Gynäkologin Sheila de Liz: "Wer Sex hat, altert nicht so schnell"

Die Wechseljahre haben viele Vorteile und in den 40ern haben wir den besten Sex: Das zumindest sagt die Frauenärztin und Bestsellerautorin Sheila de Liz. Wir haben mal nachgefragt. 

von Tina Epking (Interview)

Ihr Buch heißt "Unverschämt. Alles über den fabelhaften weiblichen Körper" – und das ist es auch, vor allem unverschämt amüsant. Gynäkologin Sheila de Liz ist aber nicht nur ein Unterhaltungstalent, sie hat auch einen Auftrag: Sie möchte Frauen aufklären. Wir zumindest haben im Interview einiges gelernt.

Barbara.de: In Ihrem Buch steht, dass man altert, wenn man keinen Sex hat. Warum?

Sheila de Liz: Frauen, die sexuell länger aktiv bleiben, altern vaginal auf jeden Fall nicht so schnell. Das liegt an der Durchblutung und den Hormonen, die beim Sex freigesetzt werden. Bei Frauen, die keinen Sex haben, passiert häufig Folgendes: Die Hormonproduktion lässt nach, die Schleimhaut um die Vagina wird dünner, dann tut es weh und das führt zu Vermeidungsverhalten. So beginnt  der langsame Verfall der Sexualität. Wenn man aber frühzeitig etwas dagegen tut, weiterhin Sex hat und die Durchblutung fördert, altert die Vagina langsamer.

Nur die Vagina?

Nein, auch alles andere. Ich glaube, wer Sex hat, altert generell nicht so schnell. Meine Patientinnen, die über 70 sind und noch ein reges Sexualleben haben, sind insgesamt fitter. Sie haben weniger Alterskrankheiten, sie sind geistig jünger, sie verreisen viel mehr und machen mehr Sport. 

Braucht man dafür einen Partner?

Auf keinen Fall. Selbstbefriedigung ist wunderbar, auch ein Spielzeug aus dem Sexshop hilft. "Use it, or lose it", sage ich immer. Das ist nicht an einen Partner gebunden: Es geht darum sexuell aktiv zu bleiben, denn das scheint zu konservieren.

Apropos Konservierung: Sie schreiben, dass Wechseljahre viele Vorteile für uns Frauen haben. Wie meinen Sie das?

Vor den Wechseljahren sind wir sehr darauf erpicht, es allen recht zu machen. Wir können aber noch weiter zurückgehen, alles beginnt schon viel früher. Vor der Pubertät wussten wir sehr genau, wer wir waren und was wir wollten, auch wenn uns das gar nicht bewusst war. In der Pubertät kommen dann aber die Hormone und bringen alles durcheinander. Man fängt an, Dingen hinterher zu jagen und durch den Östrogeneinfluss, den man noch in den 20ern und 30ern hat, fragt man sich dauernd, wie man aussieht und wie man einen Partner an sich binden kann. Man will alle glücklich machen, den Mann, die Kinder, die Schwiegermutter, die Nachbarn und den Elternbeirat in der Schule. Man versucht für alle alles zu sein. Das ist normal und okay, so funktioniert unsere Gesellschaft eben.

"Testosteron gibt uns Antriebskraft und einen klaren Kopf"

Und dann?

Ab Ende 30 fängt die Qualität der Eisprünge an abzunehmen. Dadurch schwankt die hormonelle Versorgung, zuerst verringert sich das Progesteron, dann haben wir weniger Östrogen. Das führt dazu, dass man nicht mehr allen gefallen will. Eines Tages fragen sich viele Frauen, was sie eigentlich wollten – und viele nehmen sich dann das, was sie früher wollten. Sie bekommen etwas von der Selbstsicherheit zurück, die sie vor der Pubertät hatten.

Was passiert noch in den Wechseljahren und danach?

Wir haben wieder mehr Testosteron, das gibt uns Antriebskraft und einen klaren Kopf. Viele Frauen sind stärker und stabiler und absolut nicht mehr bereit, sich jeden Scheiß erzählen zu lassen. Sie haben das Gefühl zu wissen, wer sie sind und was sie wollen – und dass das so super ist. Ich möchte kommunizieren, dass diese Zeit extrem wichtig ist.

Aber geht es vielen Frauen in den Wechseljahren nicht auch schlecht?

Das muss es aber nicht. Ich bin Verfechterin von Frauenmedizin in der Lebensmitte. Früher wurde gesagt, man müsse da durch. Viele Frauen können aber nicht schlafen, schwitzen ständig oder sind dauernd gereizt, das ist sehr frustrierend. Es gibt mittlerweile sehr, sehr gute und vernünftige Medizin für Frauen in den Wechseljahren. Vor 20 Jahren hat man Frauen fiese synthetische Hormonpräparate gegeben, die künstlich und völlig überdosiert waren. Mittlerweile gibt es bioidentische Hormonbehandlungen, die genau auf die Bedürfnisse des Körpers zugeschnitten sind. So kann man Frauen stabilisieren und ihnen ermöglichen, ihr volles Potenzial zu entfalten.

Wo wir gerade von Potenzial sprechen: Sie sagen an einer Stelle im Buch auch, dass Frauen ab 40 ihren besten Sex haben...

Das hat mit dem höheren Testosteronspiegel zu tun. Es gibt auf der einen Seite einen sinkenden Östrogenspiegel, deswegen ist uns weniger wichtig, was andere denken oder ob wir Cellulite oder einen Bauch haben, auf der anderen Seite haben wir den noch nicht abgesunkenen Testosteronspiegel, der eine gesunde Libido macht.

Bisher klingt das alles positiv. Allerdings sagen Sie auch, dass Frauen ab Mitte 40 am besten keinen Alkohol mehr trinken sollten. Warum?

Ja, ich weiß, damit mache ich mich unbeliebt. Es gibt Frauen, die trinken jeden Tag, aber wir vertragen es mit zunehmendem Alter weniger und nehmen viel schneller zu. Es wirkt außerdem östrogenisierend und produziert ungesundes Bauchfett. Wir erholen uns auch nicht mehr so gut davon, sondern brauchen mehrere Tage dafür. Gegen ein Glas Wein am Wochenende ist natürlich nichts zu sagen, es ist nicht verboten, aber es ist einfach nicht förderlich, wenn man fit bleiben will. 

"Mir geht es darum, Frauen aufzuklären, damit sie keine Angst mehr haben"

Sie schreiben auch, dass Frauen insgesamt nicht viel über ihren Körper wissen. Was genau meinen Sie damit?

Es fängt bei der Anatomie an. Manche wissen nicht, was eine Vagina und was eine Vulva ist. Viele können nicht sagen, wo sich ihre Klitoris befindet. Ich habe Frauen erlebt, die nicht erklären können, was und wo der Gebärmutterhals ist. Ich erlebe tagtäglich, dass Frauen nicht wissen, wie die Pille funktioniert oder warum sie bluten. Da können sie aber gar nichts für: In deutschen Schulen wird kaum über den weiblichen Körper gesprochen, und viele Ärzte behandeln Patientinnen, als wären sie blöd und verstünden eh nichts. Ich habe wirklich gebildete Patientinnen erlebt, die Richterinnen und Lehrerinnen sind und trotzdem sehr wenig über ihren Körper wissen. Das sollte so nicht sein.

Wie ändern wir das am besten?

Wir können zum Beispiel Töchtern, schon wenn sie klein sind, erklären, was man äußerlich sieht, etwa die Schamlippen. Später dann, dass es drei Löcher gibt, die man nicht so gut sieht, aber die unterschiedliche Funktionen haben. Bei Jungen ist das anders, die kennen ihren Penis. Lange wurde ignoriert, dass eine Frau eine Klitoris hat, dass sie eine Sexualität hat, die mit dem männlichen Penis überhaupt nichts zu tun hat, weil sie ja außen sitzt und nicht innen. Sie dient vor allem zur Befriedigung der Frau. Viele Männer wollen das übrigens gar nicht wissen oder akzeptieren. Dabei ist es völlig normal, vaginal nicht zum Orgasmus zu kommen, dafür ist die Vagina gar nicht gemacht. Dafür haben wir die Klitoris.

Was würden Sie denn einer Frau raten, die nicht vaginal zum Orgasmus kommt?

Immer klitorale Stimulation. Die wird oft beim Geschlechtsverkehr ignoriert. Dafür kann man auch Hilfsmittel nehmen, Hände oder einen Vibrator. Es gibt aber immer noch genug Deppen, die denken, sie brauchen das nicht, sondern reiner Geschlechtsverkehr würde reichen, um eine Frau zu befriedigen. 

Haben Sie für diese Männer unter anderem das Buch geschrieben?

Nein, mir geht es darum, Frauen total aufzuklären, damit sie keine Angst mehr haben, damit sie nicht mehr verunsichert sind, damit man die sexuelle, weibliche Identität endlich in das 21. Jahrhundert transportiert. Ich möchte Frauen bestärken: Damit wir uns mit unserem Körper, unserer Sexualität, unserem Zyklus und unseren Hormonen genauso gut auskennen wie mit Schminktechniken oder damit, wie viele Kalorien eine Banane hat. 

Dr. med. Sheila de Liz, geboren 1969 in New Jersey, kam mit 15 Jahren nach Deutschland und studierte in Mainz Medizin. Seit 2006 arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wiesbaden. "Unverschämt. Alles über den fabelhaften weiblichen Körper" ist im Rowohlt Verlag erschienen und kostet 16 Euro.

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