Gesundheit: Die sehr bizarren Hausmittel meiner Eltern

Zwiebeln um den Hals, Speck in die Nase und tief Gülle-Gestank einatmen. Manche Eltern sorgen auf sehr eigene Weise für die Genesung.

Hier schreibt Thomas Friemel

Eigentlich sind meine Eltern ganz normale Menschen. Garage, Garten, Gardinen. Ihr Leben war schon immer ein ruhiger Fluss. Auch als wir Kinder waren. Außer wenn es um unsere Gesundheit ging. Da schlugen die Wellen hoch.

Bei den ersten Anzeichen einer Erkältung wurde meine Mutter aktiv. Die Arznei ihrer Wahl: Zwiebeln. Sie schnitt sie in grobe Scheiben, stopfte sie in Socken und umwickelte uns Kindern damit den Hals. Nachts löste mein Bruder den Umschlag, knabberte das Gemüse und roch dann beim Frühstück streng. Streng rochen auch die Socken, denn meine Mutter bestand darauf, die Zwiebelwickel nur in tagelang getragenen Socken aus der Wäsche anzufertigen. Je stärker die Mauke Attacke, umso schneller die Genesung, sagte sie.

Ohnmacht durch Hitzschlag

Brach der Schnupfen schließlich aus, musste ich mich über unsere beige Plastikspülschüssel beugen, das Gesicht dicht über kochend heißem Wasser, luftdicht verschlossen mit einem Frotteetuch. Damit der Rotz abfließt, sagte Mutter. Mindestens für 20 Minuten. Während Schweiß und Rotz von meiner Nase tropften, kämpfte ich unter dem Tuch gegen die Ohnmacht durch Hitzschlag.

Weil meine Schleimhäute bei Schniefnase angegriffen waren, bekam ich häufig Nasenbluten. Dann drückte Mutter mir Speckwürfel in die Nase, weil Salz doch alle Wunden schließt. Und so lief ich eine halbe Stunde mit blutsalzverkrusteter Oberlippe und Fleischpfropfen im Rüssel herum wie das Kind eines Urvolks, das gepökelt den Göttern geopfert werden soll.

Fuhren wir mal in den Urlaub, hatte mein Vater einen lebenswichtigen Tipp für uns parat: Jauche! Wir tuckerten auf dem Weg nach Italien durch die Dörfer Österreichs („Die Scheiß-Maut zahle ich nicht“), Vater kurbelte das Fenster herunter und mahnte, die gute Gülle-Luft tief einzuatmen. „Das ist gesund“, jubelte er am Steuer unseres mattgrünen Audi 80. Meine Geschwister hatten es nicht so mit der Gesundheit und hielten sich die Nase zu. Ich schon. Meine Lungenbläschen sogen sich voller Kuhscheiße-Duft, und ich dachte: Lungenkrebs, adieu. Kuhkacke killt Krebs. Später, als meine Mutter dann an Krebs erkrankte, schimpfte mein Vater, aber nicht, weil sie bei der Kuhscheiße-Lungenkur nicht mitgemacht hatte. Er sagte: „Hätteste mal ein paar Schnäppsken mehr in deinem Leben getrunken, dann hätteste diesen Mist jetzt nicht.“ Meine Mutter besiegte den Krebs trotzdem.

Sonnencreme? Überschätzt!

Endlich am Urlaubsort angekommen, wurden wir nur morgens eingecremt. Wenn die Haut abends vor Sonnenbrand schmerzte, empfahl meine Mutter, die „Fetzen“ abzuziehen, damit das „Fleisch“ darunter besser heilen könne. So liefen wir als feuerrote Leuchtbojen über den Strand wie sonst nur die Briten.

Bei der Ernährung waren meine Eltern konservativer. Wir aßen Eintöpfe, Graubrot, Kartoffeln, Fleisch, Salat. Auch alles, was mal auf dem Boden landete – schließlich scheuert Dreck den Magen. Äußerten wir Missfallen darüber, sauren Quark aufs Brot schmieren zu müssen, hob mein Vater Stimme und Zeigefinger und mahnte: „Quark macht stark. Butter alleene macht krumme Beene.“ Dass mein Bruder keinen Quark mochte, sieht man noch heute.

Wir Kinder sind übrigens alle drei ohne größere Schäden erwachsen geworden – ich bin mir mittlerweile fast sicher, dass meine Eltern mit ihren eigenwilligen Methoden doch richtig lagen. Sie sind inzwischen über 80 und erfreuen sich bester Gesundheit. Vielleicht sollte ich meinen Sohn aus reiner Vorsorge kompromisslos mit Zwiebeln einreiben und in gülledurchtränkte Dreckwäsche einwickeln. Schaden kann es jedenfalls nicht.

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Zwiebeln um den Hals, Speck in die Nase und tief Gülle-Gestank einatmen. Manche Eltern sorgen auf sehr eigene Weise für die Genesung.

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