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Muskelkater all day, every day Home-Workouts machen keinen Spaß

Home-Workouts machen keinen Spaß: Frau macht Aerobic vor dem Fernseher
© Hispanolistic / Getty Images
Unsere Autorin hat sich mitreißen lassen. Von motivierenden Instagram-Posts, Fitness-Bloggerinnen und schlanken Models: Sie hat angefangen, Home-Workouts zu machen. "Eine knackige halbe Stunde", haben sie gesagt. "Du wirst deinen Körper lieben", haben sie gesagt. Ein Erklärungsversuch. 

Ich habe einen Bürojob. So, jetzt ist es raus. Und seitdem wir unseren Alltag im weißnichtwievielten Lockdown bestreiten, beschränkt sich mein Bewegungsradius auf ein Mal einkaufen in der Woche – mehr Aktivität war lange nicht drin. Ehrlich: Eine Kollegin erzählte in einem Meeting, sie würde täglich 10.000 Schritte laufen. Wieviel wir denn so schaffen, an einem normalen Tag? Da war ich aber ganz schnell stumm. Mein Handy hat mir genau 35 Schritte angezeigt. Nicht mehr, aber (immerhin) auch nicht weniger. 

Das volle Programm

Das viele Sitzen hat sich durch einen zwickenden Rücken und ständige Nackenschmerzen mehr als bemerkbar gemacht. Die zusätzlichen Kilos, die ich über die Monate hinweg angesammelt habe, mal außen vor gelassen. Irgendwann musste ich mir eingestehen: So geht das nicht weiter. Und habe von einem Tag auf den anderen angefangen, Sport zu machen. Mit allem Drum und Dran: Warm-Up, Cool-Down, Full Body, No Jumping, Apartment Friendly, HIIT, Strong Core, die alte Leier. Sogar eine App, mit der ich meine neu auferlegte Bewegungs-Pflicht täglich tracken kann, hab' ich mir installiert. 

An der Motivation scheitert es nicht

Seit 48 Tagen bewege ich mich also täglich mindestens 30 Minuten intensiv. Und was soll ich sagen? Es ist einfach nicht meine Welt. So überhaupt nicht. Es heißt, man soll knapp drei Monate durchhalten, bis sich eine neue Gewohnheit so im Alltag integriert hat, dass sie eben dazugehört – wie Zähneputzen, Socken wechseln oder duschen (hoffentlich). Davon bin ich auch nicht weit entfernt – und in erster Linie ist es auch nicht die Motivation, die mich fast scheitern lässt, oh nein. Nach 48 mehr oder minder qualvollen Tagen bin ich der festen Überzeugung, dass weder mein Geist, noch mein Körper dafür gemacht sind, von den Pamela Reifs dieser Welt zur Schnecke gemacht zu werden.

45 unfassbar lange Sekunden

Mir tut alles weh. Es macht keinen Spaß. Es ist anstrengend und dauert zu lang. Ich fühle mich verarscht, weil mir eine geschminkte und gestylte Frau ein beinhartes Workout vorturnt und danach immer noch aussieht wie aus dem Ei gepellt. Während ich nach der Hälfte schwitzend auf der Matte liege, mit hochrotem Kopf und zitternden Armen. Ich habe gelernt, wie lang 45 Sekunden sein können. Unfassbar. Lang. 

Neue Lebensenergie? Pustekuchen

Und die angepriesene neue Lebensenergie lässt ebenfalls auf sich warten. Dafür plane ich meine Tage jetzt immer um die eine halbe Stunde herum, in der ich mich komplett auspowern soll: Abends habe ich nach einem anstrengenden Tag wenig Lust darauf, morgens wird mir schlecht, weil ich noch nicht genug gegessen habe und mittags möchte ich eigentlich wenigstens in der Pause meine Ruhe haben. Ich beneide meine Mitmenschen, die sich morgens eine Stunde früher aus dem Bett quälen, um joggen zu gehen. Und die, die nach Feierabend und Alltagserledigungen noch immer die Muße finden, sich in zwickende Sportklamotten zu zwängen. 

Es reicht

Ich habe keine Lust mehr. Meine Muskeln haben keine Lust mehr. Wir können einfach nicht mehr. Eigentlich ziehe ich die Workouts nur noch durch, weil ich mir einrede, es wäre gut für meinen Körper. Bin mir da aber nicht mehr so sicher. Gestern konnte ich Pamelas Winken in die Kamera dann nicht mehr ertragen. Habe den Laptop zugeklappt, mir bequeme Sachen angezogen und bin spazieren gegangen. Schluss mit dem Rumgeheule und Selbstmitleid – vielleicht wird das mein neues Workout. Ganz gemächlich Spazieren gehen. Herrlich. 


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