Genießer-Hummel statt Arbeitsbiene! – Warum Rastlosigkeit dick macht

Warum wollen wir alle fleißige Burnout-Bienchen sein, wenn wir auch freundliche Genießer-Hummeln sein können? Unsere Autorin hat einen einleuchtenden Vergleich zum Tierreich gezogen.

von Karina Lübke

Das moderne Leben – darin geht es zu wie in einem Bienenstock: Patriarchale Drohnen lassen sich bedienen und sind nur für Sex und Befruchtung gut. Dafür rasen die Arbeitsbienen den ganzen Tag herum, halten den Staat am Brummen, versüßen allen das Leben und sterben, ohne je ihre gesellschaftliche Position oder Stressbelastung hinterfragt zu haben. Sie bleiben brav in ihrer sozialen Klasse (nur die Königin hat Sex, die anderen Mädels machen fleißig die restliche Care-Arbeit, ohne Aufstiegschancen), fliegen zur Arbeit und zahlen dem menschlichen Ausbeuter für ein wenig Pfeifenrauch und Zuckerwasser Honigpacht und Bienenwachs. Sogar in der Stadt sind sie jetzt Trendtiere, was eine Vielzahl neu erschienener Bücher für Hobby-Imker belegt. Darin wird geschwärmt, dass die durchorganisierten Tierchen der menschlichen Gesellschaft ein Vorbild sein sollten. Bienen?

Bummelnde Rebellen in Pelzhöschen

Mich nerven die irgendwie. Dagegen Hummeln? Beim Bummeln! Das sind meine Krafttiere – Rebellen in Pelzhöschen.

Dabei hat kaum ein Insekt ein derartig falsches Image und ist solchem Bodyshaming ausgesetzt: rundlich, freundlich, ganzkörperbehaart, lahmarschig, laut und – am schlimmsten – unproduktiv. Nein, Hummeln produzieren keine Honigmengen für andere. Dafür bestäuben sie super Pflanzen, das aber ganz nebenbei, aus Spaß, während sie in Slow Motion von Blüte zu Blüte brummen, Nektar saufen und Pollen shoppen. Das tun sie, im Gegensatz zu den dünnen, frösteligen und ganzkörpergewaxten Bienen, auch bei Kälteeinbrüchen und Temperaturen um zwei Grad und Regen.

Auf Partys wird nicht mehr gefragt „Wer bist du?“, sondern „Was machst du?“

Es gibt eine goldene Zeit, in der wir alle echte Hummeln sind: die Pubertät. Man chillt, ernährt sich von Süßigkeiten und Softdrinks, hat Spaß, entdeckt die Welt und sich selbst. Geliebt und durchgefüttert wird der jugendliche Nichtsnutz trotzdem; während er seine Zukunft als Erwachsener tagträumt und dabei derart ausdauernd herumliegt, dass bei Adidas die Entwicklung von Thrombosestrümpfen für Teenager angeregt werden sollte. Nach der Schulzeit fliegt dann jeder mal aus dem Nest, hinaus in die Welt. Macht Erfahrungen und Fehler, probiert und studiert, bildet seine Talente aus und bietet diese der Berufswelt im Austausch gegen Erfolg, Geld, Liebe, Sinn und Anerkennung. Und dann passiert es: Auf Partys wird nicht mehr gefragt „Wer bist du?“, sondern „Was machst du?“. Spätestens im Arbeitsalltag verliert die Hummel dann ihren Babyspeck und wird eine fleißige Biene mit Verantwortung: stromlinienförmig, schnell, verlässlich, dauernd im Einsatz. „Yes we can“ ist das neue Muss. Jeder Tag bringt neue Aufgaben, und es ist keine gesellschaftlich anerkannte Option, wegen Überlastung aufzugeben. Das Leben ist produktiv und brummt wie ein Bienenstock. Und eine Weile sind das sogar Good Vibrations.

Also bitte – just do it!

Bis der ganze Buzz irgendwann zu viel wird – typischerweise, wenn in diesem durchorganisierten Leben Kinder dazukommen. Nun ist die weibliche Arbeitsbiene Tag und Nacht im Einsatz, nebenberuflich und unbezahlt in ihrem Familienunternehmen. Die Digitalisierung hat zudem längst das Wochenende gekillt. Die einstigen Ruhetage sind praktisch Heimarbeitstage, an denen man auf dem Handy immer erreichbar ist und im Homeoffice etwas nebenbei beim Kochen erledigt; oder Hausarbeit macht, die mit dem Mann liegen und an einem selbst hängen geblieben ist. Leider hat das Patriarchat es ehrgeizigen Frauen als Privileg verkauft, sich rund um die Uhr abarbeiten zu dürfen. Wir wollten doch unbedingt den Männern die Arbeitsplätze wegnehmen! Wir! Und wir wollten doch auch Kinder und Karriere, Sozialleben und Sport vereinen! Also bitte – just do it! Und schon findet man sich beim modernen Triathlon wieder: herumrennen, Hamsterrad fahren und zum Schluss ins Schwimmen kommen.

Die Wahrheit ist: Rastlosigkeit macht dick.

Ohne Fleiss keinen Preis? Mit Fleiß aber auch nicht! Für die fleißigen Bienchen, die keine Zeit haben, diesen Artikel zu Ende zu lesen, hier schnell das Wichtigste: Ihr werdet verarscht! Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist keine Frage der perfekten Organisation. Sie ist eine Lüge, und auch die fleißigste Arbeitsbiene wird nie Königin werden. Nein, „alle anderen“ kriegen es auch nicht hin, sie halten nur mit letzter Kraft den schönen Anschein aufrecht, weil auch sie denken, dass alle anderen es hinkriegen. Aber Überraschung: Die anderen Frauen können auch schlecht schlafen, haben vor lauter „mental load“ ein löchriges Kurzzeitgedächtnis, trinken zu oft zu viel Alkohol, um „zu entspannen“, und zu viel Kaffee, um „durchzuhalten“. Irgendwas zu tun gibt es schließlich immer – und wenn es an der Bikinifigur ist. Ironischerweise hält der Körper ausgerechnet durch den Dauerstress an jedem Kilo fest, weil ihm die permanente Überschwemmung mit Cortisol, Adrenalin und Östrogen eine lebensbedrohliche Notlage signalisiert, die bei Abmagerung die Art bedrohen könnte. Die Wahrheit ist: Rastlosigkeit macht dick. Und unglücklich. In dem gerade auf Deutsch erschienenen Buch „Das Rushing Woman Syndrom“ der australischen Biochemikerin Dr. Libby Weaver wird das komplette Ausmaß der körperlichen und auch geistigen Probleme dauergehetzter Frauen deutlich. Depressionen, Burn-out – das ganze Programm. Unbedingt mal lesen.

Keiner außer dem Burn-out-Therapeuten wird einem je sagen, dass es jetzt aber wirklich mal gut ist

Höchste Zeit also, sich den Bienenstock aus dem Arsch zu ziehen und den Honig selbst zu essen, statt ihn an andere zu verfüttern. Ab ins Körbchen, müde Biene. Der eilige Geist braucht Ruhe. Gegen das schlechte Gewissen hilft schon etwas Faulheits-PR: Statt „Ich bin faul“ sagt man einfach „Ich bevorzuge selektives Partizipieren“, statt „Ich geh schlafen“ lieber „Ich muss detoxen und erhöhe meine Melatoninproduktion“. „Tragträumen“ wird respektiert als „kreatives freies Assoziieren“, und im Café zu sitzen, um Leute zu beobachten, wird bezeichnet als „Ich gehe zum sozialen Achtsamkeitstraining“.

Es geht nicht mehr darum, seine Belastungsgrenze immer weiter auszutesten, sondern sie zu erkennen und zu schützen – auch vor sich selbst. Keiner außer dem Burn-out-Therapeuten wird einem je sagen, dass es jetzt aber wirklich mal gut ist, und die Erlaubnis geben, sich mal richtig auszuruhen. Falls die Drohne, äh, der Kerl mal „Du siehst müde aus!“ sagt, dann ist das meist als Kritik gemeint – und kein aktives Hilfsangebot. So aber werden die Arbeitswelt, die Liebe und die Kinder zu schwarzen Löchern, die unersättlich Energie schlucken und dem Eigenleben jede sinnfreie Süße aussaugen.

Hummeln wollen keinen Ärger

Von Hummeln lässt sich lernen: Hummeln legen keine Vorräte für später an, auch wenn Pollen oder Nektar im Überschuss gesammelt werden. Alle Vorräte werden schnell wieder verfüttert, heißt es bei „Brehms Tierleben“. Die Wachszellen sind unförmig, mehrere Eier werden gemeinsam darin abgelegt. Das Nest wirkt relativ chaotisch. Klingt doch sehr gemütlich.

Im Gegensatz zu Wespen und Bienen wollen Hummeln nichts von unserem Kuchen und drohen auch nicht damit, uns abzustechen, falls sie nichts abbekommen. Hummeln können zwar auch stechen, tun dies aber nur bei großer Bedrohung – und geben vorher mehrere Warnungen ab. Hummeln wollen keinen Ärger. Sie geben keinen Honig, sind keine Flugkünstler, aber auch keine Arschlöcher. Das ist vielleicht kein Karriere-, aber ein langfristiges Lebensziel. Lasst uns die Hummel zum Selbstschutztier von Frauen ernennen! Einfach mal ausschwärmen und das süße Leben genießen.