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Empathie So lernen Kinder Mitgefühl

zwei Mädchen von hinten trösten sich
© Christian Adams / Getty Images
Mitgefühl – eine Fähigkeit, die unsere Welt besser macht – so die Überzeugung unserer Autorin. Am liebsten würde sie Empathie als Schulfach einführen, bis das so weit ist, hat sie ein paar Ideen gesammelt, wie wir unseren Kinder auch so beibringen können, verständnisvolle und einfühlsame Menschen zu werden. 

Ein Wutausbruch wegen einer Schaufel oder geschnitten Brot, Trotzanfälle wegen vermeintlicher Nichtigkeiten bei den kleineren, Genörgel und Ausraster bei den größeren Kindern. Irgendwann fragt sich jedes Elternteil einmal: Ist das noch im Rahmen? Haben wir einen Narzissten hervorgebracht? Wie machen wir aus dem kleinen Wutbrocken einen empathischen Menschen? Wie man Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt und vor allem die Fähigkeiten für Mitgefühl und Einfühlungsvermögen stärkt, haben wir hier einmal gesammelt.

Empathie, was ist das überhaupt? 

Kurz und knapp: Empathie ist die Fähigkeit, zu erkennen, was in einem anderen vorgeht. Es gibt unterschiedliche Modelle, wie sich Empathie zusammensetzt. Das bekannteste ist der "Interpersonal Reactivity Index" von Davis, laut dem folgende Fertigkeiten uns empathisch machen:

  1. Durch Perspektivübernahme sind wir in der Lage, die Sichtweise anderer einzunehmen und nachzuvollziehen.
  2. Die Fähigkeit, Gefühle für andere zu empfinden, also andere Menschen lieben, uns um sie sorgen oder uns für sie freuen – mitfühlend sein also.
  3. Persönliche Betroffenheit: Das Nachfühlen und sich in andere Hineinversetzen, wenn sie schlimme oder negative Erfahrungen machen. Wir fühlen uns selbst unwohl, ängstlich oder gestresst
  4. Wir können die Gefühle fiktionaler Charaktere teilen und nachfühlen und uns mit ihnen identifizieren.

Warum ist Empathie so wichtig für uns?

Im Grunde ist es ganz einfach: Ein gesundes, soziales Miteinander, stabile Beziehungen auf Augenhöhe, wertschätzende, loyale Freundschaften und Teamfähigkeit im Job funktionieren nur, wenn wir empathisch handeln. Können wir das nicht, wird es schwierig. Mitgefühl, Verständnis, Unterstützung – all diese Eigenschaften beruhen auf Empathie. Doch nicht nur das, auch gesundes Streiten, konstruktiv Kritik üben und auch die Grenzen anderer zu akzeptieren, basieren darauf, Empathie für unser Gegenüber aufzubringen. Der Grundstein dafür wird schon im Kindesalter gelegt – im Sandkasten, auf dem Klettergerüst, beim Rollenspiel in der Kita. Manchmal ist das gar nicht so leicht, auch mal zurückzustecken, anderen Recht zu geben oder sich für unfaires Verhalten zu entschuldigen. 

Von ich, ich, ich zu ich, du, wir

Kommen wir auf die Welt, geht es erstmal um das nackte Überleben. Doch zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr sind unsere Spiegelneurone soweit entwickelt, dass wir Gefühle und Handlungen anderer nachvollziehen können. Der Grundstein ist gelegt und jetzt geht es ans Trainieren. Denn leider muss auch Empathie geübt werden, bis es in unserem System fest verankert ist. Hier kommt der Trainingsplan für Eltern und Kinder.  

#1 Ein Vorbild sein

Wir Eltern sind die engsten Bezugspersonen für ihre Kinder und natürlich auch Vorbild. Empathisch sollten wir deshalb nicht nur unseren Kindern gegenüber sein, sondern auch unseren Mitmenschen. Das bedeutet: ob wir uns für andere interessieren, wie wir mit ihren Sorgen und Ängsten umgehen, ob wir über Gefühle sprechen, uns gegenseitig helfen und auch, ob wir uns engagieren. Umso wichtiger ist es also, auch mal bei sich selbst zu gucken, eigene Muster zu hinterfragen und zu schauen, ob man wirklich wohlwollend mit sich und seiner Umgebung umgeht. Gelingt sicher nicht immer, aber Selbstreflexion ist doch immer der erste Schritt.  

#2 Auf Augenhöhe gehen

Bedingungsloses Vertrauen in die Liebe der Eltern und die Sicherheit, dass wir mit offenen Ohren und Armen bei Sorgen und Problemen für sie da sind, macht unsere Kinder stark. Und das gelingt vor allem dann, wenn sie sich ernst genommen und gesehen fühlen. Wenn wir uns das also anhören, was uns unsere Kinder zu sagen haben, sie und ihre Bedürfnisse genauso wahrnehmen, wie unsere eigenen, miteinander in Kontakt stehen, statt übereinander und uns ohne Tabus, aber natürlich altersgerecht austauschen, dann entsteht daraus eine enge und tiefe Beziehung, in der alle Familienmitglieder gleichrangig sind. Das heißt nicht, dass wir keine Grenzen setzen sollten, aber eben so, dass sie für alle nachvollziehbar und verständlich sind. Das fängt schon ganz simple bei der Sprache an, die wir verwenden und wie wir etwas sagen.

#3 Zeit füreinander

Es klingt simple, aber im Alltag geht das oft unter: aktiv gemeinsam Zeit verbringen. Handy mal beiseite, Fernseher und Laptop aus und sich wirklich miteinander beschäftigen. Das drückt nicht nur Wertschätzung aus, sondern bietet auch Raum für Austausch und Gespräche. Vor allem das Interesse an den Dingen, die dem Kind wichtig sind, schafft eine Verbindung. Und was wir unseren Kindern ganz besonders mit auf den Weg geben sollten: Du bist genau richtig und gut so, wie du bist.

#4 Gefühle lernen

Für Kinder ist der Umgang mit den eigenen Gefühlen bereits ein schwieriger Lernprozess. Wut, Trauer, Scham und Angst sind Emotionen mit denen sie erst einmal lernen müssen, umzugehen. Bloß, weil ein Kind also nicht empathisch auf andere reagiert, heißt das nicht, dass es nicht empathisch ist. Doch erst wenn Kinder lernen, die eigenen Gefühle zu erkennen und zu kontrollieren, können sie emphatischer gegenüber anderen zu sein. Unterstützen können wir sie in diesem Lernprozess, indem wir sie ermutigen über Gefühle zu sprechen und diesen anfangs überhaupt einen Namen zu geben. Ein Kind, das zum ersten mal Wut spürt, weiß schließlich nicht, was dieses grummelige Gefühl im Bauch ist. Auch Konfliktsituationen lassen sich so besprechen und trainieren: Wer hat sich wie gefühlt und warum? Gefühle benennen und aktiv zu hören zu üben, hilft, auch andere besser zu verstehen.

#5 Gemeinsam Tagebuch schreiben

Ein Ritual, dass nicht nur unseren Kindern, sondern auch uns selbst gut tut: Jeden Abend gemeinsam aufschreiben, was besonders toll an dem Tag war. Das ist nicht nur ein schönes Ritual, um den Tag als Familie ausklingen zu lassen, sondern schult auch den Blick für das Positive. Dabei können unterschiedliche Fragen beantwortet werden, zum Beispiel: 

  • "Was war heute das Beste an deinem Tag? Was das Schwierigste?"
  • "Wovon willst du morgen mehr/weniger tun?"
  • "Was hast du heute erreicht, über das du dich gefreut hast?"
  • "Was hat heute jemand Gutes für dich getan? Was hast du Gutes für andere getan?"
  • "Was hast du dir heute Gutes getan?"
  • "Wofür bist du heute dankbar?"

Es müssen gar keine großen Dinge sein und auch wenn die Antworten sich jeden Tag wiederholen, ist das nicht schlimm. Sich überhaupt damit auseinanderzusetzen, was einem am Tag Gutes geschehen ist, lenkt unseren Blick schon in eine andere Richtung.

#6 Gemeinschaftssinn stärken

Soziale Kompetenzen lernen wir am leichtesten im Umgang mit anderen, sowohl im freundschaftlichen Miteinander als auch in Konfliktsituationen. Alles, was wir also in Gemeinschaften erleben, fördert unseren Sinn für andere. Das kann ein Teamsport sein, ein Hobby, das in der Gruppe ausgeübt wird, ein gemeinsames Projekt, etwas Wohltätiges. Wer sein Kind hier unterstützt, etwa an gemeinschaftlichen Projekten teilzunehmen, der stärkt die sozialen Kompetenzen seines Nachwuchses auf ganzer Linie.

#7 Familienrat

Bei Empathie geht es immer auch um die Balance zwischen den eigenen Bedürfnissen, denen anderer und um gegenseitigen Respekt. Das kann man innerhalb der Familie auch super beim regelmäßigen Familienrat üben. So kann sich die Familie beispielsweise zusammensetzen, um Konflikte, wöchentliche Abläufe oder Wünsche zu besprechen.

#8 Emotionskontrolle durch Achtsamkeit

Dass uns Gefühle einfach überrollen und wir uns ihnen ausgeliefert fühlen, kennen wir. Wie sich unsere Kinder fühlen, kann man sich daher eigentlich sehr gut vorstellen. Die Oberhand über die Gefühle zu gewinnen und auch zu behalten, muss man erst einmal lernen. Vor allem Atemübungen helfen, um wieder Ruhe in den Gefühlssturm zu bekommen. Am besten trainiert man diese in entspannten Situationen, um sie dann auch abrufen zu können, wenn die Wut sich ihren Weg bahnt. Wichtig ist auch, schon von Kindesbeinen an zu lernen, sich um das eigene Wohlbefinden zu kümmern und achtsam mit sich selbst zu sein. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unsere Kinder darin zu unterstützen und sie ernst zu nehmen.

#9 Üben, üben, üben 

Es ist alles Übungssache. Je öfter wir empathisches Verhalten anwenden, desto mehr verfestigt es sich in uns. Also heißt es auch für unsere Kinder: trainieren! Es war schon öfter in der Diskussion, emotionale Bildung auch als Schulfach aufzunehmen. In vielen Lebenslagen wäre das sicher um einiges sinnvoller als physikalische Gleichungen zu kennen, die man ohnehin jedesmal nachschlagen kann, die Fähigkeit, über einen Balken zu stolzieren oder Kurven zu diskutieren.


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