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Interview Zwei auf Kuschelkurs: Barbara im Gespräch mit Gregory Porter

Interview: Zwei auf Kuschelkurs: Barbara im Gespräch mit Gregory Porter
© Frank Schemmann
Barbara ist dafür, sich immer wieder neu zu verlieben. Jazzsänger Gregory Porter gesteht, dass seine Karriere auf den Trümmern seiner Ex-Beziehungen gebaut ist. Oha!

Barbara: Gregory, auf dem Weg zu diesem Gespräch habe ich mal wieder "Hey Laura" gehört, mein Lieblingslied von dir. Und ich dachte: Was für ein großartiger Song über die Liebe, den du da geschrieben hast!

Gregory: Danke, das freut mich.

Barbara: Ich hätte da nur eine Frage: Wer ist Laura? Gibt es die wirklich?

Gregory: Äh… ja. Die ist echt. Eine Schottin, die ich in New York kennengelernt habe. Wir hatten tatsächlich eine Zeit lang etwas am Laufen, aber das ist in die Brüche gegangen. Letztendlich, weil… nun… ich überhaupt nicht mit einem Rock klarkam, den sie immer getragen hat.

Barbara: Wie bitte? Ein Rock?

Gregory: Genau.

Barbara: Ein kurzer Rock?

Gregory: Im Gegenteil. Der ging runter bis zu ihren Knöcheln. Mit schottischem Muster. Knallbunt. Es war ein Rock, der nach Aufmerksamkeit geschrien hat.

Barbara: Okay, aber ich verstehe immer noch nicht…

Gregory: Ich habe damals in Brooklyn gelebt und war in einer Phase in meinem Leben, in der ich einfach nur meine Ruhe brauchte. Ich wollte nicht auffallen, aber wenn ich mit Laura zur U-Bahn gelaufen bin, hat dieser Rock, der "SIEH MICH AN!"gebrüllt hat, für das exakte Gegenteil gesorgt. Ich wollte, dass sie ihn nicht mehr anzieht. Sie fand das bescheuert.

Barbara: Verstehe ich. Daraus ist dann ein Prinzip in eurer Beziehung geworden.

Gregory: Ja. Es hat sich gezeigt: Ich konnte sie nicht akzeptieren, wie sie war. Und sie hat meine Befindlichkeiten weder verstanden noch auf sie Rücksicht genommen. Und dann passiert es eben, dass man an einem Rock scheitern kann.

Barbara: Meinst du, sie trägt ihn immer noch?

Gregory: Würde mich nicht wundern. Sie hat damals viel geweint wegen mir, sie sagte: Niemand hat jemals gewollt, dass ich etwas anderes anziehe. Ich bin, was ich trage! Damit hatte sie absolut recht. Ehrlich: Mir tut es heute noch leid, dass ich damals so beknackt war.

Barbara: Wie lange ist das her?

Gregory: So um die 15 Jahre.

Barbara: In dem Song über sie singst du, du hättest nach langer Zeit spätabends bei ihr geklingelt.

Gregory: Hab ich nicht. Aber ich habe Jahre später tatsächlich moderne Mittel genutzt, um herauszufinden, wie es ihr geht. Ob sie verheiratet ist, ob sie Kinder hat… Danke, Facebook.

Barbara: Das mache ich jeden Tag.

Gregory: Was? Etwa Exfreunde checken?

Barbara: Ja! Seltsamerweise be­ruhigt es mich irgendwie, wenn ich weiß, was in deren Leben los ist. Aber über einen meiner Ex konnte ich nichts im Internet finden, keinen Eintrag, kein Bild, gar nichts. Das hat mich total verrückt gemacht, in meinem Größenwahn war ich fest davon überzeugt, dass er sich vor mir versteckt. Und dann habe ich ihn auf der Straße getroffen.

Gregory: Und?

Barbara: Ich glaube, er hatte sich wirklich vor mir versteckt.

Gregory: Klingt so, als würdest du gescheiterten Beziehungen noch lange nachhängen.

Barbara: Ein Trugschluss. Wenn ich weg bin, habe ich mich innerlich komplett gelöst. Aber trotzdem finde ich es spannend, wie es im Leben dieser Männer weitergeht.

Gregory: Und… wie ging es weiter?

Barbara: Na ja, einige sind schwul geworden, nachdem sie mit mir zusammen waren.

Gregory: Wirklich?

Barbara: Wirklich. Wahrscheinlich war ich ein zu großer Schock für sie. Aber ich habe letzte Woche gerade einen Typen getroffen, mit dem ich in der Schule zusammen war. Nach 30 Jahren! Und ich muss sagen: Das war ganz schön. Wir sind beide heute bessere Versionen unserer selbst als damals.

Gregory: Inwiefern besser?

Barbara: Klarer. Selbstbewusster. Entspannter. Erinnerst du dich noch daran, wie verwirrend und welterschütternd es war, mit 15 oder 19 verknallt zu sein?

Gregory: Klar! Und ich verstehe total, was du meinst. Aber auf der anderen Seite sind da diese chemischen Reaktionen der Liebe. Verwirrtheit und eine Erschütterung der eigenen Welt sind auch mit Mitte 30 oder Ende 40 im Programm. Und ich hoffe sehr, dass das immer noch so ist, wenn man sich mit 70 verliebt. Wie alt warst du, als du den Mann getroffen hast, mit dem du jetzt verheiratet bist?

Barbara: Das war in meinen frühen Dreißigern, vor ungefähr zwölf Jahren. Und du? Wann bist du deiner Frau begegnet?

Gregory: War so ähnlich. Vor 13 Jahren, da war ich 35. Und ich glaube, da spreche ich nicht nur für mich: In diesem Alter hat man ein gefestigteres Bewusstsein als mit 15 oder 19. Das hilft.

Barbara: Allerdings. Ich bin wirklich froh darüber, dass ich meine große Liebe so spät in meinem Leben getroffen habe. Das hätte niemals mit 20 funktioniert, da hatte ich immer das Gefühl, es gibt noch mehr da draußen und bestimmt auch etwas Besseres. Ich habe mich vor ihm ausprobiert, ich habe he­rausgefunden, was ich will – und was nicht.

Gregory: Und was willst du nicht?

Barbara: Ich habe früher immer Männer gesucht, die das komplette Gegenteil von mir sind, mit denen ich nichts gemeinsam hatte. Das will ich nicht mehr, seit ich bei meinem Mann verstanden habe, wie cool es ist, wenn man jemandem ins Herz sehen kann. Ich verstehe alles, was er sagt, was er fühlt… Gregory, jetzt wirst du ganz still…

Gregory: Sorry. Ich denke gerade darüber nach, wie es bei mir und Victoria angefangen hat.

Barbara: Au ja! Wo habt ihr euch getroffen?

Gregory: In Moskau, sie ist Russin. Ich war dort auf Konzertreise. Aber es war anfangs keine Liebe im Spiel, kein großes Kribbeln. Wir waren nämlich beide mit anderen Menschen zusammen. Aber wir wurden schnell gute Freunde.

Barbara: Das kann ein Vorteil sein.

Gregory: Ja. Insofern, dass eine Liebe ohne Freundschaft keine Basis hat. Den Punkt hatten wir also schon mal vorher geklärt. Was bei uns noch dazukam: Es gab eine Sprachbarriere. Auch ein Vorteil.

Barbara: Echt? Wieso das?

Gregory: Weil ich mir über ihre Gefühle sicher sein wollte, und ich musste mich vergewissern: Meint sie das jetzt so oder so oder ganz anders? Wir haben geredet und geredet und geredet, es stand nichts ungesagt im Raum.

Barbara: In Zeichensprache?

Gregory: Nein, nein. Als ich sie traf, sprach sie etwa 30 Wörter Englisch. Ihre ersten E-Mails waren sehr poetisch, der Google-Übersetzer war damals längst nicht so gut wie heute. Das waren keine vollständigen, sinnvollen Sätze, die dabei herauskamen. Mehr so japanische Haikus. "Der Fluss und das gleißende Sonnenlicht strahlen aus deiner Stirn", so in etwa. Als sie schließlich gut Englisch sprach, sagte sie, sie wollte mir nur mitteilen, dass sie gern im Fluss schwimmen geht.

Barbara: Das ist sehr lustig!

Gregory: Es gibt aber auch tatsächlich einige interkulturelle Gegen­sätze, die unsere Beziehung prägen. Zum Beispiel: Ich darf im Haus nicht pfeifen.

Barbara: Huch. Warum das nicht?

Gregory: Russischer Aberglaube. Wenn du im Haus pfeifst, glaubt der Russe, verlierst du all dein Geld.

Barbara: Nicht dein Ernst!

Gregory: Victorias Ernst! Und das ist beruflich nicht ganz einfach: Wenn mir zu Hause eine Melodie einfällt, ist mein erster Impuls…

Barbara: … sie zu pfeifen. Völlig klar.

Gregory: Sie wird dann sauer und sehr energisch. Ich versuche ihr klarzumachen, dass das Gegenteil der Fall ist: Wenn ich eine neue Melodie pfeife, kommt später Geld ins Haus!

Barbara: Und?

Gregory: Nichts zu machen. Gegen russischen Aberglauben kommt keine Logik an. Aber ich habe mich auch diesen Phänomenen unserer Beziehung langsam angenähert. Und das will ich eigentlich sagen: Dieses Vergewissern um die Richtigkeit dessen, was der andere sagen will, hat das Tempo aus der Sache genommen. Es hat mich und Victoria ruhiger gemacht. Das war gut.

Barbara: Was mir daran gerade sehr gut gefällt: Ihr habt dadurch das Beste an einer Beziehung in die Länge gezogen.

Gregory: Und das ist?

Barbara: Der Anfang. Das Sich-Annähern, das Einander-Verfallen. Ich denke heute, ich hätte in jede meiner Beziehungen viel, viel langsamer hineingleiten sollen, um diese Phase, die kein Paar wiederholen kann, länger auszukosten.

Gregory: Das Rezept dafür wäre dann ja wohl, sich öfter mal zu verlieben.

Barbara: Und ich bin dafür! Es muss ja kein Mann sein und auch gar nicht sexuell. Sondern irgend- etwas, was dir Schmetterlinge im Bauch und Gänsehaut macht.

Gregory: Zum Beispiel?

Barbara: Ein Haus, eine Katze, von mir aus auch doch ein Mann… Man muss nicht alles ausleben, aber ich bin immer irgendwie verliebt. Und sei es nur in mein eigenes Leben.

Gregory: Es gibt einen Song auf meiner neuen Platte, "If Love Is Overrated". Es geht darin um nicht ausgelebte Liebe. Wenn man in der Schule in jemanden verliebt ist, der nie davon erfahren wird, beim Job, wo es oft verboten ist, mit jemandem etwas anzufangen… Mein Gedanke war: Liebe braucht nicht unbedingt einen Empfänger. Das Gefühl wird nicht dadurch entwertet, dass eine Liebe nicht erwidert wird, es wird auch nicht schwächer.

Barbara: Eine innerliche Liebe, keine äußerliche.

Gregory: Exakt. Und dieses Gefühl ist wertvoll, es kann Großes daraus entstehen. Gedichte, Romane, Songs, Gesetze können auf dieser Basis entstehen und ganze Gesellschaftssysteme zusammenbrechen. Das macht Liebe so mächtig. Auch und gerade die unerwiderte.

Barbara: Die hässliche kleine Schwester von unerwiderter Liebe ist ein gebrochenes Herz. Siehst du auch irgendwelche Vorteile darin?

Gregory: Absolut. Meine Karriere basiert letztendlich auf der Melancholie, die ich durch Liebeskummer erfahren habe. Wie ist es bei dir?

Barbara: Ach, so oft wurde mein Herz nicht gebrochen. Eigentlich nur einmal so richtig. Dabei war ich es, die ihn verlassen hat. Hinterher wurde mir klar: Das war eine richtig große Sache. Aber ich war um die 20, und wie ich vorhin sagte…

Gregory: … es hätte wohl eh nicht funktioniert.

Barbara: Richtig. Aber es gibt ihn noch in meinem Leben, und ich google ihn.

Gregory: Warum wundert mich das jetzt nicht?

Barbara: Können wir noch über eine andere Art der Liebe reden?

Gregory: Welche?

Barbara: Ich habe gelesen, dass du ein Mama-Kind bist.

Gregory: Das stimmt. Meinen Vater habe ich kaum gekannt, und meine Mutter ist gestorben, als ich 21 war. Aber meine Liebe zu ihr ist etwas Spezielles in meinem Leben.

Barbara: Magst du davon erzählen?

Gregory: Wir sind in Bakersfield in Kalifornien in einer Gegend auf- gewachsen, in der Rassismus zum Alltag gehörte. Aber sie hat meinen sieben Geschwistern und mir immer wieder klargemacht: Ihr seid kein bisschen schlechter als irgendjemand anderes auf der Welt. Sie hat uns beigebracht, gerade durch das Leben zu gehen, und ihre Liebe war so echt, so tief, so unverbrüchlich, dass ich von diesem Gefühl heute noch zehre.

Barbara: Das ist ja meine feste Überzeugung: Wenn man von seiner Mutter bedingungslos geliebt wird, und das war und ist bei mir genauso, dann kann dir im Leben eigentlich nicht viel passieren. Aber mein Vater liebt mich auch. Ganz schön traurig, dass es bei dir nicht so war.

Gregory: Das ist eine offene Wunde, bis heute. Aber er hat mir auch etwas gegeben.

Barbara: Und was?

Gregory: Ich war vor ein paar Jahren auf seiner Beerdigung. Da waren viele Menschen, die ich natürlich nicht kannte. Und die erzählten mir, was für eine unglaublich schöne Singstimme mein Vater hatte.

Barbara: Das wusstest du nicht?

Gregory: Ich hatte keine Ahnung. Er hat mir nichts hinterlassen, kein Wort, keinen Brief, kein Bild, gar nichts. Er war ein Fremder. Aber ich muss heute oft daran denken: Meine Stimme, für die ich heute in großen Teilen der Welt bekannt bin, die mir ein solides Einkommen verschafft und mein Leben in eine wunderbare Richtung gedreht hat – das ist sein Erbe. Auf diese Weise bin ich mit ihm verbunden, für immer.

Stephan Bartels hat das Gespräch begleitet und hinterher mal an alle Mädchen und Frauen gedacht, in die er verliebt war, ohne dass sie’s wussten.

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BARBARA 05/2020

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