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Instagram Filter So verzerren sie die Wahrnehmung

Influencer fotografieren Essen
© Eugenio Marongiu / Shutterstock
Die vermeintliche Wirklichkeit im digitalen Raum hat genau eine schöne Seite – die, die sie zeigt. Und der kann unsere Kollegin nichts abgewinnen.
Nikola Helmreich

So langsam sickert es in mein Hirn: Ich verstehe die Welt nicht mehr. Und damit meine ich noch nicht einmal die Welt des vergan­genen Jahres. Sondern die kleine alltägliche Welt. Das, was einst privat war – und heute möglichst vielen Zuschauern, Verzeihung: Followern, geschönt gezeigt wird.

Belohnt wird, was perfekt ist. Und perfekt ist nie, was natürlich ist.

Instagram ist dabei mit weltweit über einer Milliarde aktiven Nutzern einer der beliebtesten Schauplätze. Und hat neben dem Prinzip des schnellen Bildaustauschs noch etwas anderes hervorgebracht: Filter. Menschen, die gern an sich und ihrem Leben rumwerkeln, in echt und digital, fühlen sich dort wohl. Denn da kann sich jede und jeder nach ihrem oder seinem Geschmack produzieren und optimieren. Filter drüber, fertig ist das schöne Leben. Ganz einfach, vom Sofa aus, ohne auch nur den Arsch dafür hochkriegen zu müssen. Aber sogar jene, die ihren Hintern bewegen und etwa ihr tägliches Workout minutiös dokumentieren, die also aktiv an sich rumoptimieren, nutzen sie obendrein, die Filter.

Doppelt optimiert hält eben besser.

Nicht falsch verstehen: Ich habe überhaupt nichts gegen Instagram. Aber wie so oft krankt das System an den Menschen, die es nutzen. Unzählige Posts belegen zum Beispiel, dass Fotos optimierter Körper im Vergleich zu den (sehr schönen!) Originalen teils doppelt bis dreimal so viele Likes generieren. Denn belohnt wird, was perfekt ist. Und perfekt ist nie, was natürlich ist.

In den vergangenen Jahren musste ich mich immer wieder dafür rechtfertigen, dass ich ohne Schminke durch die Welt laufe, und hörte ständig Sätze wie: Aber wenn du ausgehst, tuschst du dir schon die Wimpern? Ein bisschen Mascara würde dir bestimmt gut stehen! Wie in vielen anderen Bereichen, haben wir uns tatsächlich auch in dem der optischen Wahrnehmung einen Schritt vor- und zwei zurückbewegt. So muss ich mich heute auch noch dafür rechtfertigen, mein ungeschminktes Gesicht ungefiltert zu zeigen – Skandal! Nach dem Motto: Wenn du schon ohne Make-up rumläufst, leg doch wenigstens digital ’nen schicken Filter drüber. Siehe oben: Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Wer nicht bei Instagram unterwegs ist, gilt zudem als rückschrittlich, als Digital-Verweigerer. Dabei liegt mir nichts ferner: das schnelle Vernetzen, das Finden von Wegen, Menschen, Rezepten, Geschichten, Gedanken, Inspiration – alles super. Das schnelle Verschönern: katas­trophal. Und dabei sogar noch ein Trugschluss, denn so schnell geht das gar nicht.

Bis das richtige Foto geschossen und der perfekte Filter gewählt ist, habe ich den einzig wahren Filter längst benutzt – und mir Kaffee serviert.

Im Oktober wurde das digitale Mutterschiff der optischen Insze­nierung zehn Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch und danke für ein Jahrzehnt, das die verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit in mehr als eine Milliarde Leben brachte. Mein Vorschlag für die nächsten zehn: Schafft neben Likes bitte auch noch die Filter ab. Oder nennt das Kind wenigstens beim Namen. Denn: Es sind keine Filter. Filter, und das beweist mein Kaffeefilter jeden Tag aufs Neue, sind dazu da, etwas durchzulassen. Oder etwas Verschmutztes wieder sauber und nutzbar zu machen. Sie lassen stets sichtbar übrig, was sie herausgefiltert haben. Anders die feinen Fotofilter. Sie verdecken lediglich, was eigentlich ist. Und stecken so mit Schönheits-OPs unter einer Decke: Es gibt kein Davor mehr.

Keiner sieht mehr, wie es mal war. Jeder sieht nur, wie es jetzt ist. Da helfen auch die immer mehr werdenden "Reality versus Instagram"-Posts nichts. Und so ist die gefilterte Welt zur Wirklichkeit geworden. Das, was auf all die Fotos dieser Welt gelegt wird, sind also keine Filter, sondern Masken. Vielleicht schafft ja dieser einfache Wortwechsel ein neues Bewusstsein, das ganz langsam in die Köpfe sickert.

BARBARA 51/2020

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