Ironman: Warum verdammt tut diese Frau sich das an?

Ist das noch Sport oder schon Masochismus? Unsere Autorin hat nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Sie muss ja trainieren – für den Ironman

von Christina Hollstein

Mit zusammengekniffenen Augen traue ich mich endlich, den Kompressionsstrumpf zu lupfen. Mein rechter Fuß ist quasi offen. Fünf großflächige Blasen zieren den großen Zeh und Fußballen. Bei jedem Schritt krampft die linke Wade, im Ischias steckt gefühlt ein Messer, und der Kopf pocht aufgrund der Dehydrierung. Autounfall? Nein, nein. Das habe ich mir freiwillig selbst angetan. Schlimmer noch: Es fühlt sich sogar irgendwie gut an. Denn wieder johlt der Schmerz mir stolz zu: „Du! Bist! Eine!Verdammte! Heldin!“ Ach ja? Oder vielleicht doch nur nicht ganz dicht? Eine berechtigte Frage.

Ein Wald voller halbnackter in Funktionstextilien

Sonntag. Normale Menschen schlafen aus, treffen Freunde, fläzen genüsslich auf der Couch. Klingt gemütlich – auch für mich. Noch stärker jedoch ist diese innere Stimme, die dafür sorgt, dass ich um 6:30 Uhr aufstehe und mit dem Auto in einen irrwitzig abgelegenen Wald fahre. Nun stehe ich da, umringt von einem Haufen halb nackter Männer und einer Handvoll Frauen in hautengen neonfarbenen Funktionstextilien. Startschuss! Und ab: 21 Kilometer durchs Gehölz, bis es im Mund nach Blut schmeckt.

Für einige ist so ein Halbmarathon das Jahreshighlight oder gar sportliches Lebensziel, für mich nur die nächste Kilometermarke auf dem Trainingsmarschplan. Mein Ziel ist die Königsdisziplin im Triathlon: der Ironman – 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,2 km Laufen, an einem einzigen Tag. „Wieso, bitte, machst du das?“, die Gesichter meiner Gesprächspartner zeichnet oft Entsetzen, wenn ich in Triathlon-Plauderlaune gerate. Gerade Männer scheint das Thema ernsthaft zu irritieren. Wer will schon eine Frau, der man ständig hinterherlaufen muss? Und wieso bitte „braucht“ sie das?

Erst unüberwindbar, dann nur noch Training

Für mich geht es beim Triathlon darum, Grenzen auszutesten und zu überwinden. Überlebe ich einen Halbmarathon, Marathon, Triathlon? Werde ich Zehnte, Fünfte oder Erste? Was mir vor einigen Jahren unüberwindbar erschien, ist heute nur noch Training. Das gibt Selbstbewusstsein, auch im Alltag. Ich weiß, ich kann fast alles schaffen, dank nötiger Verbissenheit. Vielleicht nicht meine sympathischste Eigenschaft, aber sehr effizient.

Irgendwann letztes Jahr wurde in meinem Kopf das Thema Ironman immer lauter. Als die 15 Jahre ältere Bekannte, eine Mutter zweier Kleinkinder, ihn finishte, gab es kein Argument mehr, es nicht selbst anzugehen: neun Monate Vorbereitungszeit. Zehn Trainingsstunden die Woche. Oft zwei Einheiten am Tag. 600 Euro Startgebühr nebst Ausgaben für Equipment, Training, Trainingslager und Trainingswettkämpfe. Finanziell hat mich der Dreikampf längst ruiniert.

Auf gewisse Weise bin ich inzwischen abhängig. Der Triumph über mich selbst ist das Höchste der Gefühle. Klar habe ich auch Angst vor dieser Seite in mir. Was, wenn es mir dabei zu viel um Anerkennung geht? Schon in der Schule war meine größte Sorge, später schlicht nur Durchschnitt zu sein.

Mein Sport gibt mir Sicherheit

Während der Wettkampfvorbereitung unterliegt alles einem strengen Zeitkonzept: Training, Essen, Schlafen, Job, Freunde. Planänderung oder spontaner Besuch? Nicht mit mir! Klingt unsexy? Mich zieht es an. Der Sport gibt mir Sicherheit in einem Alltag, in dem sonst nichts mehr kontrollierbar scheint. Ob im Beruf morgen noch die gleichen Regeln gelten und ich übermorgen weiterhin einen Job habe? Keine Ahnung. Aber beim Training mache ich die Regeln. Und gute Vorbereitung führt zum bestmöglichen persönlichen Ergebnis. Mein akribisch organisierter Triathlon gibt mir Struktur, ja sogar Seelenfrieden. Denn es ist ein überwältigendes Glücksgefühl, eine Ziellinie zu überqueren. Ein Hormonrausch, der mich alle Entbehrungen direkt vergessen lässt.

Wer hier schreibt:

Christina Hollstein

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