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Schwierige Kiste? Fred Theiner gibt DIY-Kurse im Särge bauen

Fred Theiner: Sargbauer Fred Theiner
© Frank Bauer / Barbara
Seit Fred Theiner vor Jahren fast selbst unter der Erde gelandet wäre, gibt er Do-it-yourself-Kurse in Sachen Sargbau. Schwierige Kiste? Kommt darauf an, wie sehr man innerhalb der Box denkt.

Herr Theiner, wer bitte zimmert sich seinen eigenen Sarg?

Von der Friseurmeisterin über den Krankenhausseelsorger bis hin zur Managerin. Jede und jeder hat eine ganz eigene Motivation. Aber natürlich sind es Menschen, die das Thema Tod beschäftigt.

Weil sie sterbenskrank sind?

Im Gegenteil: Bei mir war noch niemand, der den Tod direkt vor Augen hatte. Viele möchten einfach vorbereitet sein und nicht in einem industriell hergestellten Billigsarg begraben werden. So kam ein 80- Jähriger zu mir, der aus einer Fichte in seinem Garten Särge für sich und seine Frau machen wollte. Aber er hatte die Arbeit unterschätzt – und dann seinen Enkel geschickt. Gerade hat ein Bestatter-Paar den Kurs ihren jeweiligen Eltern geschenkt. Andere bauen einen Sarg für nahe Angehörige oder kommen als Paar, um die eigene Urne zu drechseln. Was alle verbindet, ist die Lust am Arbeiten mit Holz.

Man könnte sich auch erst mal an einem Tisch versuchen, davon hat man noch zu Lebzeiten was.

Von einem Sarg auch. Viele hauen nach dem Kurs das Regal raus und stellen sich ihre Kiste als Lebensschrank ins Wohnzimmer.

Verzeihung: Wie bitte?

Ja, ein Sarg sieht aus wie ein Objektmöbel. Wenn man ihn aufrecht hinstellt und Regalböden einzieht, kann man Erinnerungen an schöne Momente darin aufbewahren – die ersten Zähnchen der Kinder, Muscheln aus dem Urlaub. So werden wir täglich an die eigene Endlichkeit erinnert. Aber auch daran, das Leben auszuschöpfen und die Handbremse rauszunehmen. Leo, ein quietschfideler Rentner, nutzt seine Kiste zum Beispiel als Vorratsschrank. Hintendrauf klebt eine Bedienungsanleitung: Marmelade raus, Leo rein, Deckel zu, auf Wiedersehen! Er will niemandem zur Last fallen. Den eigenen Sarg zu haben beruhigt da.

Als Besucher wäre ich da, nun ja, etwas irritiert…

Das geht einigen so. Eine Teilnehmerin erzählte mal, wie sie von Gästen für ihre Sitztruhe mit Filzbezug gelobt wurde. Ihre Antwort: "Danke, die habe ich selbst gemacht. Jetzt liegt da Spielzeug drin und später ich." So entstehen interessante Gespräche, und das Tabuthema Tod wird mit einer Leichtigkeit in die Gesellschaft getragen.

Dass Sie selbst zum Sargbauer wurden, hat einen ernsten Grund.

Stimmt, vor mehr als 20 Jahren bekam ich die Diagnose "Magenkarzinom". Es hieß, ich hätte noch drei Monate zu leben und solle die Zeit mit meinen vier kleinen Kindern genießen. Am Ende der Chemo wog ich 45 Kilo. Ich habe keinen Magen, keine Speiseröhre und keine Milz mehr. Aber ich bekam eine zweite Chance. Und die nutze ich in vollen Zügen. Aus dieser Dankbarkeit heraus habe ich auf einem Südtiroler Bergbauernhof meinen ersten Sarg gebaut. Und danach meinen Job als Berufsschullehrer geschmissen und mir meinen Traum erfüllt: eine eigene Tischlerei.

Verraten Sie, wie Ihre Kiste aussieht?

Mein Sarg ist aus duftender Zirbelkiefer und mit einem Mix aus Baum- und Schafwolle gepolstert. Die Griffe bestehen aus Hanfseilen. Meine Kiste ist ein bisschen gröber gestrickt. Ich habe vom Leben ein paar Watschen bekommen – und so sieht auch mein Sarg aus.

Wie hat Ihre Familie damals das Südtiroler Mitbringsel aufgenommen?

Nachdem sie mich eigentlich schon fast „verloren“ hatten, bringt die so schnell nichts mehr aus der Fassung. Und wie kam es zu den Workshops?

Als meine Eltern gegangen sind, wurde es von mir als Schreiner irgendwie erwartet, dass ich ihre Särge baue. Danach kamen immer mehr neugierige Anfragen. Also habe ich mit den Kursen begonnen. Der Tod ist zum Lebensthema für mich geworden. Es ist schön, die Emotionen der Menschen zu teilen.

Klingt, als ob in den Kursen viele Tränen fließen.

Der Tod ist ein ernstes und intimes Thema, das sich beim Arbeiten aber auch wieder in Leichtigkeit auf­löst. Natürlich gibt es Schicksale, die mich tief bewegen. Bei Männern und Frauen, die am eigenen Sarg hobeln, herrscht aber vor allem ein wenig Galgenhumor. Schwermütig ist die Stimmung da fast nie. Der Duft des Holzes und die Handarbeit lenken ab, und am Schluss erfüllt das Ergebnis die Teilnehmenden.

Zur praktischen Seite: Kommen Sie zu Beginn mit dem Meterstab?

Natürlich nehme ich Maß. Und nach den drei Kurstagen muss auch getestet werden, ob man tatsächlich reinpasst. Nicht, dass am Ende die Füße angezogen werden müssen. Meistens stelle ich die Kiste dann aufrecht hin, und die Leute können sich reinstellen.

Also kein Probeliegen?

Das möchten tatsächlich die wenigsten. Manche legen sich aber sehr wohl rein. Ein paar Mal ist da schon ein Sargdeckel durch die Werkstatt geflogen. Denn wenn es dunkel wird, kommt man an einen Punkt, den man so noch nie erfahren hat. Ich will den Leuten aber keine Angst machen, sondern ihnen helfen, das Thema Sterben nicht zu verdrängen. Wer einmal in der Kiste lag, spürt, dass es sich lohnt, richtig zu leben. Für mich ist ein Sarg ein Objekt, das nur Gutes ausstrahlt.

Sind auch mal besonders ausgefallene Wünsche dabei?

Sicher! Neulich kam ein Mann, der 60 Jahre Ballon gefahren ist. Er wollte seine Leidenschaft auch in seinem Sarg verewigen – also haben wir aus den Kordeln und Fangseilen die Griffe gemacht. Eine Dame, die gern tanzt, hat das Sarginnere mit ihrem Lieblingstuch dekoriert. Und ein Stararchitekt gab mal einen Sarg in Hochglanz-Metallic-Blau mit dicken, fetten Hutmuttern aus Edelstahl in Auftrag – einfach nur hässlich und eine Riesenherausforderung, bis ich einen zertifizierten Sarglack dafür fand.

Denn eigentlich sind Ihre Modelle echte Biokisten!

Absolut. Da ist kein Gramm Chemie drin oder dran. Das Holz kommt aus den umliegenden Wäldern hier in Bobingen bei Augsburg, ebenso die Schafwolle fürs Innenleben. Immer mehr Menschen wollen etwas Schlichtes, Reduziertes – und etwas, das zu ihrer Persönlichkeit passt.

Und wie reagiert die Konkurrenz?

Die Bestatter haben oft einen Groll gegen mich. Dabei bediene ich eine Mini-Mini-Nische. Meine Motivation ist nicht das Geld, sondern das Thema, die Begegnung.

Gibt es eigentlich verbindliche Vorschriften beim Sargbau?

Es gibt Richtlinien für die Breite und Länge. Aber beinahe jede Fried­hofsverwaltung hat ihr eigenes Friedhofs­recht. Mal muss der Sarg lackiert sein, mal nicht. Die Gesetze, Hinweise, Vorschriften machen einem das Sterben echt schwer. Ein- mal wollte ein Bestatter eine Beerdigung streichen, weil eine Urne aus 100 Prozent Nussbaumholz kein Zertifikat hatte. Da habe ich selbst eins geschrieben – und aufgelistet, was in glänzenden Urnen alles drin ist und was davon bei mir nicht drin ist. Plötzlich klappte es dann doch…

Spüren Sie, dass die Pandemie den Umgang mit dem Sterben verändert?

Nein. Ich habe auch nicht mehr Nachfragen. Aber es bewegt mich, wenn ich mit Angehörigen einen Sarg für einen an Corona verstor­benen Elternteil baue, von dem sie per Bildschirm Abschied nehmen mussten, den sie nicht mehr in den Arm nehmen konnten.

Fürchten Sie sich eigentlich noch vor dem Tod?

Da halte ich es ganz wie Woody Allen: "Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloß nicht dabei sein, wenn es passiert."

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Barbara Heft Nr. 05/2021.

BARBARA 05/2021 Barbara

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