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Fehlgeburt "Es tut mir leid, ich kann keinen Herzschlag mehr finden."

Fehlgeburt
© Mary Long / Shutterstock
TRIGGERWARNUNG Fehlgeburt
Eine Fehlgeburt passiert statistisch gesehen jeder dritten Frau. Betroffene  müssen häufig mit dem Schmerz alleine klar kommen, weil es nach wie vor ein Tabuthema ist. Genau dieses Tabu will Natascha Sagorski mit ihrem Buch "Jede 3. Frau" brechen. Hier erzählen 25 Frauen von ihren Schwangerschaften ohne Happy End - und wie sie danach trotzdem ihren Weg gefunden haben. Eine von ihnen ist Verena. 

Ich wollte schon immer Mama werden, am liebsten sogar schon mit Anfang zwanzig. Doch dazu gehören natürlich immer zwei, und mein Mann war erst später bereit, diesen Schritt zu gehen. So setzte ich erst 2018 mit 29 Jahren die Pille ab, und was folgte, war erst mal hormonelles Chaos. Ich dachte schon, ich hätte gar keinen Eisprung, doch bei einer Untersuchung kam heraus, dass eigentlich alles funktionierte. Nur eben sehr unregelmäßig. Da ich nie abschätzen konnte, ob meine Tage mal wieder viel zu spät kamen oder ob ich tatsächlich schwanger war, machte ich regelmäßig Tests. Anfang 2019 war der dann endlich positiv! Durch den unregelmäßigen Zyklus war allerdings unklar, wie weit die Schwangerschaft tatsächlich fortgeschritten war. Ich musste deswegen jede Woche zum Ultraschall und beim dritten, es müsste die siebte oder achte Woche gewesen sein, konnte man endlich einen Herzschlag sehen.

"Es tut mir sehr leid..."

Da die Entwicklung des Embryos nun gut vorangeschritten war, sollte ich erst wieder in der zwölften Woche zum Ultraschall kommen und verließ die Praxis mit einem guten Gefühl. Genauer gesagt: Ich war wahnsinnig glücklich! Natürlich wusste ich, dass es auch zu Fehlgeburten kommen kann, vor allem weil eine Freundin von mir das gerade erlebt hatte, aber ich rechnete nicht automatisch mit dem Schlimmsten. Drei Wochen später bekam ich Bauchschmerzen. Es zog die ganze Zeit im Unterleib und hörte gar nicht mehr auf. Ich war ja noch nie schwanger gewesen und wusste nicht, ob das so normal war oder nicht. Es beunruhigte mich irgendwann so sehr, dass ich in der Praxis meiner Frauenärztin anrief und nachfragte. Die Sprechstundenhilfe meinte zwar, es sei normal, dass es in der Frühschwangerschaft hin und wieder ziehen könnte, aber da die Ärztin kurz darauf in Urlaub ging, sollte ich dennoch zur Sicherheit vorbeikommen. Ich war vor dem Termin wahnsinnig nervös, auch wenn mein Mann mich zu beruhigen versuchte und meinte, dass sicher alles gut sei. Die Ärztin tastete erst mal und untersuchte den Muttermund – es schien alles in bester Ordnung zu sein. Dann begann sie mit dem Ultraschall, und auf einmal herrschte Stille im Raum. Kurz darauf sprach sie mich an.»Es tut mir sehr leid, aber ihr Kind hat sich nicht weiterentwickelt, und ich kann keinen Herzschlag mehr finden.«

Wie per Autopilot

Ein Satz, der bei mir schlagartig eine Art Trance auslöste. Ich war ab sofort nur noch wie ferngesteuert, in einer Art Schockstarre. Vom Auto aus rief ich meinen Mann an. »Wir haben unser Kind verloren. Da ist nichts mehr«, überbrachte ich ihm die furchtbare Neuigkeit und löste damit auch bei ihm tiefste Bestürzung aus. Wie per Autopilot fuhr ich nach Hause. Auch mein Mann kam sofort heim, und gemeinsam saßen wir stundenlang auf der Couch und starrten die Wand an.

Reden oder schweigen?

Die Nachricht hatte uns völlig aus der Bahn geworfen. Noch in der Praxis wusste ich, dass ich so schnell wie möglich eine Ausschabung wollte. Die Vorstellung, dass ich mein totes Baby in mir trug, war kaum auszuhalten. Doch in der Klinik wollte man mir einen Termin fast zwei Wochen später geben. Erst als ich in Tränen ausbrach, bot man mir einen früheren Termin an, allerdings immer noch erst eine Woche später. Ich befand mich in diesen Tagen in einer Art Zwischenwelt. Wusste selbst nicht, was ich wollte. Mit anderen darüber reden, oder lieber doch nur schweigen? Schließlich rief ich eine Freundin an, die selbst eine Fehlgeburt gehabt, inzwischen aber ein Kind bekommen hatte. Das hat mir etwas Hoffnung gegeben. Auch mit meiner Mutter habe ich gesprochen. Mein Mann konnte nicht verstehen, warum ich überhaupt mit anderen Menschen darüber reden wollte. Wir reagierten beide sehr unterschiedlich in unserer Trauer.

So viel Blut

Kurz vor dem geplanten OP-Termin bekam ich Blutungen. Ich rief in der Klinik an und sollte direkt vorbeikommen. Ich wurde dann auch gleich stationär aufgenommen und bekam Cytotec, um den Muttermund weich zumachen. Daraufhin bekam ich sehr starke Blutungen. Sie wurden so stark, dass der Embryo wohl bereits auf der Krankenhaustoilette abging. Für mich war es schrecklich, das ganze Blut, das Wissen, dass mein Baby gerade abging … Ich war mit den Nerven am Ende. In meinem Zimmer lagen noch zwei andere Frauen, beide waren aus ganz anderen Gründen im Krankenhaus. Als ich weinend wieder von der Toilette kam, setzten sie sich direkt zu mir, nahmen mich in den Arm und trösteten mich. Es war eine so liebevolle Geste, die mich heute noch berührt, wenn ich daran denke. Überhaupt muss ich sagen, dass ich mich in dem Krankenhaus sehr gut aufgehoben gefühlt habe und auch das Krankenhauspersonal sehr respektvoll mit meiner Situation umgegangen ist. Sie alle haben versucht, in die ganze Situation etwas Wärme hineinzubringen.

Ein Geheimnis mit sich tragen

Als ich schließlich für die Ausschabung in den OP geschoben wurde, überkam mich eine riesige Angst. Ich war unglaublich nervös. In der Schleuse meinte eine Frau aus dem OP-Team mit ruhiger Stimme, ich solle mir Zeit nehmen, auch nach der OP, und dass meine Seele heilen müsse. Die Anästhesistin bemerkte, wie ich versuchte, meine Panik zu unterdrücken und meinte, ich könne mich ruhig fallenlassen und dürfe auch zittern. »Lassen Sie los, es ist okay«, versicherte sie mir, und daraufhin konnte ich in die Narkose wegdriften. Ich habe verdrängt, wie genau ich wieder aufgewacht hin, weiß aber noch, dass mein Mann mich am selben Tag abholen durfte. Es ging mir sehr schlecht. Ich wollte nur für mich sein und nur meinen Mann, niemanden sonst, sehen. Als ich zwei Wochen später wieder arbeiten ging, habe ich mich erst mal nur einer einzigen Kollegin anvertraut. Sie war dann mein sicherer Hafen. Aber meistens musste ich so tun, als ob alles in bester Ordnung wäre. Es war wahnsinnig anstrengend, die ganze Zeit eine Maske zu tragen, und hin und wieder bröckelte sie auch.

Die Angst ist immer dabei

In unserem Freundeskreis wusste lange Zeit fast niemand Bescheid, weil mein Mann nicht wollte, dass wir die Fehlgeburt kommunizierten. Da wir einen gemeinsamen Freundeskreis haben, respektierte ich diesen Wunsch von ihm, auch wenn es mir sehr schwerfiel. Doch bei aller Trauer wusste ich trotzdem, dass ich unbedingt Mama werden wollte. Nach ungefähr drei Monaten war ich tatsächlich wieder schwanger. Natürlich freuten wir uns darüber, aber die Verunsicherung war riesig, zu groß war die Angst vor einer erneuten Enttäuschung. Am schlimmsten war meine Panik vor dem ersten Ultraschalltermin. Ich legte ihn extra spät, in die achte Woche, und schleppte mich als einziges Nervenbündel in die Praxis. Meine Ärztin konnte zwar eine Fruchthöhle erkennen, nur war sie scheinbar leer. Tief in mir drin wusste ich sofort, dass das nichts werden würde. Doch ich nahm mir vor, positiv zu bleiben, ging arbeiten und lenkte mich ab. Nach einer Woche kam das ernüchternde Ergebnis: Die Fruchthöhle war immer noch leer.

Bei mir setzte daraufhin eine Art Verdrängung ein, ich googelte und klammerte mich an die Hoffnung, dass das Ultraschallgerät meiner Ärztin einfach nur nicht gut genug sei. Aber natürlich war dem nicht so. Dieses Mal nahm ich die Tabletten, die den Muttermund weich machen sollten, bereits zu Hause am Abend zuvor. Nachts setzten dann starke Blutungen ein. Ich glaube, dass mein Mann es dieses Mal mitbekam, war gar nicht schlecht. Bei der ersten Fehlgeburt riet er mir immer wieder, ich solle das Ganze doch mehr von mir schieben und versuchen, es zu verdrängen. Nun, da er sah, dass ich bei jedem Gang auf die Toilette mit meinem Blut konfrontiert wurde, verstand er besser, dass Verdrängen schon rein körperlich kaum möglich war. Auch wenn es vielleicht seltsam klingt, aber der reine Krankenhausaufenthalt war für mich dieses Mal schon so etwas wie Routine. Ich kannte die Abläufe, wusste, was kommt und auch wenn mich natürlich immer wieder meine Emotionen übermannten, so hatte der Prozess an sich doch auch etwas Emotionsloses.

Neubeginn?

Kurz darauf fuhren wir in unseren Urlaub nach Italien und atmeten erst mal durch. Die Zeit als Paar tat uns wahnsinnig gut, und wir merkten, dass wir trotz dieser zwei Schicksalsschläge ein starkes Team waren. Den Kinderwunsch legten wir zunächst komplett auf Eis. Ich konnte einfach nicht mehr. Stattdessen stürzten wir uns in ein neues Projekt und kauften ein Haus. Ich dachte, dieses Haus könnte meine Therapie sein und verlor mich regelrecht darin. Doch in Wahrheit ging es mir alles andere als gut. Ich hatte das Gefühl, die Einzige zu sein, die beim Kinderthema »versagte«. Um mich herum wurden auf einmal alle schwanger. In dem Zeitraum der zwei Fehlgeburten hatten wir etwa sieben bis zehn Schwangerschaften in unserem Freundeskreis, und jede einzelne von ihnen hat mein Herz aufs Neue gebrochen.

Wenn andere schwanger werden

Ich schämte mich wahnsinnig dafür, das tue ich heute noch, aber ich konnte mich nicht aufrichtig für meine schwangeren Freundinnen freuen. Ich war einfach nur tieftraurig und ja, ich war auch neidisch. Ich hätte diejenige sein sollen, die schon vor über einem Jahr meine Schwangerschaft hätte verkünden sollen. Stattdessen bekam ich eine Schwangerschaft nach der anderen präsentiert. Es war schrecklich. Nach meiner ersten Fehlgeburt postete eine Freundin ein Ultraschallbild ihres Babys in einem unserer Gruppenchats und schrieb auch den errechneten Geburtstermin dazu. Es war dasselbe Datum, an dem auch mein Baby hätte geboren werden sollen. Ich kann gar nicht beschreiben, was das in mir ausgelöst hat. Als sie immer mehr Bilder in der Gruppe postete, hielt ich es nicht mehr aus und rief sie irgendwann an. Ich sagte ihr, was uns passiert war und warum ich die ganzen Fotos in der Gruppe schwer ertrug. Vor allem war es mir wichtig, ihr zu erklären, warum ich auf ihre Postings nicht reagierte. Ich hatte Angst, dass unsere Freundschaft darunter leidet, weil sie denken könnte, ich würde mich nicht für sie freuen. Danach konnte sie mich besser verstehen.

Noch schwieriger wurde es, als eine meiner längsten und engsten Freundinnen mich anrief und mir mit überglücklicher Stimme verkündete, dass sie schwanger sei. Das überforderte mich total. Ich beendete das Gespräch unter einem Vorwand ganz schnell und konnte danach nicht mehr aufhören zu weinen. Die Freundin wusste nichts von meinen Fehlgeburten und verstand natürlich die Welt nicht mehr. Nachdem ich ihr etwas später davon erzählte, war die Situation angespannt und für uns beide äußerst schwierig. Keine wollte die andere verletzen, und wir hatten daraufhin monatelang kaum Kontakt. Erst viel später, als ihr Kind bereits geboren war und ich bereits meine zweite Fehlgeburt erlebt hatte, telefonierten wir wieder. Ich fasste mir ein Herz und legte alle Karten auf den Tisch. Unter Tränen offenbarte ich ihr, wie schlecht es mir eigentlich ging. Wir heulten beide wie die Schlosshunde. Am Ende des Gesprächs meinte sie, sie gebe mir jetzt eine Aufgabe: Ich sollte mir Hilfe suchen.

Endlich Hilfe

Mein Mann war skeptisch, ob eine Therapie wirklich das Richtige für mich sei. Doch beim nächsten Vorsorgetermin sprach ich meine Ärztin an und erklärte ihr, wie schlecht es mir ging. Daraufhin empfahl sie mir eine Hebamme, die außerdem noch systemische Therapeutin und in der Psychotraumatalogie tätig ist. Die Hebamme begann dann mit mir zu arbeiten und meine Gedanken mit mir in Bildern aufzustellen. Das hat mir wieder eine Kontrolle über meine Emotionen zurückgegeben, die ich so lange nicht mehr gehabt hatte. Diese Arbeit mit der Hebamme hat mir unfassbar geholfen und die Aufforderung, mir Hilfe zu suchen, war der Wendepunkt für mich. Auch mein Mann und ich haben sehr viel voneinander gelernt. Ich denke, durch die Fehlgeburten haben wir Seiten aneinander kennengelernt, die wir ansonsten nie zu Gesicht bekommen hätten. Das hat uns auch noch ein Stück weiter zusammen und unsere Beziehung noch mal auf eine andere Ebene gebracht.

Kinderwunsch – neuer Versuch, aber anders

Ein Dreivierteljahr nach der zweiten Fehlgeburt waren wir wieder so weit, über den Kinderwunsch zu sprechen. Mein Mann wünschte sich, dass wir es dieses Mal lockerer angehen würden. Mir hingegen war es wichtig, nicht wieder ein Geheimnis aus allem zu machen. Sollte es noch einmal klappen, wollte ich nicht bis zur 13. Woche warten, sondern unseren engsten Freunden und unserer Familie früher von der Schwangerschaft erzählen und das Erlebte teilen. Im Frühjahr 2020 wurde ich wieder schwanger. Dieses Mal spürte ich es sofort und machte noch vor Fälligkeit der Periode einen Test. Doch die große Freude mischte sich sofort mit riesiger Panik. Vor allem vor den Arztterminen graute es mir, ich ging zitternd zu den Untersuchungen. Wir gingen trotzdem ganz offen mit der Schwangerschaft um und erzählten meinen Schwiegereltern schon nach dem ersten, glücklicherweise perfekt verlaufendem, Ultraschalltermin von der Neuigkeit. Zwar war die Schwangerschaft alles andere als unkompliziert, immer wieder hatte ich Blutungen, im vierten Monat sogar echte Sturzblutungen, doch erneut half mir die Arbeit mit meiner Hebamme bei der Bewältigung der Angst. 

Als meine wundervolle Tochter schließlich gesund zur Welt kam, war ich voller Demut. Der Babyblues hat mich dann noch mal mit großer Wucht erfasst. Doch meine Hebamme meinte, das wäre bei meiner Vorgeschichte fast zu erwarten gewesen. Und auch aus diesem Tief bin ich wieder herausgekommen. Ich habe gelernt, dass so vieles, was passiert, einfach Schicksal ist. Egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich werde es nie schaffen, alles zu kontrollieren. Und das muss ich auch nicht. Dieser ganze Prozess, so schrecklich er mitunter auch war, hat mich wahnsinnig stark gemacht – und auch ein Stück weit näher zu mir selbst gebracht.

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© Keil

Natascha Sagorski studierte Politik- und Kommunikationswissenschaft und arbeitete im Anschluss als Kolumnistin und Moderatorin für verschiedene Magazine sowie die ProSieben-Sendung taff. Sie veröffentlichte mehrere erzählende Sachbücher sowie zwei Romane. Durch ihre eigene Fehlgeburt kam sie auf die Idee, Geschichten von Menschen zu sammeln, die Ähnliches erlebt haben. Als PR-Beraterin im Tourismus bereist sie heute die ganze Welt und lebt mit ihrem Mann und zwei gemeinsamen Kindern in München.

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 Eine Fehlgeburt passiert statistisch gesehen jeder dritten Frau. Prominente wie Marie Nasemann oder Fiona Erdmann hatten eine, Anna Wilken genauso wie Charlotte Würdig – und sie reden darüber und brechen endlich mit einem Tabu. Dieser Mut motivierte die ehemalige taff-Kolumnistin Natascha Sagorksi, die nun in ihrem Buch "Jede dritte Frau " 25 Geschichten von Schwangerschaften ohne Happy End versammelt.

Erschienen ist "Jede 3. Frau" bei Komplett Media für 18 €

Barbara

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