Öko-Polizei im Einsatz für die Umwelt? Das hat es gebracht

Unsere Autorin verbannte Plastiktüten aus ihrem Alltag, als die noch als praktische Tragehilfe galten, und mied Flugreisen wie andere das Gespräch mit ihr über gesammelte Flugmeilen. Was hat’s gebracht? Jede Menge schlechte Laune.

Mein ökologischer Fußabdruck ist so klein wie der eines Zwergs. Was schlichtweg daran liegt, dass ich schon so lange unterwegs bin – mit reduziertem CO2-Ausstoß. So lange, dass ich kaum noch weiß, wo ich genau gestartet bin in meinem Ökowerdegang. Es war ein schleichender Prozess, aber doch einer mit Bewusstsein, mit einer Checkliste im Kopf, die über die Jahre immer länger wurde: Die Strecke schaffst du mit dem Fahrrad! Du bist, was du isst! Muss die x-te Jeans wirklich sein? Von diesem Hersteller?

Gestern noch sonderbar, heute schon nachhaltig 

Allerdings war das immer eine eher interne Angelegenheit. Es hat nie jemanden interessiert, wie ich lebe und warum. Denn was heute als nachhaltiger und erstrebenswerter Lifestyle gilt, war bis vor Kurzem vor allem eins: sonderbar. Ich war sonderbar – umgeben von Menschen, die das Leben so nehmen, wie es halt kommt. Lauter kluge Leute, die sich umweltbezogen keinen Kopf machten. Menschenskinder! So, das musste ich mal loswerden.

Manchmal platzt es so aus einem raus 

Zum Loswerden hatte ich in der Vergangenheit kaum Gelegenheit. Sobald ich mit all diesen unangenehm unbequemen Themen kam, war ich die Nervensäge. Schwarzmalerin, Heulsuse, Gutmensch. Ich erinnere mich gut, wie ich Mitte der 1990er-Jahre einen Abend unter Freunden sprengte, als ich den gedankenlosen Gebrauch von Plastiktüten thematisierte.

Das ist jetzt natürlich zu klimaneutral ausgedrückt. Wahrscheinlich hab ich so was gesagt wie: "Ich fasse es nicht, dass ihr da nicht mal drüber nachdenkt!" Verbal, das gebe ich zu, nicht allzu geschickt. Aber wenn man sich nie mit anderen abgleichen kann, sich nie bestätigt sieht, dann platzt es eben manchmal raus. Oder öfter.

Die verrückte Öko-Else aus dem 2. Stock

Fakt ist: Ich habe in der Vergangenheit viele Leute an den Rand gebracht. Ich würde etwa bei der Scharade-Aufgabe "Schalt den Motor ab, das stinkt!" schnelle Ergebnisse erzielen, weil ich mein pantomimisches Können trainiert habe, unter Realbedingungen an echten Autofahrern. Und den jungen Mann, der nicht zu unserer Hausgemeinschaft gehörte, aber dennoch seinen Restmüll in unsere Verpackungsmülltonne stopfte, habe ich noch im Hinterhof gestellt: Was um Himmels Willen er glaube, da zu tun?

Als er mich ratlos anblickte und meinte, wieso, da sei doch auch Verpackung drin, hab ich einzeln aufgeschrien, was da alles nicht reingehört. Taschentücher! Fischgräten! Zigarettenkippen! Während ich ihm also das Sortiersystem unserer Mülltonnen erklärte, sah ich im Augenwinkel meine Nachbarin auf dem Balkon. Im Gesicht: Gleichmut. Und eine Spur Belustigung. Über mich, die verrückte Öko-Else aus dem 2. Stock.

Soll die Politik das regeln 

Ein anderes Mal habe ich es auf die nette Tour probiert. Habe einem Mann, der neben mir am Marktstand Obst und Gemüse einkaufte und sich Tüte um Tüte dafür geben ließ, einen Jutebeutel hingehalten und strahlend gesagt: "Für Sie! Ich hab genug davon!"Er fand das einfach nur komplett übergriffig.

ICH LEIDE. ICH LEIDE NICHT DARAN, mir dreimal zu überlegen, ob ich ein Flugticket buche (und mich meist dagegen entscheide). Es sind nicht die Grübeleien, es ist nicht der Verzicht, sondern die Gewissheit, dass ich in meinem direkten Umfeld und in meinem bisherigen gesamten Erwachsenenleben niemanden dafür begeistern konnte, ein bisschen über seinen Tellerrand hinaus zu denken.

Das ist jetzt sehr pauschal, ich weiß, aber so fühlt es sich an. Ich bekam kein Gehör. Nur Augenrollen, nur Trotz – und vielleicht noch den Verweis nach oben. Soll doch die Politik das regeln! Diese gelebte Gleichgültigkeit hat mich kirre gemacht!

Ich war das Kontrollgremium, das niemand berufen hatte

Und je mehr mir klar wurde, dass meine Versuche, im kleinen Stil die Welt zu verbessern, nichts bedeuteten, desto mehr triezte ich: Ich wies Verwandte darauf hin, dass die Essensreste, die sie da wegwerfen, sehr wohl noch gegessen werden könnten. Ich bat Verkäufer, dem Großhandel zu melden, dass diese und jene Verpackung mich davon abhält, dieses oder jenes Produkt zu kaufen. Ich zog Kollegen auf, die mit dem Auto zum Sport fahren. Ich sagte zu Leuten, die Kaugummipapier fallen lassen: He, Sie haben da was Wichtiges verloren. Ich war das Kontrollgremium, das niemand berufen hatte. Ich litt wohl an chronischem Ökotourette.

Ach, ich könnte mich schon wieder aufregen. Am liebsten übrigens über mich selbst. So komme ich kaum darüber hinweg, dass ich bis vor Kurzem nicht wusste, dass man Kassenbons nicht ins Altpapier geben soll, weil diese beschichteten Zettel Bisphenol A enthalten, welches – etwa recycelt zu Toilettenpapier – im Wasser und somit in Gewässern landet. Dort wirkt es sich negativ auf die Fortpflanzungsfähigkeit von Fischen und anderen Lebewesen aus. Wenn ich überschlage, wie groß mein Beitrag daran war, wird mir ganz anders. Harmlos ausgedrückt: Smiley mit erschrocken aufgerissenen Augen.

Genuss geht nicht ohne Ethik

Mir ist bewusst: Ich bin nicht gut, schon gar nicht besser als irgendwer. Ich habe eine Katze. Die hat in ihren drei Jahren in unserem Haushalt wohl mehr Fleisch (aus Aludosen) vertilgt, als ich in meinen gesamten fleischlosen Jahrzehnten eingespart habe. So was beschäftigt mich!

Apropos fleischlos: Wurde ich in den vergangenen 30 Jahren gefragt, warum ich kein Fleisch esse, habe ich immer geantwortet, dass für mich Genuss nicht ohne Ethik geht. Und ich hab einfach zu viel gesehen. Haltung, Mast, Transport, Schlachtung. Ich belasse es mal bei diesen nüchternen Begriffen. Der Bezug zur Umwelt? Bitte: Massentierhaltung, Futtermittel aus Monokulturen, Artensterben, verpestete und ausgelaugte Böden.

Aber: Ich habe niemandem je das Steak auf dem Teller madig gemacht. Ernährung ist für mich eine höchst private Angelegenheit. Im Gegenzug wurde aber mein Essen ständig kommentiert: Iiiiieeeeh, Tofu! Waaaas, nur Gemüse?! Ach Leute, lasst mich doch einfach in Frieden auf meinem Halloumi kauen und ignoriert bitte das Quietschen.

Falscher Zeitpunkt, falsche Taktik, falscher Ton?

ICH HABE NICHTS ERREICHT in meinem unermüdlichen Einsatz für die Umwelt. Alles Bemerken, Bemängeln, Beklagen, alles Bemühen, Bestreben und Vorleben: für die Tonne. Und woran lag’s? Falscher Zeitpunkt, falsche Taktik, falscher Ton? Wahrscheinlich all das.

Jedenfalls betrachte ich in den letzten Monaten staunend demonstrierende Kinder und Jugendliche, die Umdenken und schnelles Handeln in der Klimapolitik fordern – und wohlwollende Aufmerksamkeit meiner Generation erzielen. Ich nehme zur Kenntnis, dass eine Mehrheit der EU-Abgeordneten für ein Verbot von Einwegplastik gestimmt hat. Ich stutze, dass nun sogar Frau Kramp-Karrenbauer erklärt, die "Bewahrung der Schöpfung"gehöre zum "Markenkern"ihrer Partei – hier mal mit Bezug zum Klimaschutz, kein Seitenhieb gegen die Homo-Ehe.

Esst weniger Burger 

Ich sitze da, schlucke trocken, denke: Geht doch. Und dann denke ich darüber noch einmal nach und noch mal. Frage mich, ob das jetzt eine Mode ist, etwas emsiger den Müll zu trennen und etwas weniger oft ein neues Auto zu leasen. Ist es nur eine Phase, wie einst die Friedensbewegung? Reicht die Euphorie? Meine ist, ehrlich gesagt, längst erschöpft.

Ich mache für mich weiter, im Kleinen. Aber mein Amt als Ökopolizistin gebe ich auf. Die Nachfolge ist geregelt, die Jugend erzeugt ja gerade so eine große, wunderschöne Druckwelle. Da würde so eine verbiesterte Tante wie ich nur stören. Ihr seid super! Lasst euch nicht entmutigen! Esst weniger Burger! Und grüßt mir eure Eltern, die euch ergriffen dabei zusehen, wie ihr das macht, was sie selbst so lange kein bisschen interessiert hat.

Dorthe Hansen ist eigentlich total nett, sagt ihre Kollegin, die neben ihr sitzt. Aber eben auch manchmal ein bisschen, öhm, streng.


BARBARA Oktober 2019

Wer hier schreibt:

Dorthe Hansen
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