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Gegen das Vergessen - Wie ein Hamburger Heim Demenzkranke begleitet

Rentner leiden unter Demenz
Die Demenz lässt Erinnerungen verblassen.
© Getty Images
In einem Hamburger Heim für Demenzkranke gibt’s jetzt eine Seemannskneipe. In der Haifischbar kann jeder in seinen verbliebenen Erinnerungen schwelgen.
von Wiebke Brauer

"Tja, so ist das", sagt Frau Lenz* und hält sich an ihrem Glas fest. Dann wird es still. Ihre Hände sind unruhig, ihr Ring blitzt bei jeder Bewegung auf, ihre Augen sind so blassblau wie der Herbsthimmel. An ihrem Stuhl hängt ihre Handtasche. Frau Lenz ist das, was man eine elegante Erscheinung nennt. Ihr gegenüber sitzt Frau Koch, sie lächelt und nickt zustimmend in das Schweigen hinein. Ihre ondulierten Locken wippen im Takt.

Die beiden Damen sitzen in einer Kneipe, an der Decke sind grobmaschige Netze gespannt, in denen Muscheln hängen. In der Ecke befindet sich ein großer runder Tresen. Dahinter stehen Gläser und Schnaps, vier Flaschen sind es, darunter Whisky und Wodka. Drei Barhocker stehen vor dem Tresen, mit geschnitzten Armlehnen, die wie Fische aussehen. Die Wände sind mit maritimen Memorabilien geschmückt: mit groben Tauen und Bojen aus grünem Glas, ein Steuerrad hängt da, ein Holzbrett mit Seemannsknoten, darunter ein Regal mit einem Buddelschiff und kitschigen Figuren.

Ein Ort gegen das Vergessen

Ein Kühlschrank brummt laut hörbar vor sich hin. Eine normale Matrosenbar an einem normalen Mittwoch – auf den ersten Blick. Dass hier in der Haifischbar etwas nicht stimmt, sieht man nicht. Es ist erst zehn Uhr vormittags, und bei der Kneipe handelt es sich nicht um die bekannte Bar auf St. Pauli, sondern um einen Aufenthaltsraum in einem geschlossenen Wohnbereich für Menschen mit Demenz-Erkrankungen. Wer hier sitzt, ist dabei, alles zu verlieren. Den Bewohnern in diesem Heim zerrinnt die Erinnerung an das Leben, die Sprache kommt ihnen abhanden – und irgendwann auch der Verstand. Doch bis dahin bietet dieser Ort Halt im Strom des Vergessens. Er ist ein Souvenir für diejenigen, die kein Andenken mehr von sich selbst haben. So wie Frau Lenz, die in einem anderen Leben Fremdsprachenkorrespondentin war und Frau Koch eine Hausfrau mit drei Kindern. Die beiden sind Freundinnen, verstehen sich oft ohne Worte und passen gut zusammen. Etwa weil Frau Lenz noch weiß, in welchem Zimmer die beiden wohnen – ein paar Schritte von der Bar entfernt. Frau Koch kennt den Weg nicht mehr.

Seit Anfang des Jahres existiert die Haifischbar im „Pflegen & Wohnen Alsterberg“, einem Heim im Hamburger Stadtteil Alsterdorf – 24 Menschen im Alter zwischen 60 und 90 leben in der Abteilung für Menschen mit Demenz-Erkrankungen, 15 davon sind Frauen. Eigentlich war die Bar für die männlichen Bewohner des Heims gedacht. Während man die Damen in der Wohnanlage beispielsweise mit gemeinsamen Backnachmittagen bei Laune hält, sind die Männer da nur an den Keksen interessiert. Auch das Kochen fesselt die Herren nicht sonderlich. Wohin also mit den Kerlen?

In München steht ein Hofbräuhaus

Eigentlich ein klarer Fall: Wenn nichts mehr geht, geht’s in die Kneipe. Das weiß jeder, der schon einmal in seinem Leben an einem Tresen seinen Liebeskummer ertränkte, bis dieser so leicht wurde wie der sich verflüchtigende Alkohol – oder so schwer wie der Kopf am nächsten Morgen. In einer Kneipe raucht man sich die Lungen wund, weil Gesundheit in einer Bar nichts verloren hat, hier singt man Lieder, von denen man annahm, man würde ihren Text nicht kennen, hier kann man Fünfe gerade sein lassen. Und: Man kann auch einfach herumsitzen und seinen Erinnerungen nachhängen – egal, wie viele es noch sind. Wer in den holzvertäfelten Raum mit der Bar und den dunklen Möbeln kommt, fragt sich sofort, warum vorher keiner auf die Idee gekommen ist, so etwas Heimeliges in einem Pflegeheim einzurichten. In München könnte es ein kleines Hofbräuhaus sein, im Ruhrpott vielleicht eine Klümpkesbude. An diesen Orten muss niemand funktionieren, nichts leisten, nichts darstellen, nichts erwarten und manchmal auch nichts mehr hoffen.

Am Tresen sind im romantischsten Sinne alle gleich. Hier kommt man auch zur Ruhe, während in der Wohnanlage der Bewegungsdrang der Dementen zu spüren ist: Die Körperspannung ist hoch, die Unruhe groß, besonders dann, wenn die Sonne untergeht. „Sundowning-Syndrom“ nennt man das. Während die Damen sich um ihre Kinder sorgen, die längst erwachsen sind, beginnen die Herren des Heims, nach ihren Schlüsseln zu suchen. Sie kramen nach ihren Portemonnaies, wollen von der Arbeit nach Hause zu ihrer Frau, obwohl es keine Arbeit und kein Zuhause mehr gibt. Und manchmal auch keine Frau mehr.

Allein unter Freunden

Auch Herr Braun ist in der Bar, der 76-Jährige ist hier der Liebling der Damen. Sein Lächeln steckt an, minütlich streicht er seinem Gegenüber zart über den Arm. Herr Braun arbeitete früher als Schließer in der Haftanstalt Fuhlsbüttel. Wobei Herr Braun auch manchmal erzählt, er wäre Kaufmann. Oder etwas anderes. Eigentlich war Herr Braun nur in Kurzzeitpflege in dem Heim, weil seine Frau operiert werden musste, doch die überstand den Eingriff nicht. Seitdem ist er hier. Dass seine Frau nicht mehr lebt, das hat man ihm nicht gesagt. Heute dreht Herr Braun unablässig an seinem Uhrarmband. Ob er auf dem Sprung sei, wird er gefragt. „Nö. Innerlich bin ich ganz ruhig“, sagt er und gluckst zufrieden. Trinken möchte er gerade nichts, erst heute Abend, dann gern ein Bier. Er lächelt und zupft an seiner Uhr.

Ein paar Meter weiter, im Aufenthaltsraum neben dem Speisesaal, sitzt Frau Specht auf einem Sofa und singt: „Die Männer sind alle Verbrecher, ihr Herz ist ein finsteres Loch, hat tausend verschied’ne Gemächer, aber lieb, aber lieb sind sie doch.“ Dann macht sie eine Pause und lacht sich ins Fäustchen. Neben ihr sitzt ein Mann, er hat die knochigen Knie unter sein Kinn gezogen und schaut ins Nichts. Frau Specht hat früher in der Verwaltung einer Schlachterei gearbeitet. Dort herrschte offenbar ein rauer Umgangston, den sie sich bis heute erhalten hat. Zusammen mit den Liedern, auch die sind der 90-Jährigen geblieben. „Jedes Mal, wenn ich eine Melodie nicht mehr weiß, frage ich Sie, nicht, Frau Specht?“, sagt Frau von Husen, die im Heim als stellvertretende Wohnbereichsleitung arbeitet.

"Wie sie nie sein konnten.“

Wer noch nie etwas vom norddeutschen Wort „begöschen“ gehört hat, wird spätestens begreifen, was es bedeutet, wenn er Vera von Husen beobachtet. Sie gibt beruhigende Geräusche von sich, stellt Fragen, die keiner Antworten bedürfen, zwingt niemanden zu Entscheidungen, die keiner mehr zu fällen vermag. Sie kennt die Biografie eines jeden Bewohners aus dem Effeff und kann sich keinen anderen Arbeitsplatz vorstellen. Der Umgang mit den Demenzkranken gefällt ihr, sie ist nicht traurig um das, was die Menschen hier einbüßen. „Ich lerne sie so kennen, wie sie im Leben vielleicht nie sein konnten.“

Es stellt sich die Frage, was man sich als gesunder Mensch versagt, was bleibt, wenn der Geist geht – und welche Bilder standhalten, wenn das Gedächtnis so durchlässig und löchrig wird wie ein zu oft gewaschenes Geschirrhandtuch. Offenbar sind es die Spuren des Drucks, der während des Berufslebens auf uns lastete. Frau Koch fragt sich, ob sie den Haushalt schafft. Die Männer ächzen unter dem Gewicht der Verantwortung, die sie im Job und für ihre Familie tragen mussten. Und sie suchen ihre Schlüssel.

Gefühle haben Bestand

Dazu kommt die Macht der Gefühle. Gefühle haben Bestand. Unkontrolliert sind sie hier, ungefiltert. Manchmal schreit Frau von Husen ganz laut, zusammen mit ihren Bewohnern. Während sie das erzählt, grinst sie von einem Ohr zum anderen. Manchmal ist ein Bewohner tagelang auf einen anderen sauer – obwohl ihm schon Sekunden später der Grund entfallen ist. Aber die Wut bleibt. Wegen einer Enttäuschung oder Verletzung. Vielleicht passt auch darum die Haifischbar so gut an diesen Ort. Weil in einer Bar die Gefühle hochkochen und die Sehnsucht schwelt, während der Intellekt für eine Bierlänge oder zwei aussetzt.

Die Männer sind längst nicht mehr nur unter sich in der Haifischbar. Sie wurde recht schnell von den Damen gekapert, weil die Umgebung sie an Partykeller von früher erinnert. Und so sitzen sie jetzt mit den Herren zusammen und trinken ein Gläschen Sekt oder eine Weinschorle. „So, jetzt muss ich mal wieder“, sagt Frau Lenz, steht auf und hängt sich ihre Ledertasche über die Schulter. Frau Koch erhebt sich ebenfalls. Gemeinsam gehen sie aus der Tür auf den Flur und bleiben kurz stehen. Frau Lenz wird den Weg schon wissen.


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