Das geht in einem Mann vor, der sich prügeln soll

Kerle, die sich prügeln wollen, finden sich an jeder Ecke. Genau wie Männer, die darauf gern verzichten. Deren Rettung: die starke Hand einer Frau.

von Björn Krause

Gewinne, Gewinne, Gewinne. Habe das große Los gezogen, weil ich auf dem Rummel bin. Alles ist laut, teuer und gleichzeitig billig. Abgesehen von dir, Liebste. Du bist nur schuld, dass ich überhaupt hier bin.

Auf dem Jahrmarkt: Die einen haben Spaß, um sich selbst drehend, über Kopf, im freien Fall. Die anderen kämpfen damit, ihren Magenbrei aus Popcorn und Feuerspießen bei sich zu behalten. Gehöre zu den anderen.


Beim Zuckerwattestand passiert es, kurz hinter dem Mäusezirkus und vor der Geisterbahn steuern dieser Kerl und ich aufeinander zu wie beim Autoscooter. Kann nicht ausweichen, Kollision. Ein Aufprall, der Kontinentalplatten verschiebt und Gebirge zu Kieselsteinen zerbröselt. Erst mal orientieren. Die Sonne ist weg, wird verdeckt von seinem Kreuz. Ein Typ, der aussieht, als könne er mit seinem Daumen Nägel in Hartbetonwände drücken. Und er schreit mich an.


Bei den Konsonanten fliegen Krümel aus seinem Mund. Adrenalineinschuss in meiner Brust, ein evolutionsbiologisches Überlebensprotokoll, das mich größer, breiter, lauter macht. Äußerlich. In mir drin zieht sich alles zusammen, hab die Hosen voll bis zum Nacken.

Ein guter Freund hat mal etwas Kluges gesagt. Wenn dein Herz stärker schlägt als deine Faust, solltest du rennen. Das Problem dabei ist nicht der Typ vor mir. Und auch nicht mein Tempo – bevor der auch nur einen Fuß hebt, habe ich zwei paar Laufschuhe runtergerannt.

Das Problem ist die Frau neben mir, bist du. Habe nämlich keine Lust, vor dir mein Gesicht zu verlieren. Genauso wenig wie meine Zähne. Reden ist auch keine Option, denn er brüllt, brüllt, brüllt und wirft mit Kraftausdrücken um sich, wie er es vermutlich auch mit Kleinwagen tun könnte. Bin geliefert.


Ein Sondereinsatzkommando könnte das beenden. Eine Riesenradgondel, die auf ihm landet. Oder auf mir. Und du kannst es, Schatz. Und tust es. Hältst meinen Arm und sagst, dass ich mich nicht provozieren lassen soll. Lass los, schreie ich, lass los – und hoffe, dass du genau das nicht machst. Denn sobald du das machst, loslassen, kennt dieser Typ kein Halten mehr, ertönt für mich der Gong zur ersten und letzten Runde.


Ziehst mich langsam weg. Ein paar Schritte noch geht er mit, dann wendet er. Mein Herz flattert, deine Hände zittern. Brauchen Zucker zur Beruhigung. An der nächsten Bude gibt’s eine Schokobanane für mich. Und einen Liebesapfel für dich.