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Engagement? Bitte kein Ehrenamt!

Karina Lübke: eine Frau sitzt an einem Schreibtisch mit mehreren Kalendern und Plänen vor sich
© OlgaPS / Adobe Stock
Als hätte man nicht genug um die Ohren, gehört es heute zum guten Ton, sich amtlich, aber unbezahlt zu engagieren. Unsere Kolumnistin echauffiert sich. Gratis.

Das hatte eine Freundin sich auf ihr Sabbatical gefreut! Endlich Auszeit zum Reisen, Ruhen, Reflektieren, und um den schwelenden Burn-out zu löschen. Stattdessen stresst sie nun ein schlechtes Gewissen, denn ihr soziales Umfeld erträgt es kaum, sie untätig zu sehen: "Weißt du schon, in welchem Ehrenamt du dich engagieren wirst?" Es sind eher Frauen, die das fragen. Um dann ungefragt aufzuzählen, wo und wie sie selbst ehrenamtlich die Welt retten. Auch ich kriege permanent auf Social Media moralische Angebote: "Du willst einen Job mit Sinn?" Joah, wäre ein schöner Nebeneffekt – aber vor allem möchte ich einen Job, der meinen Lebensunterhalt zahlt. Unbezahlte Nebentätigkeiten als gesellschaftliches Must-have muss man sich leisten können, da sie nichts einbringen außer Lob und jährlich maximal 840 Euro Ehrenamtspauschale als Steuerfreibetrag.

Es wirkt auf mich, als würden Aufrufe zu ehrenamtlichem Engagement immer dort zunehmen, wo sich der Staat aus seinen einstigen Verpflichtungen rausgezogen hat. Mit Lob verzuckert wird die teure Kümmerei dann outgesourct. Ganz in Tradition weiblicher "Wohlfahrtspflege" übernehmen in meinem Umfeld auch heute noch gut situierte Gattinnen gern gratis Jobs, die ohne Freiwillige echte Arbeitsplätze mit echten Lohnkosten plus Sozialabgaben gewesen wären.

Engagement sollte kein Zwang sein

Nicht falsch verstehen: Natürlich soll sich engagieren, wer kann und will! Ich hochachte alle, die – wie aktuell rund um die Ukraine-Hilfe – Energie und Freizeit spenden. Doch bitte ohne Zwang. Es ist keine Frage der Ehre! Und bewältigen nicht gerade Frauen sowieso schon ein Übermaß unbezahlter Care-Arbeit? Dass statistisch ab dem mittleren Alter etwas mehr Männer ehrenamtlich tätig sind, überrascht nur auf den ersten Blick: Sie können es sich finanziell leisten, und Anerkennung ist eh ihre härteste Währung. Darum schmieren sie dann wohl auch selten Brote: "Freiwillig engagierte Männer üben deutlich häufiger eine Leitungs- und Vorstandstätigkeit im freiwilligen Engagement aus als freiwillig engagierte Frauen", informiert die Initiative Ehrenamt-Deutschland.org. Dabei kann man natürlich mehr glänzen – als unsichtbar wie unbewundert daheim bei der Familien- und Sorgearbeit, die Frauen alltäglich übrigens zu 52,4 Prozent mehr ableisten als Männer.

Was mich – wie im Fall meiner Freundin – ärgert, ist der (Ein-)Druck, dass "gute" Frauen immer noch mehr für andere tun sollen. Immer mehr Jobs erledigen, eingeplant als Gratis-Ressource, für die der Kapitalismus nur Verachtung und der Staat statt Steuergeld Fleißkärtchen übrig hat.

Jede eine Charity-Lady – egal, wie erschöpft sie selbst ist. Aber auch Selbstfürsorge ist wichtig. Auch Eigensinn kann Sinn stiften. Das Bundesinnenministerium betrachtet freiwillige Arbeit als "unerlässlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ebenso wie für die Stärkung demokratischer Werte und Haltungen". Worte sind eben billig.

Karina Lübke lebt und arbeitet in Hamburg. Absolut ehrenhaft – allerdings ohne jegliches Amt.

Barbara

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