Hilfe, ich bin spießig! – Warum wir wurden, was wir damals nie wollten

Weltreisen wollte unsere Autorin machen, in der Südsee mit Delfinen Freundschaft schließen, nichts besitzen, ihre Kinder von Shaolin-Mönchen unterrichten lassen, große Abenteuer erleben und sich völlig frei fühlen. So weit ihr Plan mit 18. Heute hat sie Kinder, ein Eigenheim im Neubaugebiet und Lust, einen Hund zu kaufen.

von Marie Stadler

Ich glaube, es war, als ich mich beim Surfen auf einer Hundezüchter-Website ertappte. Mann, Haus, Kind, Hund – allein der Wille, Letzteres zu erwerben, nachdem der Rest schon vorhanden war, machte es offiziell: Ich war spießig. Und bin es immer noch – daran konnte leider auch die schockierende Einsicht nichts ändern. Dabei war ich früher eine von denen gewesen, die die verwegensten Pläne hatte. Mein Zimmer war gepflastert mit Bildern von Visionen, wie es wohl aussehen würde, mein schönes Erwachsenen-Leben. Auf jeden Fall ganz anders als das langweilige Leben meiner Eltern. Hach, was kam ich mir erhaben vor in meinem Glauben daran, wie cool ich sein würde! Vor Neid erblassen würden sie, all die Zweifler und Frevler, die es mantramäßig wiederholten: "Jaja, werd du erst mal erwachsen!" Ja, genau das würde ich tun. Und sie würden ihr blaues Wunder erleben, wenn sie sehen würden, wie abgefahren und verrückt ich auch mit Kind und Kegel noch leben würde! Und nun das.

Geht es den anderen genauso?

Alles hat seine Zeit

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich mich vor meinem 18-Jährigen Ich schämen muss. Ja, ein bisschen vielleicht schon, das mit dem Hund war echt übertrieben. Aber der Rest? Mh. Ich glaube, dass man sich nicht im Traum vorstellen kann, wie es ist, Kinder zu haben, bevor es wirklich so ist. Dass einem schon Säuglinge (vielleicht waren meine aber auch besonders spießig) den Marsch blasen, wenn man mit ihnen zu viel herumreist. Dass auch Kleinkinder schon in der Lage sind, Freundschaften zu schließen. Dass Eltern, sobald sie Großeltern sind, gar nicht mehr nerven, sondern die besten Babysitter der Welt sind. Und dass man plötzlich auch selbst das Bedürfnis nach Sicherheit hat, wenn man die ja auch ausstrahlen muss. All das tritt dann leise anstelle der Träume von Shaolin-Künsten, Delfinen und Strandcafés am anderen Ende der Welt. Ob das schlimm ist? Ich glaube nicht. Wir dürfen nur nicht damit anfangen, unseren Kindern vorzuwerfen, dass sie große Träume haben. Letztens erzählte mir meine große Tochter, dass sie später mal Walforscherin werden möchte und ihr ganzes Leben lang auf Forschungsschiffen durch die Welt segeln will. Was ich dachte: "Jaja, werd du erst mal erwachsen!" Was ich sagte: "Das finde ich super! Ich komm dich dann in der Antarktis besuchen!" Und wer weiß, vielleicht werd ich sie ja auch genau dort finden. Dann werde ich sie derbe feiern dafür, dass sie es geschafft hat, kein Spießer zu werden. Ich für meinen Teil bin es ja eigentlich auch nicht so richtig, wenn ich nochmal richtig drüber nachdenke. Hab ja schließlich keinen Hund. Und das gehört ja wohl eindeutig dazu!

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