VG-Wort Pixel

Liebesrausch Er gab mir so ein Alles-wird-gut-Gefühl

Er gab mir so ein Alles-wird-gut-Gefühl: Pärchen küsst sich
© Look Studio / Shutterstock
Willst du diese Rose? Denk gut drüber nach… Im Liebesrausch können einem schon mal die Sicherungen durchbrennen. Dann also besser keine Entscheidungen treffen. Das weiß Tina, 28, jetzt auch.

"Eigentlich bin ich vielen Dingen gegenüber sehr skeptisch."

Sommer 2017. Ich habe mit einer Freundin Urlaub in Rumänien gemacht. Auf einer Strandparty lernte ich Adrian kennen. Er war auf Heimatbesuch, seine Familie stammt von dort. Er ist mir sofort aufgefallen – ein großer Typ, lange lockige Haare, sehr charmant. Ab da haben wir uns jeden Tag gesehen, viel gemeinsam unternommen. Ich fand ihn außergewöhnlich aufmerksam, was sich vor allem an unserem Abreisetag zeigte. Durch ein Missverständnis hatten meine Freundin und ich Schwierigkeiten, an den Flughafen zu kommen, alles war sehr hektisch – aber Adrian blieb gelassen, organisierte ein Auto, nur seinetwegen erreichten wir unseren Flug noch rechtzeitig. Er gab mir so ein Alles-wird-gut-Gefühl. Das war für mich nicht selbstverständlich. Trotzdem habe ich nicht erwartet, dass aus diesem Urlaubsflirt mehr werden könnte. Doch noch vor seinem Rückflug nach Kanada, wo er eigentlich wohnt, besuchte er mich in Deutschland. Ich war geschmeichelt davon, dass er sich ins Zeug für mich legte, dass er mich unbedingt noch einmal sehen wollte.

Die eine?

Er signalisierte, dass er ernste Absichten habe, dass ich "die Eine" sei. So viel Zuneigung macht etwas mit einem. Mich hat er damit gekriegt. In meiner vorherigen Beziehung bin ich mehrfach betrogen worden, vielleicht hab ich mich deshalb so schnell auf Adrian eingelassen, weil er mir diese Sicherheit suggeriert hat. Er wollte jede Minute mit mir verbringen, egal wie. Ständig haben wir geskypt, später investierte er unheimlich viel Geld in Flüge, damit wir uns treffen können. Die ersten Spannungen gab es, als ich ihm sagte, dass er mir nicht ständig Geschenke machen muss. Wenn ich etwa erwähnt habe, dass ich neue Schuhe brauche, kam ein paar Tage später ein Paket mit neuen Schuhen. Zuerst fand ich das süß, aber er überhäufte mich damit. Als ich das äußerte, bestand er darauf, dass ich die Sachen behalte. Diese übergriffige Art hätte mir ein Warnzeichen sein sollen.

Der nächste Schritt

Nach drei Monaten Fernbeziehung flog ich das erste Mal zu ihm nach Toronto – eigentlich nur, um ihn zu besuchen. Er hatte eine Überraschung geplant, lud mich zu einer Reise ein, ein schönes Hotel an den Niagarafällen. Als wir bei den Wasserfällen standen, fragte er mich plötzlich, ob ich seine Frau werden will. Ich war schon überrumpelt, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Aber ich war eben auch überglücklich, schließlich hielt ich ihn zu diesem Zeitpunkt noch für meinen Traummann. Ich weiß, wie kitschig das klingt, aber ich war wie im Liebesrausch. Heute würde ich sagen: total verblendet. Ich hab tatsächlich Ja gesagt, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Wir haben sogar noch am selben Tag standesamtlich geheiratet. Als ich meine Mutter anrief, reagierte sie geschockt: "Das ist doch gar nicht deine Art, Tina." Sie weiß, dass ich eigentlich nicht der Typ bin, der sich schnell in etwas hineinstürzt, sondern mir Zeit bei Entscheidungen lasse und vielen Dingen gegenüber sehr skeptisch bin. Doch in diesem Fall dachte ich: Wag doch mal was, es fühlt sich richtig an!

Die ersten Warnsignale

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland führten Adrian und ich weiterhin eine Fernbeziehung, sahen uns etwa alle zwei Monate. Doch er wurde ungeduldig, kam immer wieder auf das Thema, ich solle zu ihm nach Kanada kommen. Und er reagierte extrem eifersüchtig, wenn ich Freunde traf. All die roten Flaggen habe ich ignoriert, dachte, es würde bestimmt alles gut werden, wenn ich erst bei ihm in Kanada wäre. Ich war wirklich gut darin, mir Dinge schönzureden.

Auch auf meine beste Freundin hörte ich nicht, sie sagte mir ganz deutlich, dass sie ein ungutes Gefühl habe. Sie fand Adrian arrogant. Wenn er zu Besuch war und wir Freunde besuchten, wollte er früh nach Hause. Waren Freunde bei uns, bat er sie zeitig zu gehen. Ich hab das aber damals gar nicht so wahrgenommen. Nach nur einem Jahr Beziehung kündigte ich also meine Wohnung, verkaufte alle Möbel, mein Auto – und flog mit meinem Kater im Gepäck nach Kanada. In der ersten Zeit lief es gut zwischen uns, es war schön, dass wir endlich zusammen waren, ohne dass gleich schon wieder eine Abreise bevorstand. Ich studierte per Fernstudium zu Ende und bemühte mich um eine Arbeitserlaubnis. Da wir unsere Hochzeit noch nachfeiern wollten, einmal in Kanada mit seiner Familie, einmal in Deutschland mit meiner, begann ich mit den Vorbereitungen. Mein Brautkleid hatte ich bereits in Deutschland gekauft.

Doch plötzlich…

Bald änderte sich die Stimmung. Er verdiente als Handwerker sehr gut und konnte uns beide finanzieren, aber ich wollte nicht abhängig von ihm sein. Doch den Papierkram, den er für meine Arbeitserlaubnis ausfüllen musste, schob er immer weiter hinaus, und mir wurde allmählich klar, dass er gar nicht wollte, dass ich arbeiten gehe. So hatte er mehr Kontrolle über mich: Ich konnte keine neuen Kontakte knüpfen und auch nicht fremdgehen, was seine große, unbegründete Angst war. Auch gab es Probleme mit seiner Familie, sie waren enttäuscht, dass ich nicht kirchlich heiraten wollte. Dass das so wichtig sei, davon war vorher nie die Rede gewesen. Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass mich Adrian in eine Form rein- drücken wollte, die mir nicht entspricht. Vor seinen Freunden gab er nun immer den Vorzeige-Ehemann, doch wenn wir allein waren, wurde er fies: "Geh mir nicht auf die Nerven" oder "Heute kann ich dich noch weniger leiden als sonst" waren so Sätze. Wenn ich ihn mit diesem Missverhältnis konfrontierte, sagte er, ich würde an Realitätsverlust leiden. Er begann, mich wegen Klei­nigkeiten zu terrorisieren, ich hätte seine Socken falsch gewaschen oder den Reis nicht wie seine Mutter gekocht. Es war total verrückt. Seine Zuneigung drückte er weiterhin mit materiellen Dingen aus, aber jegliche Liebe und Zärtlichkeit zwischen uns war weg. Weil er mich so mies behandelte, wollte ich natürlich auch nicht mehr mit ihm schlafen. Er hat es aber trotzdem durchgesetzt. Ich weiß nicht, warum ich da nicht gegangen bin.

Die nächste Stufe

Dann fing es mit den Drogen an. Zuerst kokste er nur am Wochenende, bald häufiger. Um die 800 Dollar pro Monat gingen für seinen Konsum drauf. Im Rausch wurde er aggressiver, schlug Türen kaputt, warf Dinge nach mir. Ich hatte Angst vor ihm, wusste aber nicht, wohin. Wenn er einen schlechten Tag hatte, nahm er morgens meine Autoschlüssel und mein Handy mit. Ich lebte wie eine Gefangene, baute total ab, war niedergeschlagen. In den letzten drei Monaten, bevor ich ihn verließ, kam ich morgens nicht mehr aus dem Bett, nahm zehn Kilo ab und hatte Selbstmordgedanken. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht geweint habe. Doch die Hoffnung, dass er wieder zu dem Mann werden könnte, in den ich mich am Anfang verliebt hatte, konnte ich nicht aufgeben. Ich verstand nicht, wie sich jemand so verstellen oder verändern konnte. Dazu kamen Wut und Scham darüber, dass die Ehe, für die ich so viel aufgegeben hatte, so früh gescheitert sein sollte. Heute weiß ich, dass ich viel zu spät losgelassen habe.

Im Herbst vorigen Jahres sagte er: "Wenn du das nächste Mal nach Deutschland fliegst, dann bleibst du auch dort." Das war fast erlösend, brachte aber keine Leichtigkeit, die Stimmung war weiterhin angespannt. Ein paar Wochen darauf schnappte ich den Kater und packte so viele Sachen ein, wie ich konnte. Auf der Fahrt zum Flughafen schwiegen wir. Ich wollte ihn noch ein letztes Mal umarmen, er sagte nur, dass ich für ihn gestorben sei.

Ein neuer Anfang?

Der Neubeginn in Deutschland war schwer. Mein Selbstwertgefühl war im Keller, es fühlte sich an, als wäre mein ganzes Leben im Eimer. Wie hatte ich mich nur so täuschen lassen können? Geholfen hat, dass meine Familie und meine Freunde zu mir hielten. Ich wohnte erst ein- mal wieder bei meiner Mutter. Zum Glück bekam ich meine alte Stelle an einer Klinik zurück. Vor ein paar Monaten schrieb Adrian, dass er mich vermisse und es noch einmal probieren wolle. Für mich gibt es kein Zurück, ich will die Scheidung. Seit Kurzem habe ich einen neuen Partner. Er hat es nicht immer leicht mit mir, denn ich habe Phasen, in denen mich alles einholt. Ich denke darüber nach, eine Therapie zu machen.

Als ich kürzlich die Bilder von meinem Brautkleid auf Ebay stellte, musste ich heulen. Die alten Gefühle kamen hoch: In diesem Kleid wollte ich den Mann heiraten, den ich geliebt habe. Doch diesen Mann gibt es gar nicht.

Tina N. will in Zukunft nichts mehr tun, was nicht ihrer Natur entspricht. Und Adrian heißt nur in diesem Text so.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Liebe, Beziehung und Persönlichkeits-Forum"  der BRIGITTE-Community vorbei!

Holt euch die BARBARA als Abo - mit vielen Vorteilen. Hier könnt ihr sie direkt bestellen.

BARBARA 09/2020

Mehr zum Thema