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Frauenhaushalt Ohne Väter fehlt was?

Verena Carl: Tochter, Mutter und Oma sitzen vor einem Fenster mit dem Rücken zur Kamera
© georgerudy / Adobe Stock
Ohne Vater fehlt etwas? Verena Carl ist in einem Frauenhaushalt aufgewachsen und findet: Nichts bereitet besser auf ein selbst-bestimmtes Leben vor.

Mit elf oder zwölf Jahren stolperte ich über den Begriff "Sorgerecht" und wollte von meiner Mutter wissen, was das ist und wozu man das braucht. Ich staunte über ihre Erklärung: Echt, Väter, die ein Wörtchen mitzureden haben? "Ja, zum Beispiel, in welche Schule ein Kind geht oder auf welchen Reiterhof." Mein Vater kannte nicht einmal den Namen meiner Lieblingslehrerin. Oder meines Lieblingspferdes. Überhaupt war das mit der Kommunikation so eine Sache bei unseren seltenen Treffen. Er sprach ein Gemisch aus Bayerisch und Tirolerisch, aus dem ich oft nicht schlau wurde. "Aber für uns gilt das nicht", beruhigte mich meine Mutter, "ich habe nämlich das alleinige Sorgerecht." Puh. Gerade noch mal gut gegangen.

Das mag traurig klingen in den Ohren ehemaliger Papa-Mädchen, aber das ist es höchstens ein winziges bisschen. Erstens vermisst man nur, was man kennt. Und was zwischen meinen Eltern gewesen war, hatte sich bereits in Luft aufgelöst, als ich so groß war wie ein Gummibärchen. Zweitens hielt sich auch mein Neid auf andere Kinder in Grenzen. Deren Väter waren zwar körperlich anwesend, jedenfalls zu den Hauptmahlzeiten. Aber ihr Beitrag zum Familienglück schien mir überschaubar. Bestenfalls.

Im schlechteren Fall kamen sie mir wie pflegeintensive Haustiere vor, um die man besser einen Bogen machte. Der Vater meiner besten Freundin tauchte nur aus seinem Arbeitszimmer auf, wenn er sich über seine drei Töchter beschweren wollte: zu laut, zu schmutzig, zu irgendwas. Ich hingegen erlebte zwei Frauen, meine Mutter und meine Großmutter, die ungestört ihr Leben wuppten: Geld verdienen, kochen, Urlaub planen, Streit schlichten. Was sie nicht konnten, war Fahrräder reparieren und Bohrmaschinenaufsätze wechseln. Aber sie wussten, wen man fragen konnte.

Schwierigkeiten im Beziehungsleben?

Meine Mutter machte sich trotzdem Sorgen, vor allem, ich könnte es später schwer haben mit den Männern. Ein Vater, mit dem man maximal alle paar Monate pflichtschuldig ins Spaßbad trabt, eignet sich suboptimal als Beziehungsvorbild. Dennoch verstand ich das Konzept "Verliebtheit" intuitiv, spätestens, als in der zweiten Klasse der schöne Christoph Wegmann in der Bankreihe schräg vor mir saß. Anderes blieb mir zeitlebens schleierhaft.

Als wir 15 waren, wünschte sich meine Freundin jemanden, der ihr sagt, "wo es langgeht". Wozu, dachte ich irritiert, ich hab selbst einen Stadtplan (Google Maps war noch nicht erfunden). Mit Anfang 30 sah ich Kolleginnen Beziehungen zu coolen Künstlertypen kappen, mit dem Argument, diese könnten leider keine Familie ernähren. Ich wurde bald darauf schwanger von einem Kreativkopf, der weniger verdiente als ich und auch nicht so gut Auto fahren und einparken konnte. Dass er mit einer Bohrmaschine umgehen und ein Fahrrad flicken konnte, kam mir allerdings sehr zupass. Seither teilen wir uns Sorgerecht, Mental Load und Gefühle: Er ist der Typ, der vor Rührung weint, ich kann zu unseren Kindern auch streng und fordernd sein, wenn’s gerade sein muss. Also, Mutti: Du kannst aufhören, dir Sorgen zu machen.

Mein Leben sonst so? Bei meiner Berufswahl als Journalistin hätte mein Vater ohnehin nicht besonders gut als Sparringspartner getaugt, er kannte hauptsächlich Ingenieure. Nette Kollegen hatte ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten viele, gefördert und inspiriert haben mich fast ausschließlich Kolleginnen und Chefinnen. Zufall? Ich glaube eher, Frauen, die nicht auf die Unterstützung oder gar Erlaubnis eines Mannes warten, ziehen sich gegenseitig an. Weil sie die Prinzessinnenrolle ebenso wenig im Repertoire haben wie ich. Wenn es eine Lücke gibt in meinem Leben, dann hat sie mich zu der Frau gemacht, die ich bin. Und die bin ich gern. Danke, Papa.

Verena Carlhat zweierlei von ihrem Vater bekommen: Talent zum Schnellsprechen und langlebiges Naturblond

Barbara

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