VG-Wort Pixel

Interview 9 Fragen an Goldeimer

Goldeimer: Frau trägt ein Paket Toilettenpapier
© Goldeimer
Über Toilettenpapier redet man nicht? Oh, doch! Zumindest, wenn es um soziales Toilettenpapier geht. Wir haben mit Manou Otolski von Goldeimer über Trockenklos, Humusdünger und sozialem Klopapier geredet.

BARBARA.DE: Hallo Manou, kannst du Goldeimer für uns einmal kurz vorstellen?

Manou Otolski
© Goldeimer

Manou:

Goldeimer ist ein gemeinnütziges Unternehmen aus Hamburg, das sich für weltweite Sanitärversorgung einsetzt. Unsere Vision »Alle für Klos! Klos für alle!« umreißt das sehr treffend. Wir glauben, dass jedes Engagement Spaß machen muss, damit man sich langfristig und mit Elan für eine Sache einsetzt – in unserem Fall: für Klos. Deshalb machen wir ordentlich Stimmung an unseren ökologischen Festival-Trockenklos und erzählen Menschen von den schönen Dingen und den Krisen rund um die Toilette. Neben Festival-Klos bieten wir auch Bildungsworkshops an, sensibilisieren für Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft, beteiligen uns an Forschungsprojekten rund um das Thema Nährstoffrecycling und alternative Sanitärversorgung – und machen ein soziales Klopapier und Seife.

Was bedeutet der Begriff „soziales Klopapier“?

Der bedeutet, dass keine Gewinne in private Taschen fließen. Alles, was wir an finanziellen und zeitlichen Ressourcen haben, setzen wir ein, um unseren gemeinnützigen Zweck zu erfüllen: Einen Beitrag zur Verbesserung der weltweiten Sanitärsituation leisten, Nährstoffe recyceln, Aufklärungsangebote schaffen.

Und wie schont ihr mit eurem Klopapier die Umwelt?

Klopapier schont die Umwelt nicht. Manches ist aber umweltverträglicher als anderes. Sobald es in die Toilette segelt, wird es nicht wieder recycelt. Deshalb ist es wichtig, dass hier kein Frischfaserpapier drin landet, sondern ausschließlich Recyclingpapier, dessen Fasern schon einige Male wiederverwendet wurden. Alles andere macht keinen Sinn. Viel von dem in Europa für die Papierherstellung eingesetzten Zellstoff kommt aus Brasilien. Alle wissen, was das bedeutet. Außerdem verbraucht Recyclingpapier nur einen Bruchteil des Wassers und der Energie, die zur Herstellung von Frischfaserpapier benötigt wird. Ob Menschen unser Recyclingpapier kaufen oder anderes Recyclingpapier – Hauptsache es ist gekennzeichnet mit dem Umweltsiegel Blauer Engel. Dann weiß man, dass es aus 100% Altpapier besteht und keine frischen Bäume die Toilette heruntergespült werden. Unsere Verpackung ist außerdem aus 60 % recyceltem Plastik und 15 % Kreide – so sparen wir auch hier Ressourcen ein.

Auf eurer Seite redet ihr viel über WASH-Projekte. Was ist WASH?

WASH steht für den Zugang zu Wasser, Sanitär und Hygiene. Diese drei Komponenten bedingen sich gegenseitig und sorgen im Dreiklang für eine nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen. Klos allein reichen nicht. Zu einer würdigen und sicheren Sanitärversorgung gehört neben einer Toilette auch sauberes Trinkwasser und Seife zum Händewaschen – und für dauerhaft sauberes Wasser braucht man wiederum Klos.

Und was habt ihr im Hinblick auf WASH schon erreicht?

Mit dem Klopapier unterstützen Käufer*innen unsere gemeinnützige Arbeit, die auch einschließt, dass ein Teil des Geldes aus dem Klopapierverkauf an Viva con Agua geht und dort in weltweite Projekte fließt. Die sind auf der Website von Viva con Agua einsehbar. 2019 haben wir außerdem zusammen mit lokalen Helfer*innen ein kleines Pilotprojekt in Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien, gestartet, um Erkenntnisse darüber zu erlangen, ob kreislauforientierte Sanitärversorgung auch hier funktioniert. Mehrere Trockenklos mit Kompostierstelle und Pflanzenkläranlage wurden eingerichtet. Auch Projekte der Welthungerhilfe unterstützen wir, wie etwa durch unsere "Gute Geschäfte"-Spendenkampagne oder unsere sozialen Masken, die an den Corona-Nothilfefonds gespendet haben.

Manou schlägt ein Rad im Garten auf einem Trockenklo
© Goldeimer

Hier in Deutschland befindet sich aber wohl unser wichtigstes WASH-Projekt: Unsere Festival-Trockenklos. Die sind während des Festivals immer sauber und mit Klopapier, Desinfektionsgel und guter Laune ausgestattet – also mit allem, was man braucht. In der Festivalsaison 2019 haben Tausende Besucher*innen die Tonnen ordentlich befüllt und auch damit einen Beitrag zu unserer Vision geleistet.

Da du gerade eure Festival-Trockenklos erwähnst. Was passiert mit den Fäkalien der benutzten Klos?

Die rechtliche Situation ist hier sehr schwierig. Aktuell ist es nicht erlaubt, dass Inhalte aus Trockenklos kompostiert und ohne Einschränkung wieder ausgebracht werden dürfen. Langfristig muss das aber möglich gemacht werden, denn wenn wir die Nährstoffe in unseren Ausscheidungen nicht recyceln, kriegen wir zukünftig ein Problem – Stichwort Phosphor. Mit dem Netzwerk für nachhaltige Sanitärsysteme e.V. (NetSan), in dem wir uns mit anderen Akteur*innen organisieren, machen wir aber Fortschritte (bspw. mit der DIN SPEC 91421). Wir hoffen, dass man in wenigen Jahren Dünger aus Trockenkloinhalten in Deutschland herstellen und nutzen darf. So lange müssen wir andere Möglichkeiten finden, um mit unserer Festival-Kacki was anzufangen. Unsere Freund*innen von Finizio – Future Sanitation betreiben in Eberswalde beispielsweise eine Pilotanlage zur Kompostierung von Trockenkloinhalten und leisten wichtige Arbeit auf dem Weg zur Legalisierung. Auf der Anlage wurden auch unsere Trockenkloinhalte aus der Festivalsaison 2019, insgesamt 30 t, zu wunderbarem, unbedenklichem und fruchtbarem Humusdünger veredelt. Auf dieser Erde haben wir im letzten Jahr mit einer Ausnahmeregelung mitten in Hamburg einen kleinen Kackewald angepflanzt, auf dem nun Sträucher und Pappeln wachsen.

Wie kamt ihr auf die Idee mit den Trockenklos?

Trockenklos sind nicht unsere Erfindung. Das erste Patent dafür wurde 1860 eingereicht – ein Jahr vor dem Test des ersten funktionsfähigen Telefons. Bei uns ist das alles aber im Grunde Malte (Geschäftsführer und Chief Shit Advisor bei Goldeimer, Anm. d. Red.) und einem schweren Durchfall auf der Projektreise von Viva con Agua und der Welthungerhilfe in Burkina Faso zu verdanken. Zehn Jahre ist es her, dass er dort das erste Mal merkt, welche Bedeutung der Zugang zu Klos überhaupt für die Gesellschaft hat – vor allem, wenn er nicht gewährleistet ist. Malte's Interesse an Klos steigt ins Unermessliche und er merkt, wie viele Probleme mit Klos zusammenhängen: Phosphor-Peak, Humusschwund, Durchfallerkrankungen bei Kleinstkindern, Kontamination und Verbrauch von Wasser und vieles, vieles mehr. 2013 standen dann die ersten Goldeimer-Trockenklos auf vier Festivals.

Wie viel Wasser kann mit so einem Trockenklo eingespart werden?

Pro Spülgang auf einem konventionellen WC verbrauchen wir rund 6 – 9 L Wasser. Ein Trockenklo benötigt keines, da mit Hobelspänen gespült wird. Die fallen in der holzverarbeitenden Industrie als Abfallstoff an und werden einfach mit kompostiert und so an den Boden zurückgegeben. Pro Festival-Saison bewahren wir rund 1,5 Millionen Liter Trinkwasser vor der Spülung.

Habt ihr schon zukünftige Projekte, über die ihr sprechen möchtet?

Es gilt erst einmal, dass wir den Meilenstein erreichen, Trockenkloinhalte offiziell uneingeschränkt kompostieren und nutzen zu können. Danach haben wir einen riesigen Haufen Pläne!

Vielen Dank für das nette Interview!

Wenn du mehr über Goldeimer und die Projekte dahinter erfahren willst, schau einfach auf der Seite www.goldeimer.de nach. Hier kannst du das soziale Klopapier auch kaufen oder sogar ein Abo abschließen!

Und hier findest du 10 interessante Fakten über Toilettenpapier.

Barbara

Mehr zum Thema