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Kolumne Flug ins All für alle: Haben wir sonst keine Probleme?

Flug ins All für alle: ein kleines blondes Mädchen hält eine ausgeschnittene Rakete aus Pappe
© ronstik / Shutterstock
Wieso sind eigentlich alle derart im Höhenrausch? Unsere Autorin versteht das All nicht mehr – und bleibt lieber auf dem Boden.

Warum wollen alle zum Mars? 

Die internationalen Raumfahrtprogramme haben gerade mächtig Aufschwung. Fernziel: In geraumer Zeit sollen Mond und Mars quasi als Neubaugebiete für Erdbewohner gelten. Warum nur um alles in der Welt? Sollte man da nicht erst einmal eine Bedarfsanalyse vornehmen? Ich denke, dass auf der "Was wünschen Sie sich für die Zukunft am meisten"-Liste der Punkt "Zum Mars geschossen zu werden" nicht mal unter die ersten 10 000 käme! Trotzdem arbeitet unter anderem der selbsternannte All-Mächtige Elon Musk längst daran. Die künftige Shuttle-Rakete "Starship" seiner Firma SpaceX explodierte allerdings auch beim vierten Versuch, sie heile wieder auf den Boden der Tatsachen aufsetzen zu lassen. "Wir hatten erneut einen großartigen Flug nach oben. An der Landung müssen wir noch ein bisschen arbeiten", kommentierte der führende Ingenieur John Insprucker. Beim fünften Versuch klappte es dann auch. Zwischen zwei und zehn Milliarden Dollar sollen Entwicklung, Bau und Start der ersten "Starship"-Mission kosten.

Wie gut, dass die Welt sonst keine Baustellen hat! Moment mal – was war mit Hunger beseitigen, Krebs und Kriege besiegen, Bildung und Gleichberechtigung vorantreiben? Oder wenigstens unser eigenes größtes Sauerstoffreservoir, den Regenwald, retten, ehe man an der potenziellen Erzeugung von Sauerstoff auf dem Mars herumtüftelt? Ehrlich, die Fantastilliarden, die für intergalaktische Kolonialfantasien verballert werden, statt sie in die Rettung unseres Heimatplaneten zu investieren, lassen mich in die Luft gehen. Höher, schneller, weiter: Es geht anscheinend nur darum, was möglich ist – statt zu überlegen, wozu das eigentlich gut sein soll. Es reicht doch nun wirklich, dass mittlerweile gut 8000 Tonnen Weltraumschrott auf ewig um uns herumkreisen und die Erde eine Überdosis Menschen hat. Müssen wir die anderen Planeten jetzt auch noch belästigen? Weder denke ich, dass wir die einzigen Lebewesen im unendlichen Universum sind, noch die Intelligentesten: Wir sollten einfach dankbar sein, dass Außerirdische uns trotz des erbärmlichen Managements unseres eigenen Planeten in Ruhe lassen.

Und wozu soll das gut sein?

Wer sehen will, wie öde es auf sandigen oder rotstaubigen Planeten zugeht, kann einfach "Star Wars" oder "The Dune" gucken. Aber statt-dessen wird für Touristen ein Hotel im All geplant, eine Art galaktisches Riesenrad wie aus einem Monty-Python-Film. Wer will da bitte hin-fliegen? Und wieso? Ich sicher nicht. Ich bekomme schon eine Panikattacke, wenn ich in einem vollklimatisierten Gebäude kein einziges Fenster für Frischluftzufuhr öffnen kann.

Aber fliegt alle los – endlich mehr Platz hier unten für überzeugtes Bodenpersonal wie mich. Seitdem man kaum noch reist, gucke ich umso mehr Naturdokus und bin sicher: Eine schönere, vielfältigere, wundersamere Welt gibt es nicht. Und früher oder später hängt sowieso jeder von uns seine irdische Verkleidung wieder in die große Garderobe und fliegt ganz ohne Rakete zurück ins All. Asche zu Asche, Sternenstaub zu Sternenstaub.

Karina Lübke lebt und schreibt in Hamburg. Geistige Höhenflüge reichen ihr völlig aus.

Barbara

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