Erotomanie oder "Ich weiß, dass du mich liebst!" – Wenn Liebe zum Wahn wird

"Wenn er mich doch nur kennen würde, dann würde er sofort merken, dass ich die Frau seines Lebens bin." Unerwiderte Gefühle oder schon Liebeswahn? Wenn Zuneigung krankhaft wird, nennt man das Erotomanie. 

von Julia Ballerstädt

Ich war 13 Jahre alt, als ich meine erste große Liebe traf – den süßen Typen aus der 10 A. Das wusste ich sofort, als ich ihn sah. Selten habe ich mich mehr über die Doppelstunde Mathe gefreut wie zu Beginn unserer "Beziehung". Nie war ich ihm näher, als in der Pause zwischen den zwei Stunden ätzender Rechnerei. Zehn Minuten für die Liebe! Nächstes Date: Bushaltestelle. Natürlich ganz geheim, reden war nicht nötig und im Leben hätte ich mich nicht getraut, ihn anzusprechen. Aber ich war dennoch sicher: Er liebt mich, er weiß es nur noch nicht! Aber wie meine Mama immer so schön sagte: Andere Mütter haben auch schöne Söhne. Und sie hatte recht! Abgelöst wurde 10A dann später von Robbie Williams, Johnny Depp und Leo DiCaprio. Alles potentielle Kandidaten für die große Romanze nach Hollywood-Manier. Aber natürlich sieht man auch als völlig verwirrter Teenie irgendwann ein, dass diese Gefühle einseitig bleiben und ein reines Hirngespinst sind. Doch es gibt auch Fälle, bei denen genau das nicht passiert und aus imaginierter Liebe ein Wahn entsteht, der auch Erotomanie genannt wird. 

Was ist Erotomanie?

Erotomanie wird umgangssprachlich als Liebeswahn bezeichnet und ist als psychische Störung unter dem Diagnoseschlüssel ICD-10 klassifiziert. Das bizarre Leiden zeigt sich durch eine irrationale, wahnhafte Liebe zu einer unerreichbaren Person, beispielsweise zu einem Prominenten, einem Bekannten oder sogar vollkommen Fremden. 

Betroffen sind vor allem alleinstehende Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Aus Sicht der Erkrankten fühlt es sich jedoch genau andersherum an, also als würde der heimlich Geliebte ihnen nachstellen. Das Fatale: So lange der Belagerte nichts von dem Problem weiß, füttert er unwissend womöglich noch den Liebesrausch und die Wahnvorstellungen. Ein zufälliger Blick wird zum Liebesbeweis verklärt, abweisendes oder zurückhaltendes Verhalten als Schüchternheit ausgelegt oder die irrwitzigsten Gründe wie eine bestehende Partnerschaft oder eine schwierige berufliche Situation vorgeschoben. Der Liebeswahn ist unerschütterlich und konstruiert seine ganz eigene Realität.

Erotomanie und Stalking – Das sind die Symptome

Ein Erotomane ist hundertprozentig davon überzeugt, dass die Liebe, die er oder sie für ihr unerreichbares Objekt der Begierde empfindet, auf Gegenseitigkeit beruhen muss, auch wenn der Geliebte die Liebe ausdrücklich verneint. Der Liebeswahn bleibt bestehen und die geliebte Person wird zum zentralen Fokus im Leben des Erkrankten. Mit Erotomanie geht daher meist auch Stalking einher, also das Nachstellen der geliebten Person. Dutzende Telefonanrufe, Liebesbriefen und Geschenke, sogar Überraschungsbesuche können bedrohlich wirken und sogar werden. Stalking ist seit 2007 strafbar. 

Krank vor Liebe – So wird Erotomanie behandelt

Erotomanie tritt selten in Reinform auf, vielmehr ist sie meistens Vorstadium oder Teil einer Schizophrenie oder geht mit einer manisch-depressiven Störung einher. Durch Symptome wie Halluzinationen oder paranoides Erleben wird die ohnehin schon schwierige Behandlung des Liebeswahns oft noch problematischer, vor allem, weil Betroffene sich meist nicht als krank wahrnehmen und die Therapie daher verweigern.Lässt sich der Erkrankte jedoch auf eine Therapie ein, muss zuerst Ursachenforschung betrieben werden. Nicht selten sind emotionale Lücken der Grund für die Störung, die es zu beseitigen gilt. Wird gleichzeitig eine Schizophrenie diagnostiziert, behandelt man diese mit Neuroleptika.

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