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Ich krieg die Krise: Der Mid-Life-Crisis-Wahnsinn

Ich krieg die Krise: Der Mid-Life-Crisis-Wahnsinn
© Getty Images
Mid-Life-Crisis: Das ist doch auch nur so ein Modewort, denkt man so - bis um einen herum auf einmal alle Leute jenseits der 35 durchdrehen. Ein paar Beispiele.
von Barbara Redaktion

Neulich kam ein Freund von mir vorbei. Voller Testosteron und mit vor Stolz geschwellter Brust. So ein bisschen wie damals mit 14 – wir kennen uns schon lang – nur war er vor ein paar Monaten 39 geworden. Ich so: Und? Was gibt’s Neues? Da krempelt er sein Hosenbein hoch und zeigt mir auf seiner Wade sein neues FC Barcelona Tattoo. Er so: UND??? Wie findest du’s? Und ich so: sprachlos.

Nadine, 39

Es gibt so Tage... Als mein Vater seinen Bruder anrief, war die Verbindung schlecht. „Bin in Peru“, sagte er. Die Eltern seiner Friseurin hätten ein Abwasserproblem gehabt. Da habe er sich einfach mal berufen gefühlt, nach Peru zu fliegen. Ist ja logisch. Kennt man ja. Immer mal wieder kurz die Welt retten. Mein Onkel ist kein Abwasserspezialist, aber mit YouTube-Tutorial ging es. Aus Peru brachte Onkel Garry dann eine flotte Peruanerin mit. 20 Jahre jünger als er. Heiratswillig. Als wir meinem Onkel sagten, dass da was faul sei, ließ er sich kurzerhand liften. Probleme gelöst. Die Hochzeitsglocken läuteten. Für einen ging diese Vermählung gut aus: Die Peruanerin wohnt jetzt in Spanien mit EU-Aufenthaltsgenehmigung. Mit einem hübschen Startkapital von Onkel Garry.

Sandra, 31

Mein Onkel Manfred schmiss mit 43 Jahren seinen Job und fing an zu bloggen. Kein Scherz. Grillen fand er schon immer faszinierend, warum also nicht darüber schreiben und damit sein Geld verdienen? Abends tüftelt er jetzt in der Garage an seinem neuen Supergrill – „e-Commerce ist jetzt hipp“, sagt er dann. Bislang hält sich sein Gewinn in Grenzen und die Begeisterung seiner Frau auch. Manchmal stöbert sie durch die Stellenanzeigen ihrer Tageszeitung, nicht in Online-Portalen. Aus Protest.

Tina, 26

Mit Anfang 40 hat meine Nachbarin auf einmal festgestellt, dass sie nicht die erfolgreiche Tänzerin geworden ist, die sie immer sein wollte. Als Resultat versucht sie nun junge Mädchen zum Erfolg zu trainieren. Darunter ist rein zufällig auch ihre Tochter. Wenn Erwachsene damit beginnen, jüngeren Generationen ihre Träume aufzuzwingen, ist eigentlich klar, dass irgendetwas dabei schiefläuft.

Miriam, 33

Den Tag, an dem mein Vater in eine Midlife-Crisis rutschte, erinnere ich noch genau: Er fuhr mit einem quietschgelben Kajak auf dem Autodach um die Ecke und rief: „Guck mal, ich hab was Verrücktes gemacht.“ Von Natur aus war mein Vater ein Im-Garten-Lieger. Sein wöchentliches Action-Highlight war der sonntägliche Ritt auf dem Aufsitzrasenmäher. Den tauschte er nun gegen Wildwasserrafting ein und versuchte, auch alle anderen davon zu begeistern. Genau ein einziges Mal tat ich ihm den Gefallen und schaute vom Uferrand aus zu. Nach der dritten, fast missglückten Eskimorolle war Schluss. Sollte er doch den großen Actionhelden spielen - mich kriegte er nicht in so ein Ding. Zwei Jahre sind seitdem vergangen. Das Abenteuer-Kajak hat mittlerweile im Keller seine neue Heimat gefunden und mein Vater wendet sich nun wieder voller Hingabe seinem Aufsitzrasenmäher zu. War also alles nur halb so wild. Von Zeit zu Zeit erwische ich mich dennoch dabei, wie ich erwartungsvoll auf sein Autodach starre, wenn er um die Ecke fährt.

Friederike, 31

Wieso denken alle, erst ab 40 geht der Wahnsinn los? Auch ein 29. Geburtstag kann einen in die Krise stürzen. Nicht, weil man sich tatsächlich alt fühlt. Sondern weil der Rest der Welt so knapp vor der 30 besser zu wissen scheint, an welchem Punkt im Leben man stehen sollte. „Wann heiratest du? Wann bekommst du Kinder?“, das sind auf einmal die einzigen Fragen, die man zu hören bekommt, wenn man bei Verwandten an der Kaffeetafel sitzt. Dazu kommt, dass alle anderen tatsächlich gerade diesen offenbar einzig richtigen Weg zu gehen scheinen. Warum kann der wichtigste Tag im Leben eigentlich nur eine Hochzeit sein? Wieso nicht der sehr gute Studienabschluss oder der tolle neue Job? Als Antireaktion habe ich mich damals von meinem Freund getrennt und bin nach Bali abgehauen. Dort habe ich festgestellt, dass der Mann nicht das Problem, sondern eigentlich richtig gut ist. Also bin ich zurückgekommen, habe den Mann NICHT geheiratet – aber dafür beschlossen, dass der Rest einfach reden soll.

Julia, 31

Eigentlich war es das totale Klischee: Ein Freund von mir dachte nach 25 Jahren Ehe und zwei Kindern, dass sein Leben mehr Schärfe bekäme, wenn er seine Frau für eine 25-Jährige verlasse. Das war auch so. Kurzfristig. Dann begann das „Liebes-Heimweh“: Er wollte zurück, hatte gemerkt, dass ihn die deutlich jüngere Frau nicht glücklich(er) machte. Im Gegenteil. Die Leere in ihm wurde noch größer. Aber seine Frau hatte keine Lust mehr auf ein Liebescomeback. Sie geht jetzt lieber ihren eigenen Weg.

Sabine, 46


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