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Frei im Matriarchat Erick Vieira: "Es gilt schnell als Sensation, wenn Frauen die Entscheidungen treffen."

Erick Vieira: Hügel in Brasilien mit einem Trecker in der rechten unteren Ecke
© T photography / Shutterstock
Erick Vieira lebt in einem Matriarchat im Südosten Brasiliens. Hier erzählt er, warum er sich ausgerechnet dort frei und wertgeschätzt fühlt.

Dass es einen Ort auf der Welt gibt, der sich anfühlt wie Noiva do Cordeiro, kann ich mir nicht vorstellen. Wer hier aufgewachsen ist, kann zwar woanders hinziehen, aber mit dem Herzen bleibt er immer in diesem Dorf zwischen den Hügeln von Minas Gerais. Viele denken, dass bei uns die Frauen die Männer dominieren – weil eine Frau die Seele unserer Gemeinschaft ist: Delina Fernandes, 77 Jahre alt, wir nennen sie Mãe, Mutter. Aber hier bestimmt niemand über den anderen.

Eine große Familie

Man ist so sehr daran gewöhnt, dass Männer überall das Sagen haben, da gilt es schnell als Sensation, wenn Frauen die Entscheidungen treffen. Delina führt uns 330 Bewohner, von denen etwas mehr als die Hälfte Frauen sind, mit Liebe und Vertrauen. Freiheit und Toleranz stehen an oberster Stelle. Wir leben von Aufträgen unserer kleinen Nähfabrik, dem Verkauf von Chilis, Mandarinen und Auberginen. Jeder verdient das Gleiche. Alles, was wir haben, teilen wir. Wir sind eine große Familie, eine klare Aufteilung gibt es nur bei den Partnerschaften.

Jeder hier tut das, was er am besten kann. Ich arbeite in der Schule oder unserer Theatergruppe. Und bei uns sind es nun mal die Frauen, die sich mit Politik, Finanzen oder Landwirtschaft besonders gut auskennen und deshalb diese wichtigen Positionen besetzen. Putzen oder die Kinder hüten muss jeder mal.

Um unsere Lebensweise zu verstehen, muss man die Geschichte von Noiva do Cordeiro kennen. Delina, Tochter einer Bauernfamilie, heiratete mit 16 einen Prediger, der im Dorf ein strenges Regiment aus Beten und Strafen errichtete. Die Frauen sollten lange Röcke tragen, durften nicht verhüten – bis sie 1995 rebellierten, die Kirche abrissen und Delina zur Chefin erhoben. Seitdem leben wir bewusst ohne Religion – sie hat uns nur männliche Unterdrückung gebracht, macht aus niemandem einen besseren Menschen. Das tun nur Liebe und Respekt.

"Wir hatten nur uns"

In einer Katholisch geprägten Umgebung waren wir deshalb lange Diskriminierungen ausgesetzt, wurden gemieden. Wir hatten nur uns und rückten dadurch noch näher zusammen. Heute erfahren wir immer mehr Bewunderung für eine Gesellschaft ohne Neid, Aggression und Egoismus. Aber Vorurteile gibt es noch immer. Vor der Pandemie pendelten viele der Männer zum Arbeiten in die nächstgelegene Stadt Belo Horizonte. Andere Männer machten dumme Sprüche, wie sie sich das gefallen lassen könnten, von Frauen geführt zu werden. Vielleicht sind wir einfach progressiver als die Männer anderswo.

Ein paar Jahre habe ich in Belo Horizonte und São Paulo gelebt, für Schule und Studium. Als ich merkte, dass ich mich für Jungs interessiere, war meine Angst riesig, von meinem Heimatdorf verstoßen zu werden. Als ich Delina davon erzählte, habe ich verstanden, wie sie diesen Ort zu dem macht, was er ist. Im Dorf gab’s damals weder Internet noch Fernsehen, sie hatte noch nie von Homosexualität gehört, und akzeptierte es – ohne Vorbehalte. Der Mann, mit dem ich damals zusammen war, sagte: "Es mag ja normal sein, in der Stadt schwul zu sein, aber hier ist es selbstverständlich, weil nur der Mensch zählt." Delina verändert die ganze Welt für das Glück eines Einzelnen. Niemand wird je ihren Platz einnehmen, aber das, was sie uns mitgibt, werden wir weitertragen.

In einer englischsprachigen Zeitung gab es mal einen Bericht über uns, der sich überall verbreitete. Darin wurden nur die jungen Frauen des Dorfes gezeigt, es hieß, sie wären einsam, dabei waren die Männer nur gerade in der Stadt für ihre Jobs. Der Artikel zog Touristen aus der ganzen Welt an, sie wollten sich hier Kandidatinnen zum Heiraten aussuchen. Ernsthaft! Die Vorstellung, dass man so die Liebe finden kann, ist bizarr – und ganz schön rückständig.

Barbara

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