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Hormone und Waxing Sind wir Frauen nicht das starke Geschlecht?

Hormone und Waxing: Sind wir Frauen nicht das starke Geschlecht?
© Getty Images
Es gibt ihn noch, den Mythos vom Mann als dem starken Geschlecht. Unsere Autorin wollte das nicht so einfach auf sich sitzen lassen und hat sich auf die Suche nach der sagenumwobenen Wahrheit begeben. Eine Geschichte von unbequemer Unterwäsche, Friseurbesuchen und Toiletten-Diskriminierung. 

1. "Und jetzt einfach entspannen, bitte."

Gesundheit und Vorsorge sind wichtig, das streite ich nicht ab. Und trotzdem, jährlich grüßt das mulmige Gefühl, wenn es dann wieder soweit ist: Tag X. Jahresuntersuchung. Denn wer möchte nicht sofort die Flucht ergreifen, wenn man sich endlich aus seinen Klamotten gepult hat, mit gespreizten Beinen und fremden Fingern im Genitalbereich wehrlos auf DEM Stuhl sitzt? Zeigt ihn mir bitte, den Mann, der bei diesem Gesprächsthema nicht unauffällig in die Ecke schaut, sich nach und nach entfernt oder Sätze à la "Muss das jetzt sein?" vom Stapel lässt (Frauenärzte zählen nicht). Ha! Da kommen alle Adams dieser Welt nämlich in Erklärungsnot. Ist doch Frauensache, du machst das schon, gewöhn' dich doch mal dran... Wenn ich solche Sätze höre, krieg ich die Kriese. Warum nicht einfach mal mehr Akzeptanz und Toleranz, auch für unbequeme Themen? Apropos unbequem:

2. "Zwickt's?"

Wenn wir schon mal in der unteren Körperregion sind, kommen wir auch an diesem Thema nicht vorbei: Welcher Schlingel hat sich eigentlich die Unterwäsche-Mode für Frauen ausgedacht? Slips, die aus maximal einem Fetzen Stoff bestehen, mögen ja sexy aussehen, mhm. Aber das ganze Zwicken, Kneifen und Zurechtrücken sind sie mir dann doch nicht wert. Wo doch Männer auch bequeme Boxershorts tragen dürfen, ohne dass wir ihnen einen Kommentar an den Kopf knallen. Wenn wir also von unserem Liebsten das nächste Mal einen schrägen Blick bekommen, wenn wir in unsere (unglaublich bequemen!) Oma-Schlüpper schlüpfen, gucken wir einfach blöd zurück. Denn mal ganz ehrlich: Wer braucht schon die neuesten "Victoria's Secret"-Dessous, um sich sexy zu fühlen? Ich jedenfalls nicht. 

3. "Oh Shit", "Och nö" oder "Na endlich..."

Altbekannte Leier, allerdings kommt man um dieses Thema so wenig herum wie eine Frau am Tampons-kaufen: die Periode. Wir freuen uns, wenn wir sie das allererste Mal haben, verfluchen sie aber, wenn sie zu einem unpassenden Zeitpunkt kommt. Kriegen Angstzustände, wenn sie gar nicht kommt – oder springen vor Freude, weil der langersehnte Kinderwunsch mit Ausbleiben der Tage fast garantiert erfüllt ist. Wir verstecken auf dem Weg zur Toilette im Büro die Tampons in der Faust und quälen uns mit mehr oder weniger starken Unterleibs-, Kopf- oder Gliederschmerzen durch den Alltag. Es ist ein ewiges Auf und Ab, dieses Wunderwerk menschlicher Natur. Von den Hormonen mal ganz zu schweigen. Und trotzdem zitiere ich an dieser Stelle gern Bob den Baumeister: "Jo, wir schaffen das!" 

4. "Drei, zwei, eins..."

Meiner Meinung nach sollte unsere Gesellschaft viel weiter sein. Frauen sollten keine schrägen Blicke mehr bekommen, wenn sie unter den Achseln oder an den Beinen nicht so glatt sind wie ein Nacktmull, denn verdammt noch eins, das ist Arbeit! Wenn man rasiert, winken nach zwei bis vier Tagen der nächsten Stoppeln. Ist man ein Fan vom Waxing oder Epilieren, hat man scheinbar gar kein Schmerzempfinden. Das ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera, und irgendwie fängt man nur damit an, weil es alle eben machen. Die richtige Botschaft für unsere Töchter, kleinen Schwestern und Nichten ist doch aber, dass man mit sich selbst zufrieden sein sollte – ob mit rasierten Beinen oder nicht. 

5. "Das macht dann 85€ bitte."

Habe letztens einen neuen Friseur ausprobiert. Allerdings ohne vorher einen Blick auf die Preisliste geworfen zu haben. Musste ordentlich schlucken. Der Preis für einen Frauenhaarschnitt für mittellange Haare (also alles, was über die Ohren geht) geht durchschnittlich ab 50€ los. Trocken. Ohne Stylingprodukte und Schischi. Männer sind da oft mit 20€ aus dem Schneider. Klar haben die meisten Frauen eine Mähne, die mehr Aufwand bedeutet, aber warum gestalten Friseure ihre Preise nicht auch dementsprechend, sondern nehmen grundlegend eine Trennung zwischen Männern und Frauen vor? Da stehen einer ja die Haare zu Berge! 

6. "Du siehst heute aber müde aus!"

Mit diesen warmen Worten begrüßte mich einst ein Kollege, als ich es wagte, ungeschminkt vor die Haustür zu gehen. Für mich normalerweise kein Problem, zudem ich mich mit zu viel Make-Up auch einfach nicht wohl fühle. Als ich meinem nichtsahnenden Kollegen berichtete, dass ich morgens wenig Motivation für Mascara, Contouring und Abpudern gehabt und es einfach gelassen habe, murmelte er nur "achso, naja, deswegen also". Ja, deswegen. Mädels, nobody's perfect! Wir Frauen müssen nicht jeden Tag aussehen wie aus dem Ei gepellt, frisch und munter, als hätten wir nicht alle mal Stress oder schlecht geschlafen. Und wir müssen uns schon gar nicht irgendwelche Sprüche anhören, ob nun von Kollegen, einer Freundin oder sonstwem. Da stehen wir drüber. 

7. "Ich glaub', das dauert hier noch ein bisschen..."

Teil 257 der unumstößlichen Wahrheiten: Die Schlangen an Frauenklos sind immer – und ich meine immer – länger als bei unserem Gegenpart. Egal, ob auf dem Konzert, im Restaurant, auf dem Weihnachtsmarkt oder im Zug, es ist immer jemand vor einem. Brauchen wir länger, bis wir fertig sind? Gibt es bei den Männern mehr Urinale als Toiletten bei den Frauen? Waschen sich Männer nicht die Hände und sind deswegen schneller? Wer weiß das schon... Meine Strategie, wenn das Schlange-stehen mal wieder länger dauert (und ich wirklich nicht mehr warten kann): einfach aufs Männerklo. Meistens ist man sowieso nicht die Erste, die auf die Idee gekommen ist, und auch sonst ist da nicht viel anders. Kleiner Tipp von mir: Einmal reinrufen und vorwarnen, bevor man die heiligen Hallen der Männer-Toiletten betritt – so geht man ungewollten Überraschungen ganz einfach aus dem Weg. 

Wer ist es denn jetzt?

Wer denn jetzt das starke Geschlecht sei? Es wäre einfach, zu sagen, dass wir Frauen nachweislich mehr leisten als unsere lieben Männer. Denn oft bringen wir Kinder, Job, Freundinnen und irgendwo auch das ein oder andere Buch in unserem Alltag unter. Klar ist das nicht einfach, und natürlich verdienen wir dafür Anerkennung, und davon nicht zu wenig! Aber ist die Frage wirklich mit so simplen Bildern von Stereotypen der Geschlechter zu klären? Das ist sie nicht. Auch Männer stecken ein, wenn ihnen der Hormonhaushalt der Partnerin einen Strich durch den Männerabend macht. Oder wenn sie Überstunden machen, damit man sich im nächsten Urlaub mal wieder so richtig was gönnen kann. Zwischen Gendersternchen und Frauenquoten nicht den Überblick zu verlieren, das fällt uns allen schwer. Egal, ob beim Frauenarzt oder im Job, wir alle leisten Tag für Tag Großartiges. Lassen wir das Diskriminieren und ewige Hinterfragen sein und widmen uns den wirklich schönen Dingen im Leben. 
Jetzt.


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