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(S)Experiment Porno-Spiele am Rechner: Geht da was?

Experiment: eine Frau mit Kopfhörern sitzt vor Gaming Bildschirmen
© Anton / Adobe Stock
Ausweitung der Kampfzone: Der Erotikmarkt daddelt in der Gaming-Szene rum. Oder umgekehrt. Unsere Autorin hat sich eingeloggt – für avatarischen Sex.

Falls es Generation Nintendo gibt – ich gehöre dazu. Ich stand quasi vor der Verlobung mit Super-Mario, dann habe ich ihn für Link, den schlappmützigen Helden aus "The Legend of Zelda", verlassen und seitdem so ziemlich jedes Point-and-Click-Abenteuer durchgespielt, das mit meinem Rechner kompatibel ist. Damit bin ich Mainstream, etwa die Hälfte der Gaming-Community ist weiblich.

Eine Freundin fragt mich, ob ich schon mal was von Porno-Games gehört habe. Nö, aber kann das vielleicht Spaß machen? Neugierig lande ich auf der amerikanischen Plattform PornGamesHub. Dort werden etwa 2500 Spiele frei angeboten in fast 80 "Adults only"-Kategorien. Ohne echte Menschen, dafür im Stil von Zeichentrick, Manga, Animation – darunter so bekannte Welten wie "Die Simpsons". Beim Anblick der nackten Marge von hinten und ihrem gelben Riesenhintern in Aktion klicke ich schnell weiter. Was wohl die Original-Simpsons dazu sagen?

Unten auf der Seite ein Hinweis für Werbekunden, die Plattform stellt Nutzerdaten bereit: 97 Prozent männlich, davon 60 Prozent zwischen 18 und 34 Jahre alt. Das bin ich definitiv beides nicht, mir fehlt die Schwanzsteuerung. Trotzdem entscheide ich mich für "University of Problems": Bei der Spielfigur habe ich keine Wahl, ich bin ein schlacksiger Milchgesicht-Avatar. Den nenne ich Horst. Horst freut sich aufs College, denn da sind lauter anatomisch absurde Girls mit Melonenbrüsten, Apfelärschen, Bananenlippen. Alle Figuren haben ständig den Mund offen und sehen so aus, als ob sie heimlich Trockenfutter rauchen. Horst muss sich beliebt machen. Auf seinem Handy, erkennbar an einem Icon links oben auf dem Bildschirm, kann Horst Nachrichten checken und sehen, mit wem er Liebes- und Beziehungspunkte gesammelt hat und ob seine Skills in den Rubriken Stärke, Intelligenz, Lust und Basketballspielen gestiegen sind. Also sitzt Horst oft in der typischen Rundrückenhaltung herum und glotzt auf sein Gerät. Ist das öde!

Beim Duschen die Tür auflassen?

Nächste Aufgabe für Horst: Prepare for your date! Ich hab den Überblick verloren, mit wem. Jedenfalls muss Horst duschen und sich ein frisches T-Shirt anziehen. Das Spiel fragt mich, ob ich beim Duschen die Tür auflassen will, und schickt eine Studentin vorbei, weil die grad so Lust auf ’nen Blowjob hat und sich Horst quasi überstülpt: "Mmmh slurp slurp" – ich muss lachen. Auch über den Untertitel der nächsten Szene: "Plötzlich herrschte eine gravierende, aber schmerzvolle Stille. Horst wagte nicht, sich das kleinste bisschen zu bewegen, während Nathalie gedankenversonnen aus dem Fenster starrte."

Nach einer Stunde reicht es mir mit horny Horst. Bleibe kurz an einem anderen Spiel hängen, in dem ein grüner Oktopus eine Frau im weißen Gummikostüm mit seinen Tentakeln beglücken will. Das finden Menschen sexy? Also ich allenfalls skurril. Aber vielleicht dürfen Sexspiele gar nicht so anspruchsvoll sein, wenn’s gut läuft, ist das Blut ja eher nicht im Gehirn.

Weiter geht’s mit: "Cockham Superheroes". Die Hauptfigur hat den Körper eines Schwarzeneggers mit dem Gesicht eines Kindes und eine Riesenrute, die in ein Suspensorium mit Supermann-Aufdruck gehüllt ist. Geil. Damit gewinne ich garantiert jeden Pimmel-Contest. Der potente Knabe wird in Cockham City von Captain Milf empfangen. Sie sprengt das Kostüm von Captain Marvel mit Brüsten groß wie Medizinbälle. Black Widow, Wonder Woman, Cat Woman und Powergirl sind auch da, genauso zweidimensional aufgepumpt. Ich bekomme den Auftrag, den "Prince Albert Cockring of Lust" zu finden. Müsste es nicht Prince Andrew heißen? Egal, zunächst muss ich eh ins Fotostudio für das "Superhero Pferdeleckerli Limited Edition Kalender-Shooting". Die notgeile Fotografin kreischt: "Das ist der größte Monster-Teenage-Liebesmuskel, den ich je gesehen habe", bevor sie sich das Ding komplett in den Rachen schiebt. Nun. Dann denke ich, das Spiel hat sich aufgehängt, weil das Blase-Stück monoton vor sich hin ruckelt. Ach … das soll so. Den Hänger hab jetzt erst mal ich, mein Spieltrieb ist eingeschlafen.

Ein Phänomen der Neuzeit?

Ich frage mich und dann bei "Games", dem Verband der deutschen Games-Branche, wie groß der Markt für virtuelle Sexspiele ist, wie er sich entwickelt, wie viel Corona damit zu tun hat. Der Pressesprecher ist sehr nett, weiß aber überhaupt nicht, welche Art von Spielen ich meine. Nachdem ich ihn aufgeklärt habe, sieht er keine Zuständigkeit. Schade.

In den nächsten Tagen treibt mich daher weiter die Frage um, was für eine Art Sexualität sich auf – nennen wir es neutral: Kunstwesen richtet. Ist das ein Phänomen der Neuzeit oder haben Menschen vielleicht schon früher von einem flotten Dreier mit Mona Lisa und Michelangelo feuchtgeträumt? Dazu finde ich nichts, aber ich stoße im Internet auf den Ausdruck "digisexuell", er meint das Auslagern der sexuellen Identität ins Digitale und Technische, auf Internetseiten, Sexroboter und Hologramme. Das Phänomen sei jedenfalls ein deutlicher Trend, so diverse Untersuchungen. Leuchtet ein: immer verfügbar und in Pandemiezeiten auch noch safe.

Dann entdecke ich, dass von vielen Kampf- und Actionspielen, wie "World of Warcraft", "Fortnite" oder "Assassin’s Creed", die bei Männern hoch im Kurs stehen, Pornovarianten existieren. Ballern und bumsen – beliebte Kombi, Hauptsache wegknallen.

Parody Games

Parody Games nennt man das Genre, in das etwa – Achtung: Wortspiele – "World of Whorecraft", "Fucknite" und "Assassin’s Seed" fallen. Grafik, Setting und Charaktere sind ziemlich identisch zum Original, die Story leicht verändert, wie eine Startseite verrät: "In 'World of Whorecraft' haben die Orks Menschen zu ihren Sexsklaven gemacht. Die Männer dienen der Zucht, die Frauen als unterwürfiges Spielzeug für die sexverrückten Orks. Du bist ein männlicher Rebell in Menschengestalt, der die Menschheit retten muss. Während deiner Reise musst du dich fortpflanzen und die Orks abschlachten. Die verzweifelten Sexsklavinnen werden dich nach der Befreiung mit allem belohnen, was du willst." Sitzen da wirklich Kerle mit der Hand am Knüppel vorm Bildschirm und schießen sich von einem Höhepunkt zum nächsten? Was für ein beklopptes Pimmelfahrtskommando.

Ich schwanke zwischen den Zuständen "mega abgestoßen" und "extrem ermüdet". Als Erstes soll ich mein Geschlecht eingeben, es geht nur männlich oder weiblich, na, das waren noch Zeiten. Ich tippe auf "female" und bestätige, dass ich volljährig bin. Dann soll ich auswählen, ob ich im Erotik-, Hardcore- oder Extrem-Modus spielen möchte. Ich nehme Erotik, weil ich mich ernsthaft frage, ob denen der Begriff überhaupt geläufig ist. "Das Spiel ist sehr süchtig machend, und du bekommst eine Menge brutaler Szenen zu sehen. Kannst du das händeln?" Mal sehen. Bildlich unterlegt ist die Fragerei mit den Figuren von "World of Warcraft" in brachialen Sexposen, ein grotesker Stellungskrieg gegen unwillige Weibchen. Hab jetzt schon keine Lust mehr. Soll aber meinen ersten Sexpartner auswählen. Alles Frauen und damit außerhalb meiner Kernkompetenz. Ich entscheide mich für Vicky, eine einäugige Amazone mit Panzerfaust. Der Monitor teilt mir mit, dass ich mit allen Charakteren umsonst Sex haben kann, aber VIP-Status brauche, wenn ich es mit anderen Spielern treiben will. Zur Kenntnis genommen, weiter. Jetzt soll ich auch noch meine Kreditkartendaten eingeben. Nein, danke. Abbruch. Ich checke kurz ein paar andere Parody Games und dann nichts wie raus aus diesen martialischen Männerfantasien von Gewalt, Macht und Frauenverachtung. Der einzige Reiz, der bei mir dabei getriggert wird, ist der Brechreiz. Freue mich sehr aufs Game over.

All diese Sexspielchen waren kein Lustgewinn, sondern bestenfalls Zeitverschwendung. Ich brauche dringend etwas Ablenkung von der geballten Ladung Sexismus. Vielleicht verabrede ich mich doch noch mal mit Super-Mario. Der will wenigstens nur spielen.

Barbara

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