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Jackpot! Und dann? Tipps vom Gewinnberater Rainer Holmer

Rainer Holmer: weiße Bälle einer Lotterie
© Skreidzeleu / Shutterstock
Den Jackpot geknackt – und nun? Erst einmal tief durchatmen, rät Rainer Holmer, Gewinnberater von Lotto Bayern. Und all jenen, die noch auf die Ziehung warten: Niemals zerknitterte Spielquittungen bügeln!

Barbara: Herr Holmer, seit 20 Jahren beraten Sie Lottogewinner. Wie kommt man zu so einem Job?

Rainer Holmer: Ich bin studierter Diplom-Finanzwirt, das hat mir aber gar nicht gefallen. Deshalb bewarb ich mich damals auf eine Stelle beim Lotto-Kundenmagazin und bekam sie. Als der damalige Gewinnberater in Elternzeit ging, übernahm ich seinen Job. Heute bin ich in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig und berate auch die Großgewinner.

Ab welcher Summe werden Sie denn überhaupt eingeschaltet?

Ab einer Gewinnsumme von 100 000 Euro bekommt die Person das Angebot, sich freiwillig von mir beraten zu lassen. In diesem Jahr hatten wir aber auch schon 16 Millionen-Gewinner in Bayern.

Wie läuft so eine Beratung dann ab?

Also, ich fahre nicht mit einem Blumenstrauß durch die Gegend. Die Leute kommen zu mir in mein Münchner Büro, ich biete ihnen einen Kaffee an. Es geht nicht um eine Anlage- oder Finanzberatung, das darf und will ich gar nicht. Ich vermittle sie auch nirgendwo hin. Ich frage immer zuerst, wie es ihnen in den letzten Tagen ergangen ist. Wenn sie zu mir kommen, ist das Geld noch gar nicht auf dem Konto, und sie sind immer noch baff. Es geht einiges in den Leuten vor, wenn sie über Nacht Multimillionäre werden, da bekommt man die ganze Achterbahnfahrt der Gefühle mit.

Was ist zunächst das Wichtigste?

Wenn jemand den Gewinn mit Gott und der Welt teilen möchte, dann sage ich mal vorsichtig, dass ich das nicht raten würde. Auch nicht, sofort den Job hinzuschmeißen. Vor allem, wenn man "nur" ein paar Hunderttausend gewonnen hat.

Gibt es den "typischen" Gewinner?

Nein. Sie sind so verschieden, wie Menschen eben sind – alle Gesellschaftsschichten sind dabei. Es gibt auch Millionäre, die gewinnen.

Wie unfair!

Warum denn? Sie haben ja den Spieleinsatz bezahlt. Oft sind es Unternehmer, die Personalverantwortung tragen oder auch mehrere Firmen haben. Die investieren das Geld oft wieder ins Geschäft.

Aber so richtig gönnen tut man es eher jenen, die so einen Gewinnwirklich nötig haben.

Ich erinnere mich an ein sehr nettes Paar, das hatte ein kleines Kind und die Sorge, dass das Auto den nächsten TÜV nicht mehr schafft. Der Mann war Lagerarbeiter und hatte so viel Geld gewonnen, dass er es sich hätte leisten können, die wirklich schwere Arbeit sofort niederzulegen. Doch er tat etwas anderes: Jahrelang hatte er sich eine Lohnerhöhung gewünscht, und jetzt wusste er, dass er es sich leisten konnte, danach zu fragen. Also ging er ins Lohnbüro, forderte damals 500 Mark mehr und sagte, er würde ansonsten kündigen. Später rief seine Frau an und erzählte, dass es geklappt hätte. Eine Weile wollte ihr Mann nun noch weiterarbeiten.

Macht ein Riesengewinn manchen Menschen auch Angst?

Viele sind zu Recht beunruhigt, wie das Leben weitergeht und wie sie das alles auf die Reihe bekommen. Denn da kommt ein ganz anderer Lebensstil auf einen zu, man wird plötzlich zum Vermögensverwalter. Gerade, wer sich vorher Gedanken um die Miete machte, hat nun ganz andere Themen auf der Agenda und will dabei noch anonym bleiben.

Klar, wie erklärt man den Nachbarn, dass da plötzlich ein Porsche in der Einfahrt steht?

Das Schöne an einem Lottogewinn ist ja, dass man nicht berühmt ist und keiner weiß, dass man Geld hat – wenn man es nicht herumerzählt. Man kann sich also langsam an den Reichtum herantasten. Wir hatten mal einen Gewinner aus ganz armen Verhältnissen, der sich erst viele Wochen später meldete. Der war clever. Er meinte, er wird erst einmal gar nichts verändern. Im nächsten Urlaub könne man ja mal in einem Fünf-Sterne-Hotel schlafen und nicht auf einer Luftmatratze auf dem Campingplatz – schauen, wie sich das anfühlt. Seine zweite Idee war, sich mit einem Geschäft selbstständig zu machen, weil er ja nicht davon abhängig sein würde, ob der Laden viel abwirft.

Befürchten Sie in der Beratung manchmal, dass jemand nicht mit dem Geld umgehen kann?

Ja. Ein sehr junger Mann hatte einmal "nur" ein paar Hunderttausend gewonnen. Er wollte kündigen und das Geld auf den Kopf hauen. Ein Motorrad und eine Wohnung kaufen, Partys feiern ohne Ende. Ich ließ ihn aufschreiben, was er alles kaufen wollte, und die Preise dazu. Dadurch ist ihm aufgefallen, dass es nicht reichen wird. Wenn man es ungeschickt anstellt, können übrigens auch mehrere Millionen schnell weg sein. Als Normalsterblicher hat man vielleicht nicht den Bezug zu hohen Millionenbeträgen und weiß nicht, dass man allein Hunderttausende Euro für die Tankkosten in eine Yacht investieren muss.

Stehen Sie später noch in Kontakt mit den Gewinnern?

Normalerweise nicht. Eine Neu-Millionärin rief mich einmal wenige Wochen nach unserem Gespräch von einem Kunsthandwerksmarkt aus an und sagte, sie könne sich nun alles kaufen, aber sie habe kein Interesse mehr daran. Das Geld machte sie frei, aber sie müsse die Dinge nicht haben.

Warum meldete sie sich bei Ihnen?

Weil sie das niemandem in ihrem Umfeld erzählen konnte.

Haben sich die Wünsche von Lottogewinnern eigentlich verändert?

Da tut sich etwas. Ich merke schon, dass gerade jüngere Leute darauf achten wollen, die Umwelt zu schonen, und schauen, woher etwa die Materialien kommen, wenn sie bauen wollen. Eine Frau aus Unterfranken, die vor Kurzem 33 Millionen gewonnen hat, wollte beispielsweise ein Haus bauen, das im Einklang mit der Natur ist, und sich ab jetzt biologisch ernähren.

Konnten Sie in all den Jahren beobachten, ob Geld die Menschen nun glücklich macht?

Klar kann man in unserer Gesellschaft nicht behaupten, dass Geld überhaupt keine Rolle spielt. Wenn man sich ständig Gedanken machen muss, ob einem die Wohnung gekündigt wird, ist ein Lottogewinn natürlich ein Segen. Aber etwas, das von außen kommt, kann nicht allein glücklich machen. Das eigene Glück liegt in einem selbst. Ich zitiere gern Hermann Hesse: "Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich." Wenn das zutrifft, kann man sich ohne Zweifel an materiellen Dingen erfreuen, aber man kann auch kreuzunglücklich an der Bar eines Nobelhotels sitzen.

Erinnern Sie sich an einen unglücklichen Gewinner?

Einmal kam ein Mann zu mir, der sagte, seine Frau sei schwer krank, er könne das viele Geld gar nicht genießen. Begegnungen wie diese erinnern mich daran, dass nichts im Leben selbstverständlich ist.

Und selbst? Haben Sie auch schon vom großen Reichtum geträumt und einen Tippschein ausgefüllt?

Ist der Jackpot hoch, spiele ich auch mal. Sollte ich jemals viel Geld gewinnen, würde ich einer anderen Person die Gelegenheit geben, diesen angenehmen Job machen zu dürfen. Ich würde ein altes Bauernhaus kaufen, es restaurieren und mich dann sozialen Projekten widmen. Mit ein paar Millionen hat man auch ganz andere Möglichkeiten, etwas zu bewegen.

Verraten Sie uns noch eine Strategie, um die Chancen auf einen Gewinn zu erhöhen?

Ich glaube, es ist einfach Glück. Aber es fängt schon einmal damit an, dass man unbedingt die Spielquittung aufheben sollte, denn das ist eine Art Wertpapier. Ist die Quittung weg, sind auch die Millionen weg. Manchmal rufen Leute beim Kundenservice an und sagen, dass sie nicht so pfleglich mit der Quittung umgegangen seien, dass sie diese aber bügeln könnten. Bloß nicht! Sonst wird alles schwarz.

Rainer Holmer, 51, liebt seinen Job, weil er es in der Regel mit sehr glücklichen Menschen zu tun hat.

Barbara

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