Ex-Prostituierte Ilan Stephani: "Männer gehen frustrierter als sie gekommen sind"

Sie hat zwei Jahre in einem Bordell gearbeitet und ein Buch darüber geschrieben. Wir haben mit Ilan Stephani darüber gesprochen, wie sie eine Hure wurde – und warum sie irgendwann keine mehr sein wollte. 

von Tina Epking (Interview)

Sie ist ganz anders als man sich eine Hure vorstellt: Ein Mädchen von nebenan aus gutem Haus und mit den besten Noten, das nie mit Drogen zu tun hatte. Trotzdem hat Ilan Stephani zwei Jahre in einem Berliner Bordell gearbeitet. Freiwillig, weil sie keine langweilige Studentin sein wollte. Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben. Im Interview mit Barbara.de spricht sie darüber, warum Männer ihr leidtun, sie Sex mit Fremden nie eklig fand und sie irgendwann doch keine Hure mehr sein wollte. 

BARBARA: Wie ist es dazu gekommen, dass du im Puff gearbeitet hast?

Ilan Stephani: Ich war schon in der Schule eine Feministin und mir sehr sicher, dass Prostitution patriarchale Gewalt ist, eine gekaufte Vergewaltigung. Deswegen war ich dagegen. In dieser Zeit habe ich auch in mehreren der Schriften von Alice Schwarzer von der Hurenorganisation Hydra gelesen. Als ich nach Berlin gezogen bin war ich neugierig, den "Feind" kennenzulernen. Dort bin ich überrascht worden: Ich dachte im ersten Moment, es seien gar keine Prostituierten anwesend, aber ich habe sie nur nicht erkannt, weil alle genauso waren wie ich.

Warum wolltest du es denn unbedingt selbst ausprobieren?

Ich bin einfach sehr gerne mit Menschen in Kontakt. Mich hat als Tochter aus gutem Hause gereizt, den Käfig zu sprengen, ich wollte ausbrechen. Ich hatte gute Noten, ich habe Philosophie und Kulturwissenschaften studiert, ich wollte diesen vorgefertigten Weg für mich aber nicht. Ich wollte keine langweilige Studentin sein. Der Puff war für mich eine Möglichkeit, andere Facetten von mir kennenzulernen. Ich nehme für meine Neugier viel in Kauf.

Aber warum musste es bezahlter Sex sein, um auszubrechen? Es hätte ja noch andere Möglichkeiten gegeben...

Ich glaube, viele Menschen möchten rebellieren. Ich habe zum Beispiel nie mit Drogen zu tun gehabt, das hat mich nicht interessiert. Ich dagegen war viel mit Frauen zusammen, die überlegt haben, was sie tun können, um zu schockieren. Meine Freundinnen waren auch nicht so überrascht, sondern eher interessiert, als ich ihnen davon erzählt habe. 

"Ich habe mich nie als gefallenes Mädchen gesehen"

Fandest du es denn nie befremdlich, mit völlig fremden Menschen zu schlafen?

Nein, das tut mir leid (sie lacht), das werde ich oft gefragt, aber ich fand das nie befremdlich oder eklig. Ich habe mich auch nie wie ein gefallenes Mädchen gefühlt. Ich habe es mir ja selbst so ausgesucht. 

Du schreibst in deinem Buch, dass der Großteil der Männer sehr nett zu dir war?

Ja, das war so, und es ist mir wichtig, das zu sagen. Das Klischee ist, dass Freier Monster sind. Das habe ich aber wirklich nicht erlebt. Männer, die in den Puff gehen, wollen nicht alle etwas Grausames durchziehen, die suchen genauso wie draußen einfach nur Kontakt. 

Du schreibst, dass Männer einem eigentlich nur leidtun können. Warum?

In unserer Gesellschaft lernen Männer und Frauen generell nicht, was guter Sex ist. Sie sind sehr verkrampft. Das habe ich auch im Puff erlebt, das die Männer sich nicht trauen, laute Geräusche zu machen, sich nicht entspannen können, dass man auch mal lachen kann. Sex ist eine verschwiegene und sehr ernste Angelegenheit. Männer leiden sehr darunter, dass Frauen misstrauisch sind, weil es ja Gewalt gegen Frauen gibt, seitdem es das Patriarchat gibt. Ich glaube, dass Männer Frauen wirklich glücklich machen wollen mit ihrem Penis. Es ist ein Missverständnis: Im Kern passen Frauen und Männer gut zusammen und genau diese Bestätigung suchen die Männer bei Prostituierten. 

"Prostitution ist eine Sackgasse"

Aber die Prostituierte spielt doch nur etwas vor...

Ja, das ist natürlich keine Lösung, sondern eine Sackgasse, weil die Prostituierte sie nur bestätigt, weil sie dafür bezahlt wird. Deswegen gehen Männer auch frustrierter weg als sie gekommen sind. Sie sind nur ein bisschen ruhiggestellt nach dem Orgasmus. Sie merken weniger, wie ratlos, hilflos und unglücklich sie sind. 

Sind deutsche Männer unglücklicher als andere?

Nein, das ist ein westliches Kulturphänomen. Alle Gesellschaften, die denken, dass man die Dinge des Lebens erkaufen, an einem Wochenende lernen oder im Puff bekommen kann, sind grundsätzlich eher unglücklich. Alle Wohlstandsgesellschaften sind in diesem Punkt naiv. Alle Völker, die mehr im Einklang mit der Natur sind, haben da bessere Karten. Man braucht Geduld für die Liebe und guten Sex. Wir bräuchten mehr Demut und müssten üben, ein paar Jahre lang. Ich kritisiere auch die Konsumhaltung, dass man schnell irgendwohin gehen muss, damit einem jemand einen runterholt. Es geht ja vor allem um Geld.

Apropos Geld – bezahlen Männer tatsächlich oft, um vor allem zu reden?

Ich habe mit wirklich allen, allen, allen geredet, das Gespräch und soziale Interaktion ist fester Bestandteil für mich gewesen. Nur reden wollen nicht wirklich viele, aber eben auch reden. Es muss nicht immer Penetration sein. Vieles lief anders ab, als man sich das vorstellt. Es geht nicht nur darum, dass der Freier die Hure vögelt.

"Ich habe nur mit Frauen gearbeitet, die freiwillig Huren waren"

Wie haben deine Eltern eigentlich reagiert, als du ihnen von deinem Job erzählt hast?

Sie waren erstaunt und besorgt, sie hatten viele Fragen. Ich habe ihnen viel erklärt, damit sie sich beruhigen konnten, nachdem sie es erfahren haben. Aber sie haben sehr schnell klargemacht, dass ich ihre Tochter bin und bleibe –  und leben kann wie ich möchte. 

Du konntest es dir selbst aussuchen. Das geht nicht allen Frauen so...

Natürlich gibt es auch Zwangsprostitution. Ich finde die Vorstellung fürchterlich, dass Frauen, die dazu gezwungen werden, mit zehn, fünfzehn Männern am Tag Kontakt haben, die auch mal genau hingucken und helfen könnten. Die zur Polizei gehen und Frauenleben retten könnten, die aber feige sind und lieber weggucken. Das sind allerdings zwei verschiedene Dinge für mich. Ich selbst habe nur mit Frauen gearbeitet, die freiwillig Huren waren. Ich hatte überhaupt keine Berührung mit Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden. Da haben die Hausdamen in unserem Bordell sehr drauf geachtet und uns auch geschützt.

Größtenteils waren deine Erfahrungen positiv. Aber nicht nur. Welche schlechten Erfahrungen hast du denn gemacht?

Ja, es gab mehrere negative Begegnungen. Eine war besonders schlimm, weil der Mann einfach ein Arschloch war und ausgenutzt hat, Frauen zu überrumpeln. Er hat mich brutal angefasst. Das Problem war, dass ich auch nicht rechtzeitig Stopp gesagt habe, weil ich es als Kind nicht gelernt habe. Wir müssen unseren Töchtern beibringen 'nein' zu sagen. Und zwar bevor wir ihn beibringen, gut auszusehen und sexy zu sein. Es ist wichtig, das Frauen sexuell Grenzen setzen können. Wir müssen alle umdenken. Frauen sollten ihr Selbstwertgefühl davon entkoppeln, wie sie auf Männer wirken. Männer sind auf Sex fixiert anstatt ihn zu lieben. Dabei sind sie viel weinerlicher als Frauen, sie sind schneller eingeschüchtert und überfordert. Sie wollen vom Sex bestätigt werden nicht infrage gestellt. Frauen sind mutiger. Sie müssen nur lernen, dass sie Männern ebenbürtig sind, wenn sie sich wehren. Auch körperlich.  

Du hast dich nie als Opfer gefühlt?

Nein. Der Mann wurde in unserem Puff nur von Frauen begleitet. Wir konnten jederzeit ablehnen, wenn uns jemand nicht gefiel. Der Mann musste in unserem Puff den Frauen die Führung überlassen, er ist mir als Hure eher gefolgt. Natürlich gab es auch Momente der Unsicherheit kurz bevor ich einen neuen Kunden zum ersten Mal sah – es hätte ja mein Nachbar sein können. Aber ich hatte nie wirklich Sorgen. 

Warum hast du schlussendlich aufgehört?

Weil ich ein sexuelles Erweckungserlebnis hatte bei einem Frauenworkshop, bei dem wir den G-Punkt erforscht haben. Danach wusste ich, dass ich nicht mehr in den Puff zurückkann. Ich habe dann sehr schnell aufgehört. Heute bin ich Körpertherapeutin und arbeite besonders mit Frauen. 

Ilan Stephani wurde 1986 in Berlin geboren und wuchs in Niedersachsen auf. Während ihres Studiums entdeckte sie durch die Prostituiertenorganisation Hydra die Möglichkeit, sexuelle Erfahrungen außerhalb ihrer bürgerlichen Herkunft zu sammeln. Heute arbeitet sie als Körpertherapeutin und Autorin. Ihr Buch „Lieb und teuer. Was ich im Puff über das Leben gelernt habe“ ist im Ecowin Verlag erschienen und kostet 20 Euro.





Foto: PR

Themen in diesem Artikel