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Germanys next Topmodel: Warum wir es doof finden und trotzdem gucken

GNTM-Finale: Warum wir gucken und uns dafür nicht schämen brauchen
© Getty Images
Jede Woche flimmert Heidi mit ihren Mädchen über abertausende Bildschirme. Und das, obwohl die Sendung doch eigentlich alle doof finden... Hä? Versteht das einer? Ja, unsere Autorin.
von Miriam Kühnel

Germanys next Topmodel, das Supertalent, DSDS, X-Factor und was es nicht alles gibt. So verschieden die Formate auch sein mögen. Castingshow bleibt am Ende doch Castingshow. Erst machen sich die meisten zum Affen, dann hofft man mit den glorreichen Letzten und am Ende scheitern von denen auch alle. Na gut, bis auf den Gewinner, aber den haben (bis auf wenige Ausnahmen) am nächsten Tag doch auch alle schon wieder vergessen. Eigentlich ein Trauerspiel, möchte man meinen, doch die Quoten sagen etwas anderes: Seit etwa 15 Jahren boomen Castingshows. Und das hat gute Gründe.

Die Freude am Scheitern? So alt wie die Menschheit

Vor allem ist es nämlich so: Seit Anbeginn der Menschheit bereitet es unserer Spezies offensichtlich große Freude, anderen Menschen beim Scheitern zuzusehen. Im alten Rom hat man sich in Arenen gesetzt und den ungleichen Kampf zwischen Löwe und Kleingauner genossen. Im antiken Griechenland sah man sich am liebsten Tragödien an. Und auch die Ritterspiele folgten keiner anderen Logik. Zu sehen, wie andere zerfleischt werden, auf welche Weise auch immer, scheint uns ein tiefes Bedürfnis zu sein. Und nein, das betrifft nicht nur Frauen. Männer befriedigen dieses Bedürfnis nur anders. Oder wie erklärt sich sonst die hohe Einschaltquote zum Abstieg des HSV?

Besonders wichtig: Fallhöhe

Gut, das würde unsere generelle Lust auf Castingsendungen erklären. Aber warum freuen sich alle so besonders aufs Finale? Da macht sich doch keiner mehr so richtig zum Affen... Auch dafür gibt es eine ganz logische Erklärung. In der Poetik von Aristoteles steht es seit etwa 2350 Jahren geschrieben: In Tragödien sollten "bessere Menschen" vorkommen, also besonders reiche, adelige, schöne oder erfolgreiche Menschen. Warum? Wegen der Fallhöhe. Denn nur wer ganz oben ist, kann besonders tief fallen. Und da wären wir wieder beim Finale. Unsere Freude an der "Tragödie" GNTM erlebt ihren Höhepunkt deshalb im heutigen Abend, weil die Finalistinnen besonders schön, besonders erfolgreich und besonders weit gekommen sind. Maximale Fallhöhe, maximales Lästerpotential. Ja, Menschen sind grausam. Und das offensichtlich schon seit Jahrtausenden. So leid es mir für Heidi Klum und Dieter Bohlen tut: Das Grausamsein haben sie nicht erfunden.

Muss ich mich jetzt schämen?

Klar könnten wir uns jetzt dafür schämen, dieser niederträchtigen Seite in uns heute Abend wieder einmal nachzugeben. Wir könnten es aber auch einfach lassen. Es gehört nämlich schlicht und ergreifend zu unserer Natur. Und nein, damit fördern wir keine falsche Körperwahrnehmung von Jugendlichen. Denn am Tag darauf schieben wir wieder unsere gar nicht Klum-mäßige Wampe in den Supermarkt und kaufen trotzdem Chips. Wir ziehen Hotpants an, obwohl wir Dellen haben. Wir sagen unsere Meinung. Zum Beispiel, dass das Germanys next Topmodel-Finale irgendwie scheußlich war. All das tun wir, weil wir zu uns stehen, wie wir sind. Auch mit unserem schrecklichen Faible für moderne Tragödien mit ordentlicher Fallhöhe.


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