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Höhenangst Experiment in der Höhe

Höhenangst: Schuhe auf Asphalt
© Pixel-Shot / Shutterstock
Unsere Autorin hat Panik vor Höhepunkten. Nicht so, wie du jetzt denkst. Ihr Problem beginnt ab etwa drei Metern über dem Boden. Also geht sie jetzt mal gezielt in die Luft.

VERSUCHSOBJEKT

Autorin Antje Kunstmann, eine total bodenständige Person

TESTUMGEBUNG

Ein Klettergarten, ein Kirchturm und ein Parkdeck

MISSION

Aufsteigen ohne abzuschmieren

Der Weg aus der Angst führt bekanntlich durch die Angst. Klingt in der Theorie super, in meinem Fall so: hoch hinauf. Eigentlich begleitet durch Therapeutin oder Therapeut, ich nehme zwei meiner vier Kinder mit. Ziel ist das höchste Gebäude der Welt. Zumindest war das St. Nikolai in Hamburg für ein paar Jahre, als die Kirche 1874 eröffnet wurde. Ist natürlich schon eine Weile her, aber mir reichen die 76 Meter der Aussichtsplattform auf halber Höhe völlig. Zumal man mit einem gläsernen Aufzug raufkommt. "Und was soll das bringen", fragt eins der Kinder. "Du fährst rauf und hast Angst, und du fährst runter und wirst immer noch Angst haben."

Körper im Alarmzustand

Nicht wenn ich mich zusammenreiße, denke ich. Doch dann hebt der Lift ab, und etwas schlägt mir in die Magengrube. Gleichzeitig geben meine Kniegelenke den Geist auf. Hätte ich mich nicht im selben Augenblick ans Geländer der Kabine geklammert, wären meine Beine vermutlich in sich zusammengesackt. Mir ist speiübel, mein Herz rast. Als wir oben aus dem Fahrstuhl treten, schnappe ich nach Luft. Doch etwas schnürt mir die Kehle zu.

Ich sehe in die Ferne auf die Kräne des Hafens. Die Angst wird nicht weniger, der Schwindel bleibt. Du bist hier oben sicher, da sind Gitterstäbe, durch die passt gerade mal dein Bein, sage ich mir. Mein Körper macht trotzdem, was er will – also weiterhin Alarm. Mit winzigen Schritten trippele ich zurück zum Fahrstuhl. Auf dem Weg nach unten bricht mir erneut der Schweiß aus. Zurück am Boden rollen die Kinder genervt die Augen, und ich fühle mich elend. Die Angst ist zwar weg, aber nicht das Gefühl, versagt zu haben.

Als Kind bin ich gern auf Bäume geklettert. Wir hatten eine Weide im Garten; bei meiner besten Freundin Dorothee gab es einen Walnussbaum. Beide reichten für uns bis in den Himmel. Da wollten wir hin. Ganze Nachmittage verbrachten wir in den Wipfeln. Dabei schaffte es Dorothee immer noch einen Ast weiter hinauf – hat vielleicht damals schon alles begonnen?

"Höhenangst ist nichts, wofür man sich schämen müsste"

Trotzdem war mein Leben seitdem nicht arm an Höhepunkten. Ich war auf Fernseh- und Kirchtürmen, ich war in den Bergen – auf Wegen, neben denen es auch mal Hunderte Meter abwärts ging. Die Angst kam dann schleichend, mit Ende 20. Ich erinnere mich an eine Fahrt im Riesenrad. Natürlich hielten wir unsere Kinder, damals zwei und eins, fest, aber plötzlich war das Bild da, die kleinen Körper könnten mir aus den Händen und über das Geländer gleiten. Bei jeder Runde, wenn ich zwischen den Ritzen des Gondelbodens auf den Asphalt sah, wurde mir übel. Ich erinnere mich an einen Aufstieg auf einen mittelalterlichen Turm. Die Treppe schraubte sich an der Innenwand des Gemäuers hinauf, und mir wurden die Knie weich. Zitternd stieg ich wieder runter. Ich erinnere mich an einen Abend in Paris, und dass ich es nur vom Eiffelturm schaffte, weil ich mich zwang, auf meine Fußspitzen zu sehen und niemals hinab.

Irgendwann blieb ich dann lieber unten. Zumindest soweit es mir möglich ist. Ich will kein Spielverderber sein. Wenn alle in der Familie auf die Aussichtsplattform oder in die Seilbahn wollen, komme ich ab und zu auch mit. Ich stehe dann halt verkrampft möglichst weit weg vom Abgrund, halte die Luft an und atme gefühlt erst wieder, wenn ich mit beiden Beinen auf ebenerdigem, festem Grund stehe. Die Familie findet das lustig. Mein Freund war mal Schornsteinfeger, hat also kein Problem, wenn’s raufgeht, und die Kinder können vom Höhenkitzel scheinbar eh nie genug kriegen.

Trotzdem finde ich: Höhenangst ist nichts, wofür man sich schämen müsste. Schon Babys zeigen diese Urangst, wenn man sie über eine Glasfläche krabbeln lässt. Eins unserer Kinder hat eine Knopfphobie – dafür gibt es deutlich weniger Verständnis. Trotzdem nervt mich mein Problem manchmal. Und mit der Zeit immer mehr. Angst, die man sich selbst überlässt, wird nämlich dummerweise mehr. Mittlerweile zieht es bereits unangenehm in meinen Füßen, wenn ich das Höhen-Shooting von "Germany’s next Topmodel" schaue. Und das Nervenbündel, das ich bei meinen seltenen Höhenflügen bin, passt auch irgendwie nicht zu dem Bild einer souveränen Frau, das ich ansonsten von mir habe.

Die Angst überwinden

Vielleicht fange ich doch lieber ganz von unten an. Einen Tag nach dem Kirchen-Desaster sitze ich auf der zweiten Ebene, die eins der Kinderzimmer hat, in etwa drei Metern Höhe. Das ist selbst meiner Angst zu wenig, aber hoch genug, dass ich mich unwohl fühle. Ich recherchiere auf dem Handy: Man unterscheidet Höhenschwindel und Höhenangst, lese ich. Ersteres ist eine normale körperliche Reaktion, wenn die Augen zu weit vom nächsten festen Objekt entfernt sind. Um dieses zu fixieren, beginnt nämlich der Kopf und daraufhin auch der Körper, unmerklich zu schwanken. Da die Füße aber gleichzeitig ans Gehirn melden, dass sie fest stehen, wird einem schwindelig. Und das kann mächtig Angst machen. Mir wird klar: Höhenschwindel habe ich auf jeden Fall. Auch die Angst, zu fallen oder womöglich die Kontrolle zu verlieren und zu springen, die zur echten Höhenangst gehört, kenne ich. Beim Blick in die Tiefe schaudert es mir auch wegen ihrer Sogwirkung. Das Schlimmere aber ist das Schwindelgefühl. Selbst Profis wie Bergsteiger und Kletterer kennen es und müssen es sich zu Beginn einer Saison oft wieder abtrainieren, lese ich und fühle mich ein bisschen besser.

Am nächsten Tag stehe ich auf dem Deck eines Parkhauses, etwa 20 Meter über dem Boden, und teste Tipps gegen Höhenschwindel. Blick in die Ferne – gut. Blick nach unten – schlecht. Breitbeinig hinstellen – besser. Hand ans Geländer – besser. Das Nebengebäude mit ins Blickfeld nehmen, damit die Augen etwas zur Orientierung haben – besser. Tief in den Bauch aus- und einatmen statt flacher Schreckatmung – besser. Da geht offensichtlich was! Mein Körper folgt mir und ist nicht nur Spielball der Angst.

Nächste Aufgabe: Klettergarten. Da war ich schon zweimal, allerdings, klar: am Boden. Eine muss schließlich die Fotos der kletternden Familie machen. Natürlich stecke ich dort in einem Gurt, der mit einer Öse auf ein Stahlseil gefädelt ist, aber objektive Sicherheit hat meine Angst bisher auch nie gekümmert. Entsprechend nervös bin ich. Trotzdem sitze ich kurz danach acht Meter über dem Boden in einem Baum. Wie ich das gemacht habe? Nicht nachdenken, einfach klettern. Die tunnelartige Strickleiter erfordert eh meine ganze Konzentration und Kraft. Oben auf der kleinen Plattform mache ich mich gefasst auf Schwindel und Angst, aber spüre nur ein leichtes Bauchkribbeln. Ich lehne mich an den Stamm des Baumes, fühle, wie stabil er ist, und sehe mich um. Klar bin ich angespannt, aber ist das schlimm? Ich atme tief aus und fokussiere mich auf das feste Holz zu meinen Füßen und die Rinde unter meiner Handfläche. Ein Windstoß kommt, der Baum schwankt, mir wird kurz flau, aber ich atme weiter. 20 Minuten bin ich am Ende oben. Den Parcours in dieser Höhe traue ich mir zwar nicht zu, aber ich hätte noch länger bleiben können. Zurück am Boden bin ich ein bisschen stolz auf mich, und nachdem ich einen niedrigeren Parcours gemeistert und mich nicht ungeschickter und zögerlicher angestellt habe als andere Kletterer, sogar euphorisch. Das bringt richtig Spaß!

Größer sein als die Angst

So ganz traue ich meiner neuen Höhentauglichkeit trotzdem noch nicht. Vielleicht hatte ich beim Klettern ja einfach nur einen guten Tag. Eine Woche nach meinem ersten kläglichen Besuch stehe ich also wieder vor St. Nikolai. Im Fahrstuhl greife ich bereits beim Einsteigen rechts nach dem Geländer, links nach der Hand des Kindes. "Nicht so fest", sagt es, und dann ein bisschen sanfter: "Du schaffst das, Mama." Und tatsächlich: Wir schweben nach oben, und Magen, Knie und Herz machen einfach weiter wie am Boden. Auch als wir oben aus der Kabine treten, rührt sich die Angst nicht. Wir suchen Dachterrassen auf den Häusern unter uns und überlegen, auf welcher wir gern frühstücken würden. "Was spürst du, Mama?", fragt das Kind. "Nichts", sage ich – und muss lachen. Als wir nach unten fahren, fassen wir uns wieder an den Händen. Sicher ist sicher. Aber die letzten Meter, bevor der Fahrstuhl wieder auf dem Boden aufsetzt, tanzen wir sogar ein bisschen. Für alle Zeiten geheilt bin ich vermutlich nicht. Aber zumindest weiß ich jetzt, dass ich größer bin als meine Angst.

von Antje Kunstmann

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