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Häufchen Elend Eine Exkursion ins Naturschmutzgebiet

Karina Lübke: eine junge Frau mit Rucksack wandert im Wald
© Maridav / Adobe Stock
Immer mehr Menschen zieht es zur Naherholung in die Wildnis. Unsere Autorin findet das scheiße – aus guten Gründen. Eine Exkursion ins Naturschmutzgebiet.

Mein Urlaub war absolut wanderbar! Ich lief bergauf und bergab durch Natur, die derart natürlich war, dass ich für den Rückweg nicht jederzeit hätte ein Taxi rufen können – nur notfalls die Bergwacht. Die Wanderwege waren zum Glück deutlich gekennzeichnet. Leider nicht nur durch rote oder gelbe Markierungen an den Bäumen, sondern auch durch eine Begleitspur mehr oder weniger weißer Papiertaschentücher in mehr oder weniger fortgeschrittenem Auflösungszustand. Manche flatterten mürbe im Geäst, ohne Kontaktlinsen hätte ich sie glatt für eine badische Version tibetanischer Gebetsfahnen gehalten. Und wo immer ich einen geheimen Abweg erkunden wollte, stand am Ende des Weges kein Haus am See, sondern blühte mir zwischen gelbem Enzian und Alpenglockenblumen eine Ansammlung Taschentücher, zu denen sich oft noch anderer Müll gesellt hatte. Die-se stummen Zeugen schmutziger Geschäfte versauten mir die schönsten Aussichtspunkte.

Ich war also bereits alarmiert, als vor uns auf dem Weg das rüstige Rentnerpaar auftauchte: Er schritt unbeschwert voran, sie trug den Rucksack hinterher. Als wir beide eingeholt hatten, kramte Sherpa-Mutti gerade die Taschentuchpackung aus dem Rucksack, drückte Vati zwei in die Hand, und er wandte sich suchend ins Unterholz. Ich blieb stehen und rief: "He – aber die Taschentücher wollen Sie hinterher nicht da liegen lassen, oder?" "Das verrottet doch", sagte der alte Wandervogel lässig. "Aber wahrscheinlich langsamer als du", zischte ich, bevor mein Freund mich weiterzog.

Schmutzige Realität

Not-so-Fun-Fact: Ein Taschentuch braucht laut österreichischem Alpenverein ein bis fünf Jahre, um sich zu zersetzen. Zigarettenstummel, die im Fußbereich jeder Bank lagen, zwei bis sieben Jahre – und verseuchen dabei bis zu 40 Liter Grundwasser mit Nikotin, Dioxin, Formaldehyd und Cadmium. Eine Energy-Riegel-Packung überdauert 30 bis 50 Jahre, eine Bananenschale immerhin nur ein paar Monate.

Shit and go. Müllberg statt Feldberg. Was für eine missbräuchliche Naturliebe ist das bitte? Wie kann man sich in möglichst ursprünglicher Umgebung erholen wollen – und dann wortwörtlich auf die Natur scheißen? In Schottland gibt es an Bergstationen schon Tütenspender mit "Spezial"-Kackbeuteln für austretende Wanderer und der Anweisung, diese zu nutzen und dann in dafür bereitstehende Eimer zu werfen. Was man für seinen Hund schon lange macht, sollte für einen selbst nur logisch sein. Wer es genau wissen will, kann "How to shit in the woods" (Conrad Stein Verlag) lesen: "Tipps zur Verrichtung des Geschäfts in freier Wildbahn. Zahlreiche Produkttipps für praktische Hilfsmittel – vom Klappspaten bis zur faltbaren Papptoilette." Aber braucht es das wirklich? Ich bin im Hiking noch nicht allzu bewandert, aber wer sich vor seinen eigenen Körperausscheidungen derart ekelt, dass er seine Abwischtücher nicht in einen Ziplock-Gefrierbeutel ein-tüten und zurück in der Zivilisation in den Müll werfen kann, der hat in der Natur nichts verloren.

Karina Lübke schreibt, wütet und spaziert in Hamburg. Neuerdings hat sie stets eine Mülltüte dabei

Barbara

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