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"Karl-Johann muss sich spüren lernen!"– Hipster-Eltern in Großstädten


Kleinkinder, die in Cafés in Zuckerdosen sabbern, ihre Hochbegabung beim Kinderturnen präsentieren und grundsätzlich im Lastenfahrrad chauffiert werden, gehören einer besonderes Spezies an: Sie haben Hipster-Eltern. Unsere Autorin hat sie analysiert – und lässt Dampf ab.
von Anna Gebhardt

Hippe Großstadt-Eltern im Café

Es ist mir ein Rätsel, wie man die Wirklichkeit so ausblenden kann: Für mich ist es ziemlich offensichtlich, was Menschen vorhaben, die gemeinsam an einem Tisch in einem Café sitzen. Sie wollen gemütlich ihren Cappuccino trinken, ein Croissant oder Stück Kuchen genießen und sich mal wieder unterhalten. Was sie NICHT wollen: Aufpassen, ausweichen, die Tasse ängstlich festhalten, den Geräuschpegel übertönen und NOCH WENIGER: Sich strafend angucken lassen, wenn sie nicht total verständnisvoll und entspannt auf den kleinen Jannis reagieren, der sich unter ihrem Tisch gerade eine Höhle baut und dafür noch ein paar Servietten vom Tisch benötigt. Und wenn währenddessen Ella Louise und Tamo Maximilian im Café fangen spielen. Ups, die kleine Tara Joan ist noch ein Krabbel-Kind – hat sie sich gerade absichtlich die Nase an meiner Jacke abgewischt? Ich bin wirklich keine Verfechterin davon, Kinder aus dem öffentlichen Leben rauszuhalten. Dennoch finde ich, dass es eine bestimmte Altersspanne von Kindern und einige Plätze gibt, die einfach nicht matchen. Und diese Attitüde, dass das nun alle klasse finden müssen, weil sich der Tamo Maximilian da echt mal spüren muss und gerade lernt, seine Grenzen auszutesten, geht mir voll ab. Dieser Typ Eltern begegnet mir vor allem in der Großstadt: Hippe Mamas und Papas, die aus all ihrer Hippheit heraus andere generell als spießig deklarieren. Und ja, es gibt auch Cafés, die extra kinderfreundlich sind, so mit Spielecke und so. Dort fallen dann aber auch alle Schranken. Es herrscht das pure Spielzeug-Chaos und eine Lautstärke, deren Dezibel es locker mit einem Düsenjet aufnehmen könnte. Die Mütter hängen highwaist-behost in den Spielecken ab, während ihr kleiner Karl-Johann sich mal wieder spürt und den Kandiszucker sortiert, um ihn danach wieder in die Schale zurückzulegen – das bisschen Schnodder wird bestimmt auch dem Gast danach schmecken. Kinder von Hipster-Eltern müssen sich übrigens ganz schön oft spüren.

Hipster-Eltern beim Kinderturnen und auf Spielplätzen

Wie manche Mütter es schaffen, zum Kinderturnen am Nachmittag optisch direkt aus irgendeinem skandinavischen Lifestyle-Magazin zu kommen, ist mir ein totales Rätsel. Nach dem Morgen zu Hause, dem Weg zur Arbeit mit dem Rad, stundenlangem Bürozirkus, dem Rückweg zur Kita, direkt zum Turnen, dann die Winterklamotten (!) ausziehen, sie irgendwohin stapeln – ich bin dann echt abgewrackt und sehe auch so aus. Beim Turnen wird dann aber das Können der Kleinen und die Hochbegabung in all ihren Facetten präsentiert: Es wird gestaunt, wie Kalle jetzt schon mit dem Ball umgeht. Die kleine Lea hingegen ist eine so besonders aufmerksame Beobachterin. Bemerkenswert. Selbst erlebt: Nach dem gemeinsamen Aufräumen, war im seit gefühlten 50 Jahren traditionellen Abschlusskreis nicht mehr genug Platz für alle Kinder, um auf dem Rand einer Matte zu sitzen. Eine Mutter hat das echt auf die Zinne gebracht. Die Leiterin kam jedoch ihrer Forderung nicht nach, die Matten wieder auszuräumen. Hipster-Mom rief also durch die Halle „Ja mein Mäuschen, das tut mir leid, die Frau versteht das nicht.“ Hört, hört. Wie das wohl die kleine Mara Sophie so findet? Sie spürt erstmal, dann schreit sie. Hauptsache die Coolness mit knöchelfreier Hose (im Winter!) und Beanie auf dem scheinbar etwas schlecht gelüfteten Kopf (es ist schließlich Winter!) leidet nicht.

Das wichtigste Equipment für Hipster-Eltern: Lastenrad & Mohair-Jäckchen

Liebe zukünftige hippe Großstadteltern, ihr werdet auf keinen Fall um das Lastenrad herumkommen. Also recherchiert schon mal nach dem Must-have-Accessoire für die sonnigen Zeiten. Das Lastenfahrrad ist der Inbegriff der Hipster-Eltern und ist unbedingt mit Sieger- oder Kriegermiene zu fahren. Wenn einem vielleicht nicht die Welt gehört, dann doch wenigstens die Fahrrad- und Gehwege dieser Stadt! Alles andere ist auch einfach zu spießig. Vielleicht kann man sich noch retten, wenn man den stinknormalen Buggy zumindest in den Kofferraum eines Bullis packt, auf dessen Dach noch ein Surfboard liegt und schon die Neos der kleinsten im Wageninneren trocknen. Andernfalls ist man echt verloren. Was man für Kinderwagen, Jäckchen und Kinderzimmer ausgeben kann, ist schon wirklich absurd. Aber der Hipster der Großstadt würde unter Garantie nicht den Großeinkauf fürs Kind im „babymarkt“ oder bei „Jako-o“ machen – nein, „Sprössling Design“, „Kind der Stadt“ und „Kleine Welt“ heißen die hippen Shopping-Tempel. Denn nirgends bekommt man süßere Mohair-Jäckchen oder Kaschmir-Jogginghosen für die Kleinsten schon für 58 Eurönchen. Schnapper. Das sollte es einem schon wert sein, denn immerhin werden sie fast drei Monate getragen.


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