.

Hast du einen Freund?

Ja, und es stört ihn überhaupt nicht, was ich mache. Wenn es ihn stören würde, würde es mich auch tief verletzen, weil ich es gern mache, weil ich ihn nicht betrüge, weil ich ihn liebe, weil ich die Tätigkeit liebe und weil ich damit Menschen glücklich mache. Mein Freund denkt nicht, dass ihm irgendwelche Körperteile von mir gehören. Dann müsste es ihn ja auch stören, wenn ein Friseur meine Haare anfasst. Ich bin ja kein Gegenstand. Und selbst wenn ich einer wäre, würde ich ja nicht dadurch beschädigt, dass mich ein anderer anfasst. Woher kommt, dass Menschen etwas dagegen haben, dass ihre Partner mit anderen Sex haben? 

Was würdest du jemandem sagen, der meint, dass es das Gegenteil von feministisch ist, dass du Geld für Sex nimmst?

Jeder Mensch verkauft irgendetwas, seinen Körper oder seine Gedanken. Eine Professorin verkauft ja auch ihr Gehirn. Liegt es am Geld? Oder liegt es vielleicht am Sex? Dass die, die mir das vorwerfen, vielleicht verklemmt sind Ich würde sagen: Wie findet ihr es denn, dass Frauen sich schön machen, zum Sport gehen und sich als fickbare Wesen präsentieren und dafür kein Geld verlangen? Ja, dass Männer das sogar erwarten. Ich würde eher sagen, wir sollten Tinder abschaffen und alle Frauen sollten Geld für Sex nehmen. Das ist genauso absurd.

"Ich habe keine Probleme damit jemanden anzuzeigen"

Gibt es Grenzen für dich?

Klar, bei einigen Männern und einigen Abenden bin ich lasziv und mache Dinge, die sonst über meine Grenzen gehen würden. Manchmal habe ich auf Analsex keine Lust, manche Männer küsse ich nicht, dafür möchte ich von anderen hart gefickt werden. 

Haben die Männer die Macht, weil sie dich bezahlen?

Man könnte es auch andersrum sagen: Diese Männer kriegen nur das, was sie wollen, weil sie mich bezahlen. Ich kriege auch Sex, aber ich muss dafür nicht bezahlen. Die Konditorin fühlt sich ja auch nicht machtlos, weil sie für das Verkaufen von Kuchen bezahlt wird.

Bist du eigentlich schon mal in eine brenzlige Situation gekommen?

Sehr selten, aber es passiert. In allen Fällen war das so, dass es nicht absichtlich war, dann habe ich den Kunden darauf hingewiesen und er war beschämt. Ich achte außerdem darauf, dass Kunden nicht koksen, wenn das einer tut, dann bin ich weg. Ich sichere mich ab, ich treffe mich mit Kunden nur in Fünf-Sterne-Hotels, in denen die Männer mit ihrer Kreditkarte einchecken, sie sind also namentlich bekannt, es gibt Zimmernummern es gibt Sicherheitskameras, man muss schon sehr wahnsinnig sein, um einer Frau unter diesen Bedingungen etwas anzutun. Ich bin geoutet, ich habe keine Probleme damit jemanden anzuzeigen. Ich weiß aber, dass genau das für viele meiner Kolleginnen genau das Problem ist: Das ungewollte Outing bei einer Anzeige, spätestens dann, wenn der Anwalt der Gegenseite Akteneinsicht verlangt. 

Du bist freiwillig Prostituierte, manche Frauen allerdings nicht... 

Wenn jemand zur Prostitution gezwungen wird, es ist etwas ganz anderes. Menschenhandel und Sklaverei ist eine schreckliche Sache, das ist kein Beruf. Das hat mit dem, was ich tue, nichts zu tun.

Erzählst du zum Beispiel auf Partys direkt, was du machst?

Das kommt darauf an. Wenn ich mich sehr langweile und im Mittelpunkt stehen will, sag ich es, sonst sage ich, dass ich irgendwas mit Webseiten mache, denn wenn ich es sage, dann gibt es kein anderes Thema mehr für en Rest des Abends. Da kann neben mir ein Weltraumforscher stehen, nichts interessiert die Menschen mehr als Sex und Geschlechtsorgane. Jeder hat eine Meinung zu meinem Job:  Manche sagen direkt, sie wollen nichts mit Prostituierten zu tun haben. Andere sagen, es ist ihnen zu sexuell, das gefällt ihnen nicht oder es gibt die, die damit kein Problem haben und das auch sofort sagen müssen. Und die dann dafür, dass sie mich nicht verurteilen, gelobt werden möchten.

Wie lange macht man deinen Job eigentlich?

Ich kenne welche, die haben mit 50 erst angefangen. Es gibt da keine natürliche Grenze. So lange wie du Sex haben kannst und Spaß daran hast, kannst du das machen. 

 Salomé Balthus (34) ist Prostituierte und Autorin. Sie wohnt in Berlin, schreibt regelmäßig für ihren Blog hetaera.de und eine Kolumne für die Welt. Sie arbeitet momentan an ihrem ersten Roman.




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