Es reicht! Warum die Politik vor allem an arbeitenden Müttern vorbeidenkt

Ehegattensplitting, Recht auf Kitaplätze und Elterngeld Plus – all das bewirkt manchmal leider das Gegenteil dessen, was es soll. Unsere Autorin ist Mutter, Redakteurin aus Leidenschaft und sehr, sehr wütend!

Ich werde mir meinen Job ab 2021 nicht mehr leisten können, weil ich Kinder habe. Was wie ein schlechter Witz klingt, ist leider wahr. Die Kinderbetreuungsgebühren für drei Kinder würden mein Nettogehalt für 20 Arbeitsstunden schlicht überschreiten. Ich soll trotzdem arbeiten gehen, wenn mir das gut tut? Ist ja mein Problem, wenn ich so viele Kinder bekomme? Warum ich nicht nach einem Jahr wieder 40 Stunden arbeiten gehe? Alles Phrasen, die ich im Bekanntenkreis schon gehört habe... 

Warum der Pay Gap nur ein Teil des Problems ist

Im Juni wird unser drittes Kind zur Welt kommen. Die beiden Großen besuchen schon die Schule und bis 15 Uhr einen Hort. Das ist übrigens schon ein Glücksfall, denn einen gesetzlichen Anspruch auf Hortbetreuung gibt es nicht. Nur ein Punkt von vielen, der die Familienpolitik in diesem Land auf die höchste Tribüne der Lächerlichkeit hebt. Ja, manche Ideen waren gut. Aber leider, leider wurden nur die wenigsten zu Ende gedacht. Es gibt so viele Dinge, die Frauen milde ausgedrückt nicht gerade dabei unterstützen, beruflich weiterzukommen und damit auch ein ordentliches Gehalt zu haben. 

1. Das Ehegattensplitting

Tolle Sache. NICHT. Denn wenn Eltern sich entscheiden, in Teilzeit zu arbeiten, verschärft der eigentliche steuerliche Vorteil das Problem des Pay Gaps. Wenn ich als Frau weniger verdiene, zahle ich mehr Steuern. Wer geht also in Teilzeit? Ja wohl ganz sicher nicht der Mann, der ja erstens mehr verdient und zweitens auch noch die Steuervorteile hat. Kleines Exempel: Durch das Ehegattensplitting und den Pay Gap würden wir monatlich fast 1000 Euro verlieren, wenn wir beide jeweils 30 Stunden arbeiten würden, anstatt das klassische Vollzeit-/Teilzeit-Modell zu fahren. Das Ehegattensplitting: Leider vorbeigedacht an Familien, die sich gerne gleichberechtigt um Job und Kinder kümmern würden... Eine gute Alternative? Die Anhebung der Kinderfreibeträge.

2. Das Recht auf Kita-Plätze

Es klingt so schön... aber leider kommt auch hier die Realität dazwischen. Denn nicht wenigen Eltern wird ein Platz irgendwo im Nirgendwo angeboten. 30 Minuten Fahrtzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind laut Gesetzgeber zumutbar. Ob diese Fahrt in die entgegengesetzte Richtung zum Arbeitsplatz liegt, wie oft diese öffentlichen Verkehrsmittel fahren und ob die Öffnungszeiten der Kita auch nur halbwegs zu den eigenen Arbeitszeiten passen: völlig egal. Also ein netter Gedanke, in manchen Regionen leider aber nicht mehr als das. Und selbst, wenn das Recht uns einen tollen Platz bescheren würde, es gibt:

3. Kein Recht auf Hortbetreuung

Glückwunsch an alle, deren Kinder auf Ganztagsschulen gehen, Oma und Opa in der Nähe wohnen haben oder die von zuhause aus arbeiten. Ist leider nur nicht die Regel. Gerade auf dem Land gibt es oftmals gar keine Nachmittagsbetreuung oder zu wenige und überteuerte Hortplätze. Schade für alle Mütter, die etwas länger als bis 12 Uhr arbeiten gehen. Geht dann halt nicht mehr, wenn das Kind 6 wird.

4. Keine verlässlichen Kosten für Kita und Co

Wo wir gerade beim Hort sind...Ein Platz in ebendiesem soll 180 Euro pro Kind im Monat kosten. Plus dann etwa 650 Euro Krippengebühren und wir sind ZACK bei einem Betrag, bei dem einem nur noch die Ohren schlackern. Wieso ich mir da nicht vorher Gedanken gemacht habe? Habe ich! Doch erst nach dem Schwangerschaftstest wurden die Krippengebühren bei uns in der Gemeinde mal eben um 54 % erhöht (ja, das ist erlaubt!) und der Plan, ab 2021 eine Ganztagsschule zu installieren, wurde nochmal um zwei bis drei Jahre verschoben. 

5. Elterngeld Plus

Ja, auch das Modell haben wir uns natürlich angesehen und mussten laut lachen. Was wir uns vorstellten: Mama und Papa gehen abwechselnd arbeiten, der jeweils andere kümmert sich solange um das Baby. Laut Elterngeld-Plus- Broschüre ist das der Gedanke, der unterstützt werden soll. Dann die Konditionen: Elterngeld Plus berechtigt sind alle Eltern, die BEIDE MINDESTENS 25 Wochenstunden arbeiten... Mh. Wie zum Teufel soll das mit Anfahrt zum Arbeitsplatz funktionieren??? Schon ohne Anfahrt bringt das Modell vor allem eines: Dass ich den Vater meiner Kinder nicht mehr sehe. Dass wir beide irgendwann völlig ausgebrannt sind. Dass ich nicht stillen kann. Und dass wir samstags und sonntags arbeiten. Abwechselnd. Super Maßnahme, liebes Ministerium!

Ganz ehrlich: Ich könnte diese Liste noch absurd lang werden lassen, doch es bringt ja nichts.... Fakt ist: Ab 2021 übersteigen die Betreuungsgebühren meiner Kinder mein Nettogehalt. Fahrtkosten zum Arbeitsplatz noch nicht einmal mit einbezogen. Als ich das unter Tränen meinem Mann berichtete, antwortete er mir: "Schatz, wir schaffen das schon. Wir können uns das bestimmt irgendwie leisten, dass du arbeiten gehst! Du liebst deinen Job!" Und eigentlich sagt dieser Satz so ziemlich alles aus. Denn ich bin eine gebildete Frau. Eine verdammt gute Arbeitskraft. Es entbehrt jeglicher Würde, meinen Job zum teuren Hobby zu erklären. Das habe ich nicht verdient, das hat wirklich niemand verdient. Der Pay Gap, über den wir heute reden, ist nur die Spitze des Eisbergs. Darunter verbirgt sich ein Koloss der schlechten politischen Entscheidungen, die Frauen und insbesondere Müttern ihre berufliche Würde nehmen und sie völlig demoralisieren. Kinder zum privaten Luxus zu erklären, wird jedenfalls nicht dem Fakt gerecht, dass wir sie dringend brauchen, um Renten zu finanzieren. Meine wird ja zum Glück nicht so hoch. Da hat die Rentenkasse Glück. Schließlich kann ich mir meinen Job erstmal nicht mehr leisten...