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Kein Sex – mehr Liebe? Asexuelle Frauen erklären, wie ihre Beziehungen funktionieren

Kein Sex – mehr Liebe?: Nahaufnahme von zwei Händchen haltenden Personen
© Sarah / Adobe Stock
Asexualität – ist damit eine Beziehung überhaupt möglich? Definitiv! Doch oft können nicht asexuelle Menschen sich nicht viel unter dem Thema vorstellen. Zwei asexuelle Frauen wollen das ändern und mit den Vorurteilen aufräumen. 

Was bedeutet eigentlich Asexualität? Für meine Interviewpartnerinnen Nina Raap und Franziska Hörstgen heißt es, dass sie keine sexuelle Anziehung zu anderen Menschen spüren und kein Verlangen nach sexuellen Aktivitäten haben. In der Community nennen sich Personen auf dem Spektrum auch Aces. Ihre Sexualität heißt aber nicht, dass sie keine Beziehungen führen wollen oder können.

Menschen, die sexuelle Anziehung verspüren und nicht zum asexuellen Spektrum gehören, werden auch Allosexuelle genannt. Für sie ist es allerdings oft schwierig, sich eine Beziehung ohne Sex vorzustellen oder ein Leben ohne sexuelles Verlangen. Denn diese Norm wird uns eigentlich überall gepredigt: In der Schule, in der Familie oder mit den Freund:innen bei den Gesprächen über die erste Beziehung oder das erste Mal,  aber auch in den Medien geht es sehr häufig (und oftmals unrealistisch) um das Thema Sex.  

Das ist aber natürlich nicht alles, was eine Beziehung ausmacht. Franziska und Nina sind seit mehreren Jahren in einer Beziehung mit ihrem derzeitigen Partner. Außerdem hatten sie in ihrer jetzigen Partnerschaft und auch in der Vergangenheit bereits Beziehungen mit allosexuellen, also nicht asexuellen Personen und haben im Interview sehr offen über ihre Erfahrungen gesprochen.

Die psychische Verbindung zueinander

Die beiden Frauen brauchen keinen Sex. In ihren Beziehungen haben sie nur wenig sexuelle Aktivität. "Sex ist etwas, das ich als Gefallen für meinen Partner tue und insofern auch genießen kann, weil ich weiß, dass ich ihm damit eine Freude mache", erklärt Franziska "und ich kann die emotionale Nähe genießen, die dabei entsteht." Wichtig sei aber natürlich, dass der:die Partner:in ihre Grenzen akzeptiert, wie sie sind und nicht mehr fordert, als sie geben kann.

Auch bei Nina ist es ähnlich. Bei sexuellen Aktivitäten geht es ihr nicht um das eigene Verlangen, sondern eher um die emotionale Nähe. "Das ist für mich eher die psychische Verbindung zueinander. Körperlich betrachtet brauche ich es nicht", sagt sie. "Ich kann für den Rest meines Lebens ohne sexuelle Nähe zu irgendwem überleben.“ Beide gehen teilweise sexuelle Nähe für ihre Partner ein, aber nur, wenn sie es auch gerade wollen und zulassen können. Andere asexuelle Menschen verzichten teilweise auch komplett auf Sex. Das handhabt jeder Mensch des Spektrums für sich anders.

"Ich bin ein ziemlich hoffnungsloser Romantiker"

Beide sind zwar asexuell, aber nicht gleichzeitig aromantisch. Das würde bedeuten, keine romantischen Gefühle empfinden zu können. Sie sind panromantisch und fühlen sich daher auf dieser Ebene zu Menschen jeglichen Geschlechts hingezogen. Denn das Spektrum, auf dem sich die beiden bewegen, ist sehr vielseitig und so können mehrere Ausprägungen auf eine Person zutreffen.

Für beide Frauen ist die Nähe zu anderen Menschen wichtig. Beispielsweise gemeinsam einen Film zu gucken, auf ein Date zu gehen, zu kuscheln oder sich zu küssen. "Ich empfinde gefühlt Liebe für alle und ich bin ein ziemlich hoffnungsloser Romantiker", erklärt Nina lachend. "Kleinigkeiten wie Händchenhalten oder sich zu umarmen, das ist schon etwas, was mich komplett glücklich macht in einer Beziehung." Franziska kann da nur zustimmen: "Ich weiß Romantik unfassbar zu schätzen, aber im Grunde ist das, was ich von einer Beziehung erwarte, Liebe – ohne mich dafür verbiegen zu müssen."

Offene und ehrliche Kommunikation

Für Nina und Franziska steht fest, dass auch ihre Partner:innen in der gemeinsamen Beziehung glücklich sein sollen. Doch in der Vergangenheit gingen die Forderungen von Menschen, die mit ihnen zusammen waren, teilweise zu weit. Dabei gehen beide, was ihre Asexualität angeht, stets offen in ihre Partnerschaften.

"Mein allererster Partner hat das wirklich gebraucht. Also für ihn gehörte das zu einer Beziehung dazu, was ich akzeptiert habe", so Nina. Fünf Jahre waren die beiden ein Paar. Dass sie die sexuelle Nähe aber nicht in dem Ausmaß haben wollte, wie ihr Partner führte damals zur Trennung: "Er konnte sie bekommen, aber eben nur in einem gewissen Maße, solange ich es auch selbst wollte."

Damals hat Nina gemerkt, dass es die Aufgabe beider Parnter:innen ist, eine Beziehung aufrecht zu erhalten – und nicht nur an ihr liegt: "Es muss ein Maß sein, wo man sich sagt: Okay, jeder strengt sich gleich stark an für diese Beziehung. Jeder gibt sich Mühe dabei, dass der Partner glücklich ist und jeder schaut eben auch auf sich selbst." Genauso selbstverständlich sei das schließlich auch in anderen Beziehungen, egal ob nun beide allosexuell sind oder eben nicht.

Die Akzeptanz der Sexualität

Mit ihren ersten Partner:innen haben Nina und Franziska teilweise schlechte Erfahrungen gemacht. "In früheren Beziehungen habe ich manchmal mehr zugelassen, als ich wollte, weil ich das Gefühl hatte: Ich muss das machen. Denn sonst ist mein Partner unglücklich und wenn mein Partner unglücklich ist, ist automatisch auch die Beziehung unglücklich", erklärt Nina.

Das sei ein großer Fehler in vergangenen Beziehungen gewesen, den sie jetzt so nicht mehr wiederholen würde. Stattdessen hat sie in ihrem jetzigen Partner jemanden gefunden, der ihre romantischen Bedürfnisse und ihr mangelndes Interesse an sexueller Nähe akzeptiere.

"Mein Partner hat sehr viel Akzeptanz von Anfang an gezeigt und er ist selbst so ein bisschen auf dem Ace-Spektrum unterwegs", erklärt die 21-Jährige. "Wir sind beide nicht so sexuell aktiv. Sollte er zum Beispiel aber mal wirklich Lust haben, was mit mir machen zu wollen, dann sagt er mir das ehrlich und ich sage, ob ich das auch möchte. Also einfach: Ganz simpler Consent." Das Wort "Consent" bedeutet auf Deutsch „Zustimmung“. Diese kann in jeglichen Alltagssituationen – oder eben im privaten Umgang miteinander (sowohl in Beziehungen als auch mit Freund:innen) – auftreten. Das Einverständnis zwischen zwei oder mehreren Personen ist demnach nie nur von einer Person abhängig. Stattdessen sollte Consent immer beidseitig sein beziehungsweise von allen an der Situation beteiligten Menschen ausgehen.

Beziehungsführung ist bei allen Sexualitäten ähnlich

Für Nina und Franzi ist selbstverständlich, dass sie an ihren Beziehungen arbeiten und sich mit ihren Partner:innen austauschen: "Grundsätzlich sollte jede Beziehung in ständiger Kommunikation und Diskussion darüberstehen, was los ist: Ist das, was wir gerade voneinander wollen, das, was wir voneinander brauchen und was ist das, ohne das diese Beziehung nicht funktionieren kann?", so Franziska. Natürlich sei das aber kein fester Block, den sie und ihr:e Partner:in nach und nach abarbeiten, erklärt die 22-Jährige. Dennoch ist es aber ein wichtiger Schritt, um die Beziehung und deren Liebende nicht zu vernachlässigen.

Nina und Franziska sind aber vermutlich gerade wegen ihrer Sexualität noch mehr daran gewöhnt, mit ihren Partner:innen über die Beziehung zu reden. Was der:die Partner:in gerade braucht, was sie selbst geben können und was sie geben wollen – solche Gespräche sollten laut Franziska immer wieder stattfinden und aufeinander aufbauen. "Ich bin der Meinung, dass sich das über asexuelle und allosexuelle Beziehungen hinaus erstreckt. Es sollte der Grundstein für jede Beziehung sein."

A_Sexualität – nicht alle Aces sind gleich

Die menschliche Sexualität ist vielfältig – und zwischen Asexualität und anderen Sexualitäten wie Hetero-, Homo-, Bi-/Pan-Sexualität liegt ein breites Spektrum. A_sexuelle Menschen können daher unterschiedlich sein. Also: Welche Formen von A_Sexualität gibt es?

  • Demisexualität: Menschen, die sexuelle Anziehung nur verspüren, wenn sie bereits eine tiefe Bindung zu einer anderen Person aufgebaut haben, nennt man demisexuell.
  • Gray- oder Grau-Sexualität: Menschen, die sexuelle Anziehung sehr selten verspüren, oder nur unterschwellig oder den Begriff für die Art und Weise, wie sie fühlen als nicht hilfreich empfinden.
  • Fraysexuell: Menschen, die sich nur zu anderen Personen sexuell hingezogen fühlen, wenn keine emotionale Bindung besteht.

Weitere Infos zum Thema A_Sexualität gibt es beispielsweise auf der Internetseite www.aktivista.net oder der englischen Plattform www.asexuality.org.

Verwendete Quellen: Aktivista, Asexuality.org, Funk

Barbara

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