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Taubheitsgefühl Wie bitte? Hörgerät mit 50

Hörgerät mit 50: Lachende Frau mit Hörgerät im Ohr
© adriaticfoto / Shutterstock
Unsere Autorin war erst Anfang 40, als sie so ein taubes Gefühl überkam. Schnell wurde ihr klar: Wenn sie jung bleiben will, muss sie ein Hörgerät tragen.
von Bettina Klee

Wer mich gut kennt, weiß: Lächle ich ungewohnt brav, mit lieblich nach oben zeigenden Mundwinkeln, dann habe ich keine Ahnung, worum es geht. Das kommt häufiger vor. Etwa, wenn jemand im Vorbeigehen eine spaßige Bemerkung macht. Dass sie spaßig gemeint ist, erkenne ich an der Tonlage. Doch die Worte? Keine Ahnung. Oder nur eine ungefähre. Aber um herzhaft zu lachen oder geistreich zu antworten, dafür reicht’s nicht.

Nur Großmütter dürfen schlecht hören

Noch schlimmer: die Redaktionskonferenz. Chefin (links von mir) macht Witz, Grafiker (rechts von mir) kontert, alle lachen – und meine Ohren jagen den Schallwellen kreuz und quer durch den Raum hinterher, um die Pointe einzuholen. Meist vergeblich.

Natürlich könnte ich "Wie bitte?" fragen. Auch ein zweites Mal. Aber dreimal? Dann schalten die Leute zuverlässig in den Oma-hört-schlecht-Modus, antworten langsam und überdeutlich. Der mitleidige Subtext "Du bist echt schwer von Begriff!" ist selbst für mich hörbar.

Großmütter dürfen schlecht hören, man liebt sie sogar dafür. Aber Anfang 40-Jährige? Da fing es bei mir an, nach einem Hörsturz. Als redeten die Menschen plötzlich in einer Fremdsprache, von der ich nur Wortfetzen verstand. "Gestern hat der Typ doch murmel, murmel, und dann allen Ernstes murmel, murmel, mit dem Saxofon murmel, murmel …" Aber ein Hörgerät? "Brauchen Sie nicht. Sie haben das Partysyndrom", sagte mein HNO-Arzt. Klingt sexy, meint aber schnöde, dass bei Nebengeräuschen bei mir kaum etwas ankommt. Also keine Mädelsabende in lauten Bars. Kein Radio beim Familienfrühstück. Mit 160 über die Autobahn und sich unterhalten? Nicht, wenn die Fahrt emotional unfallfrei verlaufen soll. Denn: Nichts verstehen macht aggressiv. Und jemand, der immer wieder nachfragt, ebenfalls. Ich bemerkte das Augenrollen meiner Kinder, auch wenn sie sich artig bemühten, es vor mir zu verbergen.

Oma-Accessoire Hörgerät fällig!

Meine Strategie damals: Ich schaltete zwischendrin ab, um Kraft zu sparen. Macht ja nichts, wenn ich in der Kantine beim Small Talk über das perfekte Spargelrisotto nicht jedes Wort mitbekomme – Hauptsache, ich bin ganz Ohr, sobald mit gesenkter Stimme der Tratsch auf den Tisch kommt. Bei bekanntem Kontext reimte ich mir die Hörlücken zurecht. Aber streute jemand out of the blue englische Wörter in deutsche Sätze, war ich lost – bis mein Hirn das Ohr auf Englisch umschaltete.

Ich war sicher, dass ich mein Handicap geschickt verberge. Bis mir mein Mann ein Buch für Schwerhörige schenkte. Das war kühn von ihm, denn damals war er noch nicht mein Mann, wollte es aber dringend werden. Er musste also ernsthaft alarmiert sein. Wenig später empörte sich auf einer Party eine Bekannte: "Was ist eigentlich los mit dir? Ich habe dich jetzt schon dreimal angesprochen, und du reagierst nicht mal." Ich verstand.

Also ein Hörgerät. Heikler Zeitpunkt, denn die 50 war in Sichtweite, da sind Oma-Accessoires ein ganz schlechtes Stichwort. Aber für mich die einzige Chance, um jung zu bleiben. "Cool", befanden meine erleichterten Kinder, denn ich trage jetzt Bluetooth-Geräte in dynamischem Anthrazit, die ich über eine App auf meinem Handy steuere.

Zurück im Leben

Manch neues Klangerlebnis bräuchte ich allerdings nicht unbedingt, etwa das saftige Schmatzen von Flipflops auf Parkett. Oder Rückenwind, der mit voller Wucht auf die hinter den Ohren liegenden Mikrofone des Hörgeräts fegt. Aber was für ein erhebendes Gefühl, nicht mehr ständig "Wie war das?" fragen zu müssen, beim Pointen-Pingpong in der Konferenz einen Schmetterball zu schlagen und endlich wieder richtig präsent zu sein. Beseelt von dieser Ich-bin-zurück-im-Leben-Stimmung stolzierte ich schließlich ins Kino. Erwartungsfroh, weil ich nun wieder jedes Filmflüstern verstehen würde, warf ich eine Hand voll Nüsschen in den Mund. Anfängerfehler! Das Kaugeräusch machte einen ohrenbetäubenden Lärm.

Spielverderber Corona hat die Lage für mich verkompliziert. Mit Headset im Homeoffice brauche ich die Hörgeräte nicht, bei vertraulichen Live-Gesprächen mit zwei Metern Abstand umso mehr. Brille plus Hörgeräte plus Maske sind ziemlich viel Ballast an den Ohren. Andererseits: Durch die Nuschelmasken sind doch jetzt fast alle schwerhörig.

BETTINA KLEE lässt bei öden Veranstaltungen manchmal Musik auf ihren Hörgeräten laufen. Merkt ja keiner.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Barbara Heft Nr. 06/2021.

Barbara

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