VG-Wort Pixel

Größenwahn: Ich bin toll. Oder?


Der Schweizer Psychologe Theodor Itten hat ein Buch über Größenwahn geschrieben und erklärt, wann Angabe zur Selbstüberschätzung wird
Jana Felgenhauer
Wir Menschen stellen uns oft besser dar, als wir sind. Warum?

Gerade in der Jugend ist Angeben der Versuch, jemand zu sein und sich gleichzeitig zu motivieren. Man möchte das Fremdbild beeinflussen. Ziel ist es, von anderen ein positives Feedback zu bekommen, um seinen Selbstwert zu stärken. Prahlerei kann also auch daher rühren, sich schützen zu wollen, weil man sich minderwertig fühlt.

Wann wird es heikel und tendiert in Richtung Selbstüberschätzung?

Angeben ist ein Spiel mit Realität und Wunschvorstellung. Es geht um Fragen wie: „Was bin ich?“, „Was kann ich?“, „Wo möchte ich hin?“. Mit spätestens Anfang 30 sollte sich aber die sogenannte „psychosoziale Identität“ entwickelt haben. Jetzt sollte ein Mensch realistisch einschätzen können, was er wirklich gut kann, weil er es gelernt hat und es Resultate gibt. Es ist wichtig, sich von den Fantasiebildern seiner Jugend zu lösen und zu begreifen, okay, in diesem Leben werde ich kein großer Musiker mehr.

Doch woher weiß man denn, ob man nun ein Talent ist oder ein Dilettant?

Wir brauchen Kritik und Lob eines sozialen Umfelds. Diese Rückmeldungen zeigen uns Grenzen auf oder unterstützen die eigene Einschätzung. Wichtig ist, dass man Menschen hat, die einen erden, denn hält man an dem „falschen“ Sein fest, verpasst man, sich zu der Person zu entwickeln, die man wirklich ist.

Kann das auch in die andere Richtung gehen, wenn ein Kind immer hört: „Gib nicht so an!“?

Das nenne ich einen produzierten Minderwertigkeitskomplex. Es gibt positiven und negativen Narzissmus. Die eine Variante ist, zu glauben, dass einem im Leben alles zusteht, weil die Eltern einen immer über den grünen Klee gelobt haben. Die zweite entwickelt sich, weil man immer kleingemacht wurde und darauf nun mit „Denen zeige ich es“ reagiert, eine Art soziale Rache.

Theodor Itten ist Autor des Buches "Größenwahn. Die Psychologie der Selbstüberschätzung" (Orell Füssli) 


Mehr zum Thema