Erst ich, dann ich, dann nochmal ich – Werden wir echt alle immer egoistischer?

Während die einen die Ellbogengesellschaft und die anderen das ganz große Ego der Nation bejammern, ist unsere Autorin sich sicher: So schlimm steht es gar nicht um die Menschheit. Und sie hat einen Experten gefunden, der da ganz ihrer Meinung ist. Ein Glück!

von Miriam Kühnel

Eine Familienfeier, viele Menschen, mittendrin ich. Die Gespräche werden nach dem Likörchen als Absacker immer angeregter und es wird so manche gewagte These in den Raum geworfen. Gefährliches Terrain, das weiß jeder, der schon mal Likör auf einer Familienfeier getrunken hat. Da muss man höllisch aufpassen, auf welche Themen man sich einlässt. Wer einmal fragt, steckt nämlich drin. Ohne Widerrufsrecht. Denn wenn Likör im Spiel ist, kommste aus Gesprächen nicht mehr raus. 

Eine Welt voller Egoisten

"Die Menschheit wird schon noch sehen, was sie davon hat", sagt meine Tante  zum Beispiel mahnend. "Was wird die Menschheit sehen?", frage ich geistesabwesend und bereue es im gleichen Moment schon wieder, denn was als Antwort auf mich niederprasselt, ist ein Abgesang der Humanität, ein Jammerkonzert über fehlende Manieren der Jugend und ein tiefes Bedauern über den Verlust der Hilfsbereitschaft. Nicht nur meine Tante ist sich sicher, dass die Welt egoistischer geworden ist. Auch Onkel Jörg ist ihrer Meinung und am Ende nickt sogar meine Mutter zaghaft. "Ich glaube auch, dass sich alles ein bisschen verändert hat", sagt sie vorsichtig. Und ich weiß sogar, was sie meint. Trotzdem glaube ich diesem Bauchgefühl kein bisschen. 

Die gefühlte Wahrheit und das echte Leben

Ob das nicht alles ein bisschen pessimistisch sei, wage ich einen Vorstoß. Doch das möchte die likörumnebelte Festgesellschaft nicht hören. Schrecklich sei es geworden, sagen sie. Eine unaufhaltsame Tragödie, deren Ausmaß erst irgendwann nach Trump ersichtlich sein würde. Und Leute wie ich, die die Tendenz stoisch ignorierten, seien der Zunder im Feuer einer Wohlstandsgesellschaft, in der keiner den anderen mehr braucht. Aha. Ich fühl mich einen Moment schuldig, dann hake ich genauer nach. Woran meine Verwandtschaft den Egoismus der Welt festmachen? "Ist so ein Gefühl", sagen sie. Und Gefühle trügen ja nie.

Der Experte sagt: Alles Quatsch

Ich rufe einen Experten an. Prof. Dr. Horst Opaschowski ist Zukunftsforscher, Publizist und Berater für Wirtschaft und Politik. Das klingt nicht nur fundierter als das Gefühl meiner Tante, sondern ist es auch. Er kann mir ganz genau sagen, wie es um uns steht, nämlich eigentlich ganz gut. "Solidarität light" nennt er das, was die Forschung in der Gesellschaft wahrnimmt. "Gemeint ist damit ein Geben und Nehmen gemäß dem Motto: Ich helfe dir, aber nur dass wir uns richtig verstehen: Du hilfst dann auch mir", erklärt er. Also sind wir gar nicht so ego? Waren wir das vielleicht auch nie?  "Doch, schon, aber die Ego-Gesellschaft hatte Ihren Höhepunkt in den 80er-Jahren", sagt der Experte. "Die Ereignisse seit dem 11. September 2001 haben die Menschen aber eher wieder zusammenrücken lassen." 

Warum wir gar nicht mal so ego sind

Gründe gibt es für die Familien- und Nachbarschaftssolidarität (light) viele. "Die Rente ist zum Beispiel nicht sicher, die Menschen haben dadurch Zukunftsängste. Das macht den Familiensinn größer." Und nicht nur finanziell sind die Menschen besorgt um ihre Zukunft. "Ich habe letztens in den Nachrichten einen Satz gehört, der mir im Kopf geblieben ist", erzählt Horst Opaschowski. " Die größte Armut ist die Einsamkeit, die Kontaktarmut. Ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Auch dieses Wissen", sagt er, "macht die Menschen altruistischer und lässt sie näher zusammenrücken. "Ist also alles gar nicht so schlimm mit dem Egoismus?", frage ich nochmal, um auch wirklich sicher zu gehen. "Überhaupt nicht", sagt Horst Opaschowski. "Ältere Leute tendieren dazu, die alten Zeiten zu romantisieren. Und wenn früher alles besser war, waren die Menschen eben auch viel selbstloser. Gefühlt zumindest." Und das sagt er so verständnisvoll und charmant, dass man es den Tanten dieser Welt eigentlich gar nicht böse nehmen kann. Aber es ist trotzdem gut zu wissen, dass sie Unrecht haben.


Horst Opaschowski

Der Wissenschaftler und Berater für Wirtschaft und Politik lehrte von 1975 bis 2006 an der Universität Hamburg und leitete von 2007 bis 2010 die Stiftung für Zukunftsfragen. 2014 gründete er mit der Bildungsforscherin Irina Pilawa, seiner Tochter, das Opaschowski Institut für Zukunftsforschung (O.I.Z) in Hamburg.

www.opaschowski.de





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