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Impostor-Syndrom Das steckt dahinter

Impostor-Syndrom: Frau steht hinter Glastür
© Westend61 / Getty Images
Gut unterwegs im Job, im Leben – und trotzdem Panik, als totale Niete enttarnt zu werden? Das Gefühl hat einen Namen: Hochstapler-Syndrom. Und es breitet sich gern unentdeckt aus, weiß Führungskräfte-Coach und Podcasterin Vera Strauch.
von Verena Carl

BARBARA: Frau Strauch, als Journalistin sitze ich ständig Leuten gegenüber, die mehr vom Thema verstehen als ich selbst – und soll dann auch noch möglichst kluge Fragen stellen. Weniger Ahnung haben, aber auf dicke Hose machen – da kann man schon mal an sich zweifeln.

Und, tun Sie’s?

Zumindest nicht übermäßig.

Dann leiden Sie wohl nicht am Impostor-Syndrom.

Schmeißen wir die klugen Fragen doch gleich mal über Bord: Impostor-wie-bitte?

Impostor-, also Hochstapler-Syndrom. Besonders in leistungsorientierten Bereichen findet man Leute, die nachts schweißgebadet aufwachen und sich fragen, wann sie auffliegen – obwohl sie völlig zu Recht an ihrem Platz sind und mit Erfolgen glänzen.

Sprechen Sie von denen mit den Turbo-Karrieren?

Das bezieht sich nicht immer auf den Job, sondern auch auf andere Bereiche, die uns wichtig sind, über die wir uns definieren. Das kann auch das Äußere sein, der Körper oder die Frage, wer den besten Kindergeburtstag organisiert.

Sich die Latte so hoch legen, dass man den eigenen Ansprüchen nicht genügt – ist das ein Frauenthema?

Tatsächlich dachte man das früher, in den Siebzigern und Achtzigern, und sprach vom "Female Impostor Syndrome". Aber die neuere Sozialforschung hat das widerlegt. Auch Männer sind betroffen, vor allem auch Führungskräfte. Meistens in Umfeldern, die sehr wettbewerbsorientiert sind. Das Phänomen ist nicht neu, kocht aber gerade wieder hoch.

Wie macht sich das bemerkbar?

Immer wieder haben mich Leute aus meinem beruflichen Umfeld darauf angesprochen und mich gebeten, dazu etwas in meinem Podcast zu veröffentlichen. Mich hat das überrascht, weil ich es von mir selbst nicht kenne, aber es betrifft wirklich viele. Gerade solche, von denen man es nicht denkt.

Merkt man denen ihre Unsicherheit denn wirklich nicht an?

Nein, das ist es ja. Sie wirken vielleicht sogar etwas arrogant, gerade weil sie im Kern so wenig Selbstbewusstsein haben und deshalb viel Energie aufwenden, die vermeintliche Fassade aufrechtzuerhalten. Der Bereich spielt dabei keine Rolle. Ich kann eine international anerkannte Hirnchirurgin sein und trotzdem glauben: Die anderen haben nur noch nicht gemerkt, dass ich eigentlich eine Versagerin bin, weil sie weniger davon verstehen – wie gut, dass der Kopf wieder zugenäht ist und keiner sieht, dass ich vielleicht Mist gebaut habe! Das Impostor-Syndrom ist im Grunde ein Symptom einer gesellschaftlichen Schieflage.

Wie meinen Sie das?

Unsere Gesellschaft schaut nun mal einseitig auf Leistung und Output.

Das macht sich ja auch in unserer Selbstdarstellungskultur bemerkbar, die glänzende Fassaden belohnt. Leute, die auf ihren Social-Media-Kanälen Erfolge vorzeigen, Halbmarathons oder vorteilhafte Selfies.

Kann schon sein, dass sich das Syndrom auch hinter einigen solcher Fassaden verbirgt, auch wenn eine Ferndiagnose natürlich schwierig ist. Aber ich glaube, auch in der Offline-Welt sind wir sehr herausgefordert und sollen ständig den vielfältigsten Ansprüchen genügen. Lebenslang lernen, uns in unserer Beziehung engagieren, unsere eigene Ernährungsphilosophie entwickeln … Da kann sich schon mal das Gefühl einschleichen: Egal, wie sehr ich mich auch anstrenge, ich bin einfach nie gut genug.

Warum lassen sich denn manche mehr unter Druck setzen als andere?

Im Grunde ist es eine Frage von grundlegendem Selbstwert. Die Forschung zeigt: Das Impostor-Syndrom entsteht beispielsweise, wenn ich als Kind gelernt habe, dass ich Leistung bringen muss, um Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen. Oder auch im Gegenteil: Weil meine Eltern mir ständig vermittelt haben, wie perfekt und einzigartig ich bin. Egal, was ich tue. Dadurch fehlt mir die Erfahrung: Es ist okay, auch mal etwas nicht zu wissen, zu scheitern, etwas weniger gut zu können als andere.

Es gibt aber ja Situationen, da gilt die Spruchweisheit: Klappern gehört zum Handwerk. Von Coaches hört man zum Beispiel: Kauf dir fürs Vorstellungsgespräch eine Bluse, die du dir eigentlich nicht leisten kannst. Lupenreines hochstapeln!

Da würde ich immer nach der eigenen Motivation fragen. Ein paar Schuhe, eine Bluse können eine tolle Investition sein, im Sinne von: Ich bin mir was wert – und das zeige ich auch. Jedenfalls mehr als in abgetragenen Sneakern und Jogginghose. Aber wenn ich mich in ein teures Kostüm zwänge, in dem ich mich verkleidet fühle, sollte ich überlegen: Will ich wirklich einen Job, in dem ich mich verstellen muss?

Sie haben mit noch nicht mal 30 ein Bauunternehmen mit 100 Mitarbeitern gemanagt, fast alles Männer, fast alle älter. Muss man da nicht ein bisschen auf den Putz hauen, um ernst genommen zu werden?

Es gibt zwei Möglichkeiten, sich Respekt zu verschaffen. Zum einen Status: Ich erzähle den Leuten, was ich für tolle Abschlüsse habe und wie viele Sprachen ich spreche, und sie müssen mir zuhören. Der Haken daran: Betritt jemand den Raum, der in der Hierarchie über mir steht, bin ich abgemeldet. Zum anderen Verbindung. Wenn ich als junge Frau zwischen berufserfahrenen Männern zwischen 40 und 50 stehe, dann sage ich denen: Ihr wisst viel mehr darüber, wie man Betonwände herstellt oder Bauobjekte kalkuliert, da kann ich von euch lernen. Aber was ich euch erzählen kann, ist vielleicht, wie man Abläufe verändern kann, wie man Strukturen flexibel macht … Schon schaffe ich Ehrlichkeit, die entwaffnend wirkt.

Also nicht so tun, als wüsste man alles besser?

Bloß nicht! Es ist ein Merkmal von gut laufenden Systemen, dass nicht jeder alles können muss. Wenn ich tolle Torten backe und ein Café eröffne, muss ich nicht den Anspruch haben, auch noch meine Steuererklärung selbst zu machen – dafür gibt es andere, die das gut und gerne tun! Hilfe annehmen ist keine Schwäche, im Gegenteil.

Klingt in der Theorie super, aber lässt sich das wirklich umsetzen? Wenn ich einen Job im Haifischbecken habe, dann habe ich doch nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich steige aus und suche mir lieber einen Job im Streichelzoo, oder ich beiße selbst um mich, um zu überleben.

Moment, wenn ich von Ehrlichkeit, Verletzlichkeit und Schwächen spreche, dann heißt das nicht, dass ich meine privaten Probleme im Meeting ausbreiten sollte. Aber ich glaube schon, dass jede und jeder Einzelne von innen heraus eine Kultur verändern kann, auch ein toughes Arbeitsklima. Es gibt ja nicht nur Schwarz oder Weiß, also nur die totale Anpassung an ein System, in dem ich mich verbiegen muss, oder die totale Verweigerung.

Und wie geht das, Veränderung von innen heraus?

Manchmal sind es kleine Dinge, die uns und anderen helfen, authentischer zu sein und weniger falsch. Etwa wenn ich im Haifischbecken nicht mitmache, wenn über Abwesende schlecht geredet wird, oder mir andere Kontakte im Arbeitsumfeld suche, die unterstützender sind.

Nun zweifelt ja jeder und jede mal an den eigenen Fähigkeiten und stellt fest, dass eine Aufgabe zu groß ist. Das ist doch noch lang nicht pathologisch?!

Klar, nicht jede Unsicherheit ist ein Zeichen fürs Hochstapler-Syndrom, vor allem nicht, wenn ich selbst erkenne, dass eine Aufgabe oder ein Umfeld mir einfach nicht liegt. Dann kann es richtig und ehrlich sein, zu sagen: Ich schaffe das alleine nicht. Oder: Ich fühle mich hier falsch. Aber auch in diesem Fall gibt es vielleicht noch einen dritten Weg.

Fake it till you make it?

Ich bin mal auf einen TED-Talk gestoßen, der hieß "Fake it till you become it" – also: Tu so, bis du dazu wirst. Alles ist ständig in Bewegung, von unseren Zellen, die sich permanent teilen, bis zur Arbeitswelt, die komplett im Umbruch ist. Wichtig ist, sich immer wieder Klarheit zu verschaffen: Wer bin ich heute, und wer will ich werden? Eine Führungskraft, eine Frau, die ein Haus mit Garten hat und zwei Kinder? Etwas ganz anderes? Wenn ich es wage, Träume zu haben, dann muss ich weder vortäuschen, was ich noch nicht bin, noch mich dafür schämen, wenn ich nicht alles sofort erreiche.

VERA STRAUCH, 34, Unternehmerin und Gründerin der Female Leadership Academy. Ihr gleichnamiger Wirtschaftspodcast erscheint wöchentlich auf allen gängigen Portalen.

BARBARA 51/2020

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