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Familiäre Herkunft Fragiles Konstrukt

Fragiles Konstrukt: Familie unter Baum
© Alex_Maryna / Shutterstock
Man muss die eigenen Eltern und Geschwister nicht immerzu lieben. Aber zu wissen, wo man herkommt, gibt Sicherheit. Wie fühlt es sich an, wenn diese Gewissheit plötzlich infrage gestellt wird? Unsere Autorin hat es erlebt.

Als ich ein Kind war, habe ich oft von Krokodilen geträumt. Kein Albtraum, aus dem man weinend aufwacht, eher ein wiederkehrendes Bild beim Einschlafen: Ich lief über eine schmuddelige, menschenleere Brachfläche, als sie sich regten, erst hier, dann da, dann direkt unter mir. Das war kein fester Boden. Nur eine Schicht Erde und Sand über Reptilienkörpern.

Irgendwann hörten die verstörenden Träume auf, und ich dachte nicht mehr an sie. Bis zu einem Herbstmorgen viele Jahre später, als ich ein Anwaltsschreiben aus dem Briefkasten fischte. Gleich würde ich den entscheidenden Satz daraus fotografieren und per Whatsapp an meine Geschwister schicken. Dazu den Link zu einem Musikvideo aus den Achtzigern: "We Are Family". Hatte ich mir so gedacht.

"Hatte meine Mutter etwa ein düsteres Geheimnis?"

Im Umschlag steckte ein dicker Papierstapel. Anschreiben, fünf Seiten vom genetischen Gutachter, Tabellen aus dem Labor. Schließlich fand ich den Satz, auf den ich mo­natelang gewartet hatte. Doch etwas stimmte nicht daran. "Nach diesen Zahlenwerten ist es praktisch aus­geschlossen… den gleichen biologischen Erzeuger…" Daneben mein Name. Außerdem die Namen der Frauen, die ich seit mehr als 40 Jahren meine Halbschwestern nannte. Und der Name des Mannes, der un­ser gemeinsamer Vater war. Jedenfalls hatte ich das bis vor wenigen Sekunden geglaubt. Und alle Krokodile krochen gleichzeitig aus ihren Schlammlöchern.

Ein Kind braucht die Gewissheit, wo es herkommt und wo es hingehört. Das ist der Boden, auf dem wir stehen, unsere innere Ordnung. Ein Leben lang, auch wenn unsere Eltern längst tot sind. Ich fühlte mich immer in Sicherheit. Meine Kindheit war glücklich und geborgen. Auch wenn ich kein Wunschkind war, jedenfalls nicht sofort. Sondern entstanden aus einer flüchtigen Beziehung, die schon vor meiner Geburt zerbröckelte, so hieß es. Aber meine Mutter liebte mich bedingungslos, und es stand nie infrage, wer das ist: mein Vater. Auch wenn ich ihn nicht Papa nannte, sondern Günther. Das tat meine Mutter ja auch.

Günther war ein großer blonder Mann, und alle sagten, ich sähe ihm ähnlich. Vor allem die Augen, diese etwas tief hängenden Lider, ganz anders als die meiner Mutter. Zwei, drei Mal im Jahr kam er vorbei, eher pflichtbewusst als freudig. Fremd blieb er mir immer. Ich verstand seinen Dialekt nicht, und bei unseren Ausflügen – Spaßbad, Zoo, Picknick – standen wir beieinander wie zwei drittklassige Schauspieler für ein Vater-Tochter-Duo, die keinen Draht zueinander finden. Man kann sagen, ich lebte mit einer tauben Stelle in meinem Herzen. Aber besser eine taube Stelle als eine Leerstelle. Einmal, als meine Mutter wütend war über sein fehlendes Engagement, sagte sie zu mir: "Wir suchen dir einen neuen Vater. Einen, der sich besser um dich kümmert." Der Satz erschien mir logisch. Ich war ihr Kind, er nicht mehr als eine falsche Zutat, ein unpassendes Gewürz. Gekommen ist es dazu nie.

Endlich Geschwister

Fünf, sechs Jahre nach meiner Geburt heiratete Günther. Bei den nächsten Besuchen trug er erst ein, dann zwei Babyfotos in seiner Brieftasche. Nora und Franziska hatten dunkle Kulleraugen und sahen eher ihrer Mutter ähnlich als ihm. Endlich hatte ich, was fast alle meine Freundinnen hatten: Geschwister. Als ich die beiden kennenlernte, war Nora in der zweiten Klasse und Franziska im Kindergarten. Ich übte mit Nora das kleine Einmaleins und erfand für Franziska Geschichten.

Wir blieben immer in Kontakt. Einmal saßen wir zu dritt in meiner WG-Küche, und ich klagte darüber, dass Günther so wenig für mich da gewesen war. "Ja glaubst du, für uns?", fragte Nora trocken. In dem Moment waren wir mehr Schwestern als je zuvor. Drei junge Frauen mit demselben abwesenden Vater. Erwachsen zu werden ebnete die Unterschiede ein: Ich war nun nicht mehr dieses Kind aus der Ex-Beziehung, die Tochter zweiter Klasse, das Anhängsel der sonst heilen Familie. Wir waren drei junge Frauen mit eigenen Plänen, Beziehungen, Adressen – und keiner fragte mehr nach unseren Eltern.

Als Günther voriges Jahr starb, ein paar Jahre nach seiner Frau, war mein erster Gedanke: Gut, dass zwischen ihm und mir keine Fragen übrig geblieben sind.

Von wegen. Ein paar Wochen später bekam ich Post vom Nachlassgericht seines Wohnortes. Nora und Franziska hatten meine Adresse angegeben. Ich solle nachweisen, dass der Verstorbene mein Vater sei. Das traf mich ins Mark. Schon als ich für meine Heirat meine Geburts­urkunde heraussuchte, hatte ich bemerkt, dass sein Name darin nicht auftauchte. Und auch sonst in keinem amtlichen Dokument. Ich hatte das abgehakt als: kurios, so waren offenbar die Siebziger. Meine Mutter weinte am Telefon. "Es war einfach nie notwendig", sagte sie, "wir haben das untereinander geregelt." Schließlich hatte er nie das Offensichtliche bezweifelt. Hatte Unterhalt gezahlt und sich mehr schlecht als recht gekümmert. Gemeinsame Fotos, Briefe, die Augenlider, die Grübchen in den Wangen, die familiäre Gewissheit – zählte das denn nichts?

Den eigenen Vater verklagen?

Der Anwalt, in dessen Kanzlei ich zwei Wochen später saß, schüttelte den Kopf. Ich war unehelich geboren, eine offizielle Vaterschaftsanerkennung gab es nicht, auch kein Testament. Mir blieb nur, meinen Vater zu verklagen. Günther Huber, verstorben am 2. März 2019. Oder… Der Anwalt griff zum Taschenrechner, fragte, was es zu erben gab, und tippte: Hier die Kosten für Gericht und ein genetisches Gutachten. Da die Steuer, die außerhalb der gesetzlichen Erbfolge fällig wird. War es das wert? Aber darum ging es mir schon lange nicht mehr. Es war dieses Gefühl, das wie eine stinkende, zähe Masse an meinen Sohlen klebte: Tochter zweiter Klasse zu sein. Schlimmer: eine Betrügerin. Jemand, der Unordnung in einer heilen Familie geschaffen hatte. Günthers Frau war ich immer ein Dorn im Auge gewesen, auch wenn sie es nicht aussprach. Das wollte ich zurechtrücken, ein für alle Mal. Stattdessen zerbrach es an einem Herbstmorgen in tausend Scherben.

Wäre diese Geschichte ein Film, dann würde sich spätestens jetzt entscheiden, welches Genre: Komödie oder Drama. Möglichkeit eins: eine Verwechslung im Labor, Erleich­terung, Schlusslacher. Aber dazu waren die Sicherheitsvorkehrungen bei der Speichelprobe zu ausführlich. Möglichkeit zwei: Katharsis. Der Moment, in dem meine Mutter auf meine aufgeregten Fragen und Anschuldigungen seufzt und sagt: "Es gibt da etwas, das du wissen musst." Aber das ist kein Film, nur mein Leben, und nichts davon passierte. Außer, dass meine Mutter begann, an ihrem Verstand zu zweifeln. Sie wusste doch, wie es gewesen war! Aber wie sollte sie es beweisen? Ein zweiter Test sollte her, unbedingt, irgendeiner, der sie von der Last dieses Verdachts befreite. Mein eigenes Hirn schlug derweil andere Kapriolen. Hatte sie ein düsteres Geheimnis – so verdrängt, dass es sich der eigenen Erinnerung entzog? Oder umgekehrt: Waren Nora und Franziska Kuckuckskinder, alle beide? Erklärte das, warum ich ihm so viel ähnlicher sah?

Vater unser – oder nicht?

Der Anruf beim Gutachter brachte wenigstens ein bisschen Licht ins Dunkel. Tatsächlich seien Genvergleiche zwischen Halbgeschwistern fehleranfälliger als ein Test zwischen Vater und Kind. Vor Gericht zählten sie dennoch. "Sie könnten die Ex­humierung der Leiche beantragen", informierte mich der Anwalt. "Auch gegen den Willen der anderen Be­teiligten." Klar, warum er nicht von Geschwistern sprach. Es tat trotzdem weh. Ich wusste auch: Damit würde ich eine Grenze überschreiten, die uns endgültig zu Fremden machen würde. Egal, was dabei herauskam.

In der Nacht lag ich lange wach. Ich fürchtete, wenn ich die Augen schloss, würden die Krokodile wiederkommen. Gegen Morgen fiel mir der Moment mit Nora und Franziska in meiner WG-Küche ein.

"Plötzlich dachte ich: Protein­sequenzen auf Chromosomen, Augenfarbe, hängende Lider – das spielt alles keine Rolle."

Wer wir füreinander sind – Eltern, Kinder, Geschwister –, das haben wir selbst in der Hand. Es geht darum, wie wir diese Rollen mit Leben füllen. Um die gemeinsame Geschichte. Am Morgen rief ich meine Mutter an und sagte ihr, dass ich keinen weiteren Test wollte. Dass mir ihr Wort genügte. Danach Nora.

"Hab ich dir doch gleich gesagt", gab sie nach einem Moment des Schweigens zurück. "Wir regeln das mit dem Geld unter uns. Und dass du meine Schwester bist, weiß ich auch so." Ich glaube, sie hat nie so ganz verstanden, dass es mir nicht um ein paar Tausend Euro Erbschaftssteuer ging, die ich als Tochter hätte sparen können. Sie und Franziska standen auf sicherem Boden, immer. Aber vielleicht war es gerade diese Unerschütterlichkeit, die mein inneres Gedankenkarussell wieder zum Stehen brachte.

Das ist jetzt ein halbes Jahr her. Mein Leben ist nicht mehr so in Ordnung wie zuvor, und vielleicht wird es das nie mehr. Ich lebe jetzt mit einer tauben Stelle und einem Splitter, der sich nicht ziehen lässt. Trotzdem sind wir Familie, unkündbar. Nicht weil wir müssen. Sondern weil wir wollen. Das ist alles, was zählt.

*Die Namen ihrer Schwestern und wenige Details hat unsere Autorin verändert. Ihren Namen behält sie auch zum Schutz der Familie für sich.

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BARBARA 06/2020

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