Einsamkeit: Kann man mit einer Seniorin befreundet sein

Viele Senioren sind einsam. Was kann man dagegen tun? Ein Verein in berlin vermittelt Freundschaften zwischen Jung und Alt. Kann das funktionieren? Unsere Autorin hat es ausprobiert. 

Hier schreibt Sandra Winkler



Ich wohne in Berlin-Mitte, ein Stadtteil, in dem mir ständig Roller und Skateboards vor die Füße fahren, aber nie ein Rollator. Erspähe ich doch mal einen Menschen älter als 70 Jahre, denke ich: Der hat sich doch verlaufen!

In meinem Alltag habe ich mit alten Leuten rein gar nichts zu tun. Wahrscheinlich stach mir deshalb bei uns im Kiez das Plakat ins Auge. Darauf eine alte Dame, kurz vor 90, würde ich schätzen, die gleichzeitig von zwei jungen Frauen geküsst wird – und dabei glückselig lächelt. Unter dem Foto steht: „Alte Freunde sind die Besten.“


Weniger Einsamkeit


Das Plakat wirbt für den Verein „Freunde alter Menschen“, der sich um Senioren kümmert. Nicht um deren Mahlzeiten, Pflege, Pediküre, sondern ums Zwischenmenschliche. Er vermittelt Besuchspartnerschaften zwischen Jung und Alt.

An dem Plakat komme ich ständig vorbei. Jedes Mal, wenn ich es sehe, steigt Mitgefühl in mir auf – und ein schlechtes Gewissen. Dass sich immer mehr Senioren einsam fühlen, liest man ja überall. Und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie viele von ihnen in ihren Wohnungen verkümmern wie Primeln, die keiner gießt. Um sie müsste man sich doch kümmern! Aber ich tue es nicht. Dabei kostet so eine „Freunde alter Menschen“-Partnerschaft nicht einmal Geld. Nur Zeit. Die ist bei mir allerdings knapp. Weshalb ich mich selbst immer wieder vertröste: Bei dem Verein kann ich mich auch noch melden, wenn mein Leben ruhiger wird. Aber wahrscheinlich gehöre ich bis dahin nicht mehr zu den Freunden, sondern selbst zu den alten Menschen.


Für dieses Experiment mache ich Nägel mit Köpfen. Bevor man mich auf einen echten Alten loslässt, besuche ich einen Infoabend. Anschließend werde ich in einem Gespräch über die Philosophie des Vereins aufgeklärt, und die Mitarbeiterin schaut, ob ich geeignetes Freiwilligenmaterial bin. Kann ja schließlich jeder kommen. Danach gibt es noch ein zweites Gespräch. Vor all dem habe ich im Internet einen Bewerbungsbogen ausgefüllt und wurde in die „Datenbank für Freiwillige“ aufgenommen. Über eine Frage muss ich länger grübeln: „Warum wollen Sie sich engagieren?“ Tja ... Um mein Gewissen zu beruhigen? Das kann man nicht schreiben. Aber Eigennutz steckt schon auch dahinter. Ich erhoffe mir, dass ich mich gut fühle, wenn ich jemandem helfe. Vielleicht kann ich auch von der Lebenserfahrung eines älteren Menschen profitieren oder gewinne Einsichten, wie ich im Alter besser zurechtkommen kann. All das überlege ich – und schreibe: „Ich möchte jemandem helfen, weniger einsam zu sein.“ Auch das stimmt. 


Freundschaft auf Probe? 


Dieser Jemand muss nun gefunden werden. Meine Koordinatorin Julia, die mir vom Verein zugeteilt wird, sucht nach einer Seniorin oder einem Senioren, die oder der zu mir passen könnte. Eine Dame, 86, in Neukölln stellt Julia in einer Mail in etwa so vor: Mit Gehstock ausgestattet würde sie gern mal wieder gemütlich in den Park gehen. Oder einfach nur einen Kaffee trinken und über dies und das reden. Frisch kochen findet sie gut. Allein essen nicht. Vielleicht könnte man später auch einmal ihr Lieblingsessen Schmorgurken zusammen zubereiten.


Klingt sehr nett. Einziger Haken: Mit der Bahn brauche ich 40 Minuten nach Neukölln. Aber da, wo ich wohne, gibt es nun mal kaum alte Menschen. Ich sage zu und schicke mein polizeiliches Führungszeugnis an den Verein. Durch eine Vereinbarung für Freiwillige bin ich sogar versichert. Alles ganz offiziell, alles abgesichert – für beide Seiten. Weitere Regeln: Ich soll keine Geldgeschenke annehmen und auch keine Schlüssel. Bankgeschäfte oder Medikamentengabe gehören nicht zum Besuchsprogramm. Alles klar, kein Problem. Nur die Ratschläge für den Notfall, wenn die Person zum Beispiel trotz Verabredung die Tür nicht öffnet oder bei einem Besuch stürzt, machen mir Angst. Erste Zweifel kommen auf: Will ich wirklich so viel Verantwortung übernehmen?

In der Nacht bevor ich meine neue alte Freundin treffen soll, schlafe ich schlecht. Will ich das wirklich in mein Leben lassen? Wird es mein Leben verändern? Mich traurig machen? Mag ich die überhaupt? Und was ist, wenn sie mich nicht mag? Sollte ich nicht besser meine Eltern und meine eigene 90-jährige Oma öfter besuchen?


Beim ersten Kennenlernen mit Frau Petermann* ist Julia vom Verein dabei. Ich treffe sie vorher in einem Café und erzähle von meiner schlaflosen Nacht. Julia hat vollstes Verständnis und empfiehlt mir, es langsam angehen zu lassen. „Das ist ja kein Job, bei dem man zwei Stunden absitzt“, sagt Julia. „Es geht darum, eine stabile, langfristige Beziehung aufzubauen, die vielleicht sogar in einer Freundschaft mündet.“ Und eine Freundschaft braucht Zeit, die man sich nehmen muss. Sie sagt aber auch: „Ältere Menschen erfahren oft Verlust. Wenn diese Beziehung abgebrochen wird, sind sie frustrierter als vorher.“ Schluck – das will ich natürlich nicht. Aber was, wenn wir uns nun gar nicht mögen? Wie kündigt man eine arrangierte Freundschaft, ohne dem anderen wehzutun?


Ein wenig Beklommen gehe ich mit zu Frau Petermanns Wohnung. Eine kleine, rüstige Frau empfängt uns an der Haustür. Sie trägt diese für das Alter typischen grauen Zuckerwattehaare und eine hellblaue Hose, dazu ein weißes Shirt mit Streifen und Blumen. Wahrscheinlich hat sie sich für den Besuch fein gemacht. Ich habe mir auch lange überlegt, was ich anziehen soll. Jeans schienen mir zu lässig. Also habe ich mich für eine schwarze Stoffhose und einen dünnen schwarzen Strickpulli mit weißen Punkten entschieden, der irgendwie lustig aussieht und vielleicht für eine positive Stimmung sorgt.


Niemand mehr da


Frau Petermann bittet uns ins Wohnzimmer. Vieles erinnert mich an die Wohnung meiner eigenen Oma, die vergangenes Jahr im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Der Fernseher läuft. Ich setze mich auf die Couch. Ihr Stammplatz ist ein Sessel mit Wolldecke und dickem Kissen darauf, von dem aus der Blick direkt auf den Fernseher fällt, den sie nun ausschaltet. In der Schrankwand stehen Familienfotos, ein paar weitere hängen an der Wand. Einen Kupferstich hat ihr Mann selbst gemacht. Vor sechs Jahren sei er gestorben, erzählt Frau Petermann. Dann geht es ausführlich um seine Demenz und seinen Tod. Es folgen weitere Krankengeschichten. Auch das kenne ich von meiner Oma. Nachbarn waren auch immer ein Thema. Ich versuche es damit. Leider kennt Frau Petermann kaum jemanden im Haus. Die Leute würden ständig wechseln. Und Kinder? Konnte sie leider nicht bekommen. Ich sehe keine Bücher, keine CDs. Viel fällt mir nicht ein, über das wir reden können.Am Ende will ich wissen, was Frau Petermann sich von mir erhofft. Sie brauche jemanden, der sie mal aus dem Sessel holt, sagt sie: „Da draußen scheint die Sonne, und ich kann mich nicht aufraffen.“


Auf dem Nachhauseweg mache ich mir Gedanken über mein eigenes Älterwerden. Vielleicht bekommt man im Alter, was man sich in jüngeren Jahren aufgebaut hat. Vielleicht sollte ich mal mit ein paar Hobbys anfangen, die ich auch mit 75 noch machen kann. Vielleicht hilft auch irgendwann ein Haustier. Und ich bin froh, dass ich Kinder habe – auch wenn die vielleicht später in Neuseeland wohnen.

Ein paar Tage später rufe ich Frau Petermann an, um das nächste Treffen zu vereinbaren. Schon nach dem ersten Klingeln geht sie ran. Im Hintergrund läuft der Fernseher. Wir verabreden uns für die kommende Woche zu einem Spaziergang.


Die Stimmung wird besser


Draußen ist die Stimmung gleich viel luftiger, leichter. Wir gehen an einem Kanal entlang und reden über die Zeit, als ihre Familie im Zweiten Weltkrieg in Berlin ausgebombt wurde und fliehen musste, über die aktuelle Flüchtlingssituation, über die Zeitschriften, die sie liest, und über Nelken, ihre Lieblingsblumen. Das war besser, nicht so steif wie beim ersten Mal, daraus kann sich vielleicht etwas entwickeln. Ich rufe wieder an, nächste Woche. Und vielleicht nehme ich irgendwann mal meine Töchter mit, wir werden sehen.

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