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Geghostet von der Freundin: "Ich wurde schwanger und sie verschwand aus meinem Leben"

Frau traurig auf Bett
© Getty Images
Freundschaften verändern sich mit Kind, man selbst auch und genauso die Prioritäten. Dass Freundinnen aber einfach den Kontakt abbrechen? Darauf war unsere Autorin nicht vorbereitet.
von Johanna Brinkwald

Weihnachtszeit. Ich war mit Sarah auf einen Glühwein verabredet. Dass ich an diesem Abend keinen trinken werde, war noch mein kleines Geheimnis. Ich war in der 8. Woche schwanger, endlich hatte ich beim Arzt das winzig kleine Herzchen pochen gesehen. Im kritischen ersten Trimester behält man die News ja gerne für sich. Doch Sarah sollte es erfahren. Sie war eine meiner besten Freundinnen und wusste, wie groß mein Kinderwunsch seit einigen Jahren war. Ich freute mich so sehr, ihr davon zu berichten.

Sie freute sich auch, aber irgendwie auch nicht.

Kennt ihr das? Wenn jemand lacht, aber die Augen dabei irgendwie nicht nach Freude aussehen? Ich war so aufgeregt, aber ich bekam direkt einen Dämpfer. Sie freute sich für mich, aber die erwartete Freundinnen-Aufregung fiel aus. Okay, ich muss an mir arbeiten, dachte ich. An meiner Erwartungshaltung. Und mir vielleicht auch erst einmal klar machen, dass so eine News Freundinnen vielleicht auch überfordert. Hatte sie es nicht erwartet? Wir sprachen dann über andere Themen. Ich schob es auf meine Hormone. Wie soll sie das auch nachempfinden?

Ich sah sie dann noch dreimal

Zweimal in der Schwangerschaft, einmal nach der Geburt. Sarah hatte während meiner Schwangerschaft keine leichte Zeit. Gesundheitlich ging es ihr nicht gut, ihre Partnerschaft bröckelte. Das wusste ich auch. Ich habe versucht, für sie da zu sein. Ich wollte nicht in die „Die interessiert sich jetzt nur noch für ihr Ungeborenes“-Schiene. Ich schrieb ihr regelmäßig per Whatsapp, ich rief sie auch mal an, obwohl das für mich eher untypisch ist. Ich sammelte einen Korb nach dem anderen. Die Treffen passten ihr nicht, es ging ihr meistens nicht gut. Waren wir verabredet, kam kurzfristig eine Absage. „Es klappt bestimmt ein anderes Mal.“ Es alternativer Terminvorschlag kam jedoch nicht.

Ich hatte ein schlechtes Gewissen.

Die Schwangerschaft machte aus mir das blühende Leben, ihr wiederum ging es nicht gut. Das passte nicht zusammen und ich entwickelte Verständnis dafür. Ich hatte viel versucht. Immer wieder gefragt, wie es ihr geht. Ob ich was tun kann. Ungefragt noch eine Whatsapp hinterher geschrieben, einen Witz gemacht, um sie zum Lachen zu bringen. Als sie mal wieder krankgeschrieben war, bastelte ich ihr ein kleines Care-Paket und stellte es ihr vor die Tür. Sie bedankte sich und fand es total lieb von mir, sie hätte sich sehr gefreut. Ein kleiner Hoffnungsschimmer für mich.

Meine Tochter kam zur Welt

Ich war überglücklich und stolz wie Sau. Was für ein Wunder hatte ich denn da geschaffen? Während mein Krankenhauszimmer permanent von Familie und Freundinnen besiedelt wurde, bekam ich von ihr eine Absage. Etwa zwei Wochen später kam sie zusammen mit anderen Freundinnen bei mir zu Hause vorbei und überreichte mir mein Geburtsgeschenk. Da war es wieder: Das Lächeln ohne Freude in den Augen. Für erneute Terminanfragen folgten zwei Absagen. Die letzte Nachricht kam von ihr, eigentlich wäre ich tatsächlich dran gewesen zu antworten. Doch dann setzte bei mir der Schlafmangel und die erste Überforderung einer Mama ein – dazu wurde mein Körper zu einem Problemfeld. Schmerzende Brüste, Migräne, Rücken, untenrum. Ich war glücklich, aber ich hatte mit mir zu tun. Ich lief auf Sparflamme – und das auch einen Moment. Meine süße Tochter war nicht die beste Schläferin. Dazu musste ich mich um einen neuen Job kümmern. Mein befristeter Vertrag vor dem Mutterschutz lief in der Elternzeit aus. Ich führte also auch noch Vorstellungsgespräche und hatte schlichtweg keine Kraft, Energie in etwas reinzustecken, das anscheinend keine Früchte trägt. Ich bin auch nur ein Mensch – ich war enttäuscht. Ich wartete nun auch mal, dass sie jetzt mal nachfragt. Mal fragt, wie es mir geht. Ich wartete. Es kam nichts. 

Das ist jetzt ein Jahr her

Mittlerweile ist Sarah verheiratet. Ich erfuhr irgendwann über drei Ecken, dass sie einen Antrag bekommen hatte und einige Zeit später sah ich auf Instagram Fotos von der Hochzeit. Beides brachte mich zum Weinen. „Vielleicht wünschte sie sich auch ein Baby und sie konnte deinen Anblick nicht ertragen?“, sagte eine Freundin. Ja, vielleicht. Aber eigentlich wusste sie, wie sehr ich dieses Gefühl nachempfinden kann. Auch hatten unsere Partner einige Gemeinsamkeiten, sodass ich für alles hätte Verständnis aufbringen und sogar eine gute Gesprächspartnerin hätte sein können. Hätte sie sich geöffnet. Hätte ich mich noch mehr dahinter geklemmt, hätte ich vielleicht noch eine Whatsapp mehr geschrieben. Oder doch nochmal angerufen. Aber mich von solch großen Ereignissen in ihrem Leben auszuschließen, hat mich doch so gekränkt, dass ich nun wohl einen Haken dahinter machen muss. Sie sollte von meinem Glück als eine der ersten erfahren, ich von ihrem also nie.

Eine Karte schreiben?

Trotz der Enttäuschung freute ich mich für sie. Auch für ihre Flitterwochen, die ich auf Instagram verfolgen konnte. Mit ihrem Partner schien alles ok. Mit ihrer Gesundheit (hoffentlich) auch. Ich überlegte lange, und tue es noch immer, ob ich ihr noch eine Glückwunschkarte schicke. Oder einen Brief schreibe. Sie fehlt mir. Meine Sarah. Doch es hält mich irgendwas davon ab. Vielleicht der Gedanke, dass sie mit mir Schluss gemacht hat. Ganz ohne Worte. Mit einem leeren Blick. Sie möchte nicht mehr. Es ist ok, ich akzeptiere es. Auch wenn es weh tut.


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