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Frühlings-Boykott Warum müssen wir denn immer etwas zu meckern finden?

Karina Lübke: Fröhliche Frau fährt bei gutem Wetter Fahrrad
© Soloviova Liudmyla / Shutterstock
Im Umfeld unserer Kolumnistin wird der Frühling boykottiert, und sie fragt sich: Fehlt die Energie für Euphorie? Also ihr nicht. Sie finden sie: draußen.

Frühlingsgefühle sind anscheinend auch nicht mehr das, was sie mal waren – kollektiv beglückend nämlich. "Bei dem lauten Gezwitscher frühmorgens kann ich gar nicht mehr mit offenem Fenster schlafen!", beschwerte sich eine Freundin gerade ernsthaft. Bei der piept’s wohl! Oder bei mir? Denn ich Vogel jubiliere über jede Sonnenstunde, Blume und Biene. Los, nix wie raus jetzt! Wer will mit? Doch statt erträumter Picknickkörbe kriege ich stapelweise Körbe, wann immer ich in den Winterhöhlen meiner Freunde anklingele, ob sie zum Spielen rauskommen. Überraschend viele mutieren spontan zu Pollen-Phobikern: "Hatschi, sorry, ich muss sofort wieder rein. Das ist bestimmt die Birke, die Weide, die Erle." Dein Feind, der Baum – endlich verstehe ich, warum die ausschlagen. Ein Spaziergang als Pricktest to go macht keinen froh.

Irgendwas ist doch immer

Und wer nicht Allergiker ist, dem ist es zu kalt, zu windig, zu nass. Im April sogar alles gleichzeitig. In der Mittagspause auf eine Bank in die blasse Sonne setzen? "Bist du verrückt? BLASENENTZÜNDUNG!" Das Cabrio aufmachen und himmelhoch ins Blaue träumen? "Mach zu, das zieht!"

Es ist ja noch gar nicht richtig warm!

Und dann kommt der Killerspruch: "Es ist ja noch gar nicht richtig warm!" Als wäre Frühling nur das ungeheizte Wartezimmer vor Grillabenden und Strandtagen, die Übergangsjacke unter den Jahreszeiten, nichts Halbes und nichts Ganzes und nie wirklich passend. Ja, Leute, dann zieht doch nach Los Angeles oder Mexiko! Wieso seid ihr alle so maibockig statt romantisch? Der Sonnenschein taugt euch doch bestenfalls zum Frühjahrsputz.

Dann endlich dämmert es mir: Ich fürchte, meine austrainierten Stayathomer haben gerade einfach keine Energie mehr für Euphorie. Zu viel Frust für Lebenslust, zu lange zu oft zu früh gefreut. Dieser post-pandemische Frühling scheint ein Affront für ihr luftdicht eingemottetes Gemüt. Und das kann wehtun, denn in diesem Frühling geht es nicht nur um die übliche neu erwachte Freude am Leben und Lieben, das aktuelle Titelthema ist HOFFNUNG. Große Erwartungen, dass aus dem hellen Grün ein goldener Sommer erwächst, mit Musikfestivals, Campen und Knutschen; dass aus Schwermut wieder Leichtsinn wird – und aus Spaß statt aus Pflicht spazieren gegangen.

Warum denn nicht einfach mal die Frühlingsgefühle genießen?

Der Frühling ist naturgemäß die Hochzeit für Zukunftsvisionen, beste Gelegenheit, sich neu zu verlieben – in Menschen oder Projekte oder das Leben an sich. Doch April, April, der macht, was er will, ebenso wie der Rest der verrückten Welt. Deswegen wird sicherheitshalber emotional weiter abgewartet, ob sich Glücksgefühle lohnen. Draußen Sturm, drinnen kein Drang, sich mitreißen zu lassen. Auch mit meiner Begeisterung kann ich da keinen anstecken.

Ihr Lieben, kann ich bitte etwas altmodische Frühlingsromantik zurückbekommen? Oder lasst mich alleine schwärmen. Ich sperre meine Seele jetzt mit blauen Flatterbändern gegen Pessimismus ab. Falls ihr mich sucht: Ich bin an der frischen Luft. Ja, die, die auch bei acht Grad vier Kugeln Eis an der Waffel hat.

KARINA LÜBKE dichtet und flaniert in Hamburg. Der vorlaute frühe Vogel wurmt sie manchmal trotzdem auch.

Barbara

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