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Ich hasse Flohmarktgedränge!

Flohmarktgedränge
© Getty Images
Auf dem Flohmarkt in der Masse festzustecken, findet unsere Kolumnist furchtbar. Andererseits verschafft ihm das Raum, über total verrückte Ekeltoleranzen nachzudenken. 
von Björn Krause

Es geht nicht um Chemie in Beziehungen, es geht um Physik, das dritte Newtonsche Gesetz nämlich: Kraft und Gegenkraft. Bewegung und Widerstand. Du auf Schnäppchenjagd, ich auf der Flucht. Flohmarkt. Das ist, wenn der Wecker an einem Sonntag klingelt, bevor Würmer Angst vor Vögeln haben. Vor dem Morgengrauen, Betonung auf Grauen. Dabei ist es ganz egal, wie früh du da bist, in den Hallen, auf den Plätzen, die nach modrigen Kellern und feuchten Dachböden riechen: Die Motten und der Rost waren schneller.

Überall Menschen mit Tapeziertischen, zugekleistert mit Gerümpel, das dreckig ist, alt, kaputt. Oder alles zusammen. In jedem Fall gebraucht, benutzt, aus zweiter, dritter, vierter Hand. Finde ich eklig. Ich, der sonst in Hygienefragen flexibel ist wie das Gummiband meiner Unterhose, die ich in Notsituationen zwei Tage hintereinander trage.

Traumfänger, Setzkästen und vieles mehr 

Aber: die eigene! Bekomme es nicht zusammen, wie Frauen, die sich zu Hause über Wollmäuse aufregen und vor Geschirr mit getrockneter Leberwurst ekeln, wie dieselben Frauen auf Flohmärkten in Lederjacken schlüpfen, in denen Fremde geschwitzt haben. Gott weiß, wobei. Flohmarktfrauen kratzt das nicht. Mich juckt es.

Jetzt erst mal Stop-and-No-Go bei oxidiertem Besteck und einem 24-teiligen Kaffeeservice um 50 Prozent reduziert, heißt: Die Hälfte fehlt. Daneben Kuscheltiere und Setzkästen mit Ü-Eier-Figuren, gegenüber gefranste Ledertaschen, gebatikte Schals, gefederte Traumfänger. Ein Albtraum! Wo ist der Männerkram? Aktenkoffer, Uhren, Lautsprecher? Platten aus Vinyl, Werkzeuge aus Metall, Carrerabahnen aus der Kindheit? Auto- und Motorradteile, schweres Gartengerät? Hätte ich Lust drauf. Ein paar Minuten, nicht den kompletten Tag.

Schweigen lohnt sich

Nun wird gekauft. Werde Zeuge einer Verhandlung. Sie: "Was soll das denn kosten?" – Er: "13 Euro." – "Ähm, also wären zehn Euro vielleicht auch okay?" – Stille. – "Oder elf?" – Stille. – "Na gut, ich nehme es für 13." – Stille. – "Hier sind 15, behalten Sie den Rest." Soll mal einer sagen, schweigen brächte nichts. Es lohnt sich. Weil eine Frau allein beim Zuhören auf dumme Ideen kommt. Zum Beispiel bei meinem Argument, dass sie nichts bräuchte, weil unsere Dunkelkammern voll mit Gerümpel sind. Solche Sätze öffnen die Grabbelkiste der Pandora. Denn schlimmer, als auf einen Flohmarkt zu gehen, ist nur eines: selbst einen zu machen.

BJÖRN KRAUSE bekommt auf Flohmärkten meist nur eine Krawatte – passend zu seinem dicken Hals.


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