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Führerscheinprüfung mit 38: PS – Ich liebe dich nicht

Von wegen Spritzfahrt – unsere Autorin fürchtet sich vor nichts so sehr, wie vor dem Autofahren.
Von wegen Spritzfahrt – unsere Autorin fürchtet sich vor nichts so sehr, wie vor dem Autofahren.
© Getty Images
Ein Unfall als Kind und vier verbockte Führerscheinprüfungen: Unsere Autorin fürchtet nichts so sehr wie Autofahren. Für uns buchte sie einige Fahrstunden – und ließ die Kupplung kommen.
von Lena Wessollek

Ein Psychoanalytiker hat mal zu mir gesagt: „Wenn du die Gerüche aus einer unerträglichen Situation noch Jahre später abrufen kannst, dann ist es ein Trauma.“ Kann ich, sehr gut sogar. Diese fiese Süße von billigem Leder, gemischt mit den Ausdünstungen eines Mannes, der sich jeden Tag Backhendl vom Wienerwald reinzog, hat sich in mein Gedächtnis gefressen.

Genauso riechen die vielleicht schlimmsten Stunden meines Lebens: nach Horst-Willi P., meinem Fahrlehrer. Von diesen 45-minütigen Einheiten des Grauens gab es leider viele, denn ich bin ein schwieriger Fall. Als Fünfjährige war ich aus einem fahrenden Auto auf die Straße gefallen, weil der Wagen keine Kindersicherung hatte, wofür ich mit einer Platzwunde an der Stirn und einem amtlichen Schock bezahlte.

Deshalb hatte ich von vornherein Schiss. Für ihn hingegen muss die Zeit mit mir ein Festival der guten Laune gewesen sein. Endlich mal zeigen, dass Abitur und dieser ganze Scheiß einen kein bisschen weiterbringen. „Wieso haben dich deine Eltern nach der Geburt eigentlich nicht umgetauscht?“ war sein Lieblingsspruch, wenn ich mal wieder hilflos versuchte, in 300 Zügen in eine Parklücke zu kommen.

"Du musst niemandem etwas beweisen"

All das kommt jetzt, 20 Jahre später, hoch wie halb verdaute Radieschen. Nachdem ich es mir all die Jahre in meinem autolosen Leben gemütlich gemacht hatte, bot ich an, mich meiner Fahrangst zu stellen und diese Tragödie auch noch öffentlich zu machen.

Meine Mutter versucht noch, mich durch eine besorgte SMS von meinem Vorhaben abzubringen: „Du musst niemandem etwas beweisen!“ Doch ich hab mit mir selbst noch eine Rechnung offen. War ja damals leider nicht so, dass ich durch die pädagogisch wertlosen Stunden mit dem Hähnchen-Typen, der seine Lehrerlizenz übrigens beim Bund erworben hatte, irgendwann einen Triumph eingefahren hätte.

Nach drei dramatisch kurzen Prüfungsanläufen gab ich auf. Ohne den Schein, versteht sich, dafür mit dem Gefühl, die absolut größte Versagerin der Schule zu sein. Heute wundere ich mich, dass nie jemand einen dummen Spruch brachte. Es war fast so wie bei einem Trauerfall, den man unerwähnt lässt – aus Sorge, der Betroffene (ich!) könnte sonst völlig die Fassung verlieren.

Fahrlehrerin und Sozialpädagogin

Genauso jämmerlich wie damals komme ich mir auch noch mit 38 vor, sobald ich nur daran denke, mich einem Fahrersitz körperlich zu nähern. Wie heute. Eine innere Unruhe hat mich eine Viertelstunde zu früh zum Tatort getrieben.

Kerstin Meyer, Inhaberin von „Die Hamburger Frauenfahrschule“, früher als Sozialpädagogin im Frauenhaus tätig und im Umgang mit Angstpatientinnen erprobt, kommt mit dem Fahrrad. Allein schon deshalb bin ich ihr aus tiefstem Herzen dankbar. Auch dafür, dass sie nicht mit mir redet, als sei ich zum Morgenappell angetreten. Vor allem aber dafür, dass sie meine Angst nicht seltsam findet oder für Koketterie hält wie andere.

Kerstin Meyer hat manchmal Schülerinnen neben sich sitzen, bei denen die Panik so groß ist, dass ein Therapeut dabei sein muss. Die meisten fürchten sich davor, sich oder andere zu gefährden. Ich fürchte mich vor dem Gefühl des Scheiterns. Nicht nur hinterm Lenkrad. Seit meinen verbockten Prüfungen graut mir vor Situationen, in denen andere darüber entscheiden, ob ich nun im Recall bin oder meine Koffer packen muss: Vorstellungsgespräche und Wortbeiträge vor vielen Leuten, eh klar, aber sogar bei meiner ersten Pilates-Session fürchte ich die vernichtende Kritik der Trainerin.

Rein in den Großstadt-Tschungel

Trotzdem sitze ich jetzt hinter dem Steuer eines rasanten Kleinwagens. Ich habe kaum geschlafen, nur aus Vernunft gefrühstückt und ein dunkles Oberteil angezogen, damit man nicht sieht, wenn mir der Schweiß ausbricht. Ich bringe mit zittrigen Fingern den Rückspiegel in Position, drehe den Zündschlüssel um, lasse die Kupplung langsam kommen – und rolle an.

Plötzlich befällt mich eine eigenartige Ruhe. Fühlt sich so eine Schockstarre an? Meine Hände umklammern das Lenkrad wie einen Rettungsring, ich sehe den alltäglichen Wahnsinn einer Großstadt auf mich zukommen: Fahrradkuriere, die wie aus dem Nichts fast vor meiner Motorhaube kleben, so viele Spuren, dass ich beim Abbiegen raten muss, welche eigentlich meine ist.

Dann ein Hermes-Bote, der von rechts auf die Vorfahrtstraße schießt – völlig unvermittelt, nicht nur für mich. Kerstin bremst mit, greift ins Steuer – und sagt mir sofort, dass ich nichts falsch gemacht habe. Trotzdem: Das sind die Momente, in denen ich hoffnungslos überfordert bin. Was machen meine Füße eigentlich dort unten? Wo ist noch mal der erste Gang?

Die Angst gebunkert

Dabei kann ich eigentlich fahren, zumindest theoretisch. Acht Jahre nach dem Drama mit Horror-Horst hatte ich mich überwunden und bei dem vielleicht einzigen Waldorfschüler in dieser Branche meinen „Lappen“ gemacht, wie es unter Leuten heißt, für die Autofahren für highwaymäßige Lässigkeit steht.

Nicht, weil mir der Führerschein an sich wichtig gewesen wäre. Nach Tahiti kommt man genauso gut ohne! Es gab in meinem Leben auch niemanden, der mich unter Druck gesetzt hätte, es immer wieder zu versuchen. Kein Partner, dem mein Unvermögen peinlich gewesen wäre. Keine Eltern, deren Erwartungen ich enttäuscht hätte. Ich wollte dieser Demütigung von früher etwas entgegensetzen.

Stattdessen kassierte ich gleich noch eine: „Hier bekommen Sie Ihren Führerschein“, sagte der Prüfer beim zweiten Anlauf zu mir, „ist ja eh nur auf Probe ...“ Weil ich das hart erkämpfte Dokument gern behalten wollte, bin ich extrem selten gefahren, habe wieder meine Ängste gehegt wie einen Oldtimer. Höchstens wagte ich mich in die Klapperkiste von Großmutter Hilde. Damit nahm ich sogar mal Kurs auf Ikea, sammelte vorher noch großspurig Bestellungen für Vanillekerzen und Badematten ein – kam aber nie an, weil ich mich einfach nicht traute, die Spur zu wechseln.

Lektion: Aushalten

Zweite Stunde mit der einfühlsamen Fahrlehrerin: Sie kommen auch heute wieder, die Situationen, die mich bis in meine Träume verfolgen: Menschen, die ich im Rückspiegel wütend herumfuchteln sehe, weil mir an der Ampel der Motor ausgeht. Fühlt sich an wie früher: Du kannst das nicht, alle lachen dich aus! Hinter den Schläfen pocht es, der Hals ist trocken, die Finger klamm.

Obwohl dieses Mal ja nicht wirklich jemand neben mir lacht. „Wir haben Zeit“, sagt Kerstin stattdessen mit der Gelassenheit einer Meditationstrainerin. Was ich vor allem von ihr lerne: auszuhalten. Dass andere sich aufregen, weil ich langsam bin und Fehler mache.

„Viele Frauen, die zu uns kommen, wurden vorher von ihren Fahrlehrern so rund gemacht, dass sie sich gar nichts mehr zutrauen“, erzählt sie. Oder von Partnern, in die sie sich vielleicht weniger stürmisch verliebt hätten, wären sie ihnen zum ersten Mal als Beifahrer begegnet.

Vor der dritten Runde setze ich mich selbst noch mal richtig schön unter Druck. Der Idioten-Bonus ist abgegolten, rede ich mir ein, jetzt müssen sich Erfolge einstellen: kein rumpeliges Anfahren mehr, kein amateurhafter Spurwechsel! Aber natürlich säuft mir der Motor schon wieder ab. Mir ist so warm, dass ich vermute, versehentlich an den Heizungsschalter gekommen zu sein.

"Lass uns auf die Autobahn"

Und ich erinnere mich an meine Urgroßmutter Adele, die oft panisch von der Rückbank aufschrie: „Pass auf, da fährt einer hinter uns!“ So will ich nicht sein. Damit will ich mich nicht abfinden. „Lass uns auf die Autobahn“, schlage ich vor – dabei will ich gerade nichts weniger als das. Wider Erwarten läuft es gar nicht so schlecht.

Von Spaß zu reden wäre übertrieben, aber hier ist alles übersichtlich, 140 Sachen stressen mich sehr viel weniger als 30-Zonen und Parkmanöver. „Besteht Hoffnung für mich?“, überwinde ich mich, meine Lehrerin nach der Tour zu fragen. Überraschenderweise rät die nicht zu endlos vielen Fahrstunden. Lieber soll ich allein fahren und Selbstvertrauen aufbauen, ohne mich beobachtet oder beurteilt zu fühlen.

Für mich heißt das: Es steht besser um mich als befürchtet. Wäre doch wohl grob fahrlässig, jemanden auf andere Verkehrsteilnehmer loszulassen, der gar nichts kann.

„Es gibt keine Veränderung, ohne dass man dafür mit Angst bezahlen muss. Wie wunderbar glücklich und frei es macht, Dinge zu tun, vor denen man sich fürchtet.“ Dieses Zitat hatte mir eine gute Freundin vor meiner ersten Fahrstunde bei Kerstin Meyer geschickt. Genau darum will ich wieder fahren! Und weil ich mir nicht von meinen Emotionen vorschreiben lassen will, bei Minusgraden das Rad nehmen zu müssen.

Knight Rider lässt grüßen

Schließlich hat mein Mann vor drei Jahren diesen schwarzen Audi A4 Kombi angeschafft, zu dem ich seither ein sehr distanziertes Verhältnis unterhalte. Als ich zum ersten Mal auf dem Fahrersitz der 198-PS-Höllenmaschine Platz nehme und Gas gebe, habe ich das hypnotische Schwirren des „Knight Rider“ Intros im Ohr.

Na gut, ich befinde mich in diesem Moment nicht mitten im Verkehrschaos einer Großstadt, sondern aus Urlaubs- und Sicherheitsgründen auf einem Feldweg in Mecklenburg-Vorpommern, aber trotzdem: Ich fahre, und zwar im echten Leben, fünf Kilometer Landstraße bis ins Ostseebad Rerik, mache dort mit weichen Knien einen Beruhigungsstrandgang, esse ein Fischbrötchen und fahre wieder zurück zu unserem Ferienhaus – ohne Zwischenfälle.

Ja, das macht richtig Angst, aber auch mächtig froh und stolz! Diese Flexibilität eröffnet ja auch ganz neue Möglichkeiten: überdachtes Fortkommen bei Regen und Frost, ausgelassene Einkaufstouren zu Ikea, Wiedersehen mit alten Bekannten in ländlichen Gebieten …

Oh, da fällt mir ein: Horst-Willi, ich weiß, wo du wohnst! Und da ich jetzt mobil bin, könnte ich dich ja mal besuchen kommen. Ich würde dich zu gern mal auf eine Fahrt in meinem Kofferraum einladen.


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