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Jan Delay Interview mit dem Musiker

Jan Delay: Jan Delay
© Frank Schemmann
Während Barbara gern heute schon den Kaffee für morgen vorbereitet, schiebt Jan Delay die Regler hoch und macht sich an die Arbeit. Dämmert’s?
von Stephan Bartels

Barbara: Jan, das wäre wirklich nicht nötig gewesen, ich bin wirklich entzückt. Danke. Wirklich: vielen, vielen Dank!

Jan: Bitte schön. Wofür? Und worüber entzückt?

Na, darüber, dass wir beide heute hier verabredet sind, um über die Nacht zu sprechen – und dann schreibst du extra einen Song zum Thema.

Na ja, extra ... lass ich jetzt mal so stehen. Aber es stimmt: Auf meinem neuen Album gibt es ein Stück namens "Eule".

Eine Nachteule.

Ganz genau. Ich wollte einfach eine Ode an die Nacht schreiben, da ist mir dieser Vogel als das perfekte Vehikel dafür eingefallen.

Bist du auch so eine Eule? Oder mehr eine Lerche?

Lerche?

Man sagt doch: Entweder ist man eine Eule oder eine Lerche. Also nachtaktiv oder eher tagsüber voll dabei.

Dann ist die Sache klar: eindeutig Eule.

Wann fängt für dich denn eigentlich die Nacht an? Mit dem Sonnenuntergang?

Nee. Ich wohne in Hamburg, da ist es im Winter nachmittags um vier duster, das wäre dann doch etwas früh. Ich habe mal in einem anderen Song geschrieben: "Wir sind nicht die, die nach den Tagesthemen Zähne putzen und schlafen gehen." Vielleicht markiert diese Sendung für mich tatsächlich den Beginn der Nacht. Wie ist es bei dir?

Ich putze schon vor den "Tagesthemen" die Zähne ...

Um danach zu schlafen?

Nein, ich will damit eher verhindern, dass ich danach noch etwas esse. Klappt aber nicht. Hat die Nacht für dich generell eine besondere Magie?

Ja, auf jeden Fall. Auf ganz vielen Ebenen. Es gibt zum Beispiel Städte, denen tagsüber jeder Charme fehlt. Aber wenn dann die Lichter angehen ... Da offenbaren sie ihre Geheimnisse, und das finde ich spannend. Du nicht?

Hm. Für mich ist der Reiz der Nacht ein ganz anderer.

Nämlich?

Irgendwie habe ich nicht das Gefühl, nachts noch Geheimnisse entdecken zu müssen. Mich interessiert viel mehr das Ende der Nacht. Ich habe eine totale Schwäche für das Morgengrauen.

Und die äußert sich wie?

Ich würde gern mal wieder im Sommer mit den Schuhen in der Hand nach Hause kommen, wenn die Sonne so gerade eben über den Horizont guckt. Das hatte ich schon lang nicht mehr, und ich stelle gerade fest: Ich habe tatsächlich ein bisschen Sehnsucht danach.

Kann ich verstehen, ist ja auch sehr schön.

Oder was ich auch toll finde: mich morgens um fünf mit einem Becher Kaffee auf meine Terrasse zu setzen und dem Tag beim Entstehen zuzuschauen. Ich bereite das minutiös vor.

Wie denn?

Ich befülle vor dem Schlafengehen meine French Press mit Kaffee und auch den Wasserkocher. Und dann geht’s im Morgengrauen ganz schnell mit dem Heißgetränk raus in den halbdunklen Garten.

Auf die Terrasse.

Ja. Oder ich schreite meine Latifundien ab.

Deine was?

Meine ... Ländereien. Also meinen Garten. Stockfinster darf es da nicht mehr sein. Je länger ich darüber nachdenke: Ich bin wirklich kein Mensch für die Nacht. Ich bin für das Licht.

Nichts gegen das Licht, echt nicht. Aber ich mag die Dunkelheit.

Warum?

Weil ich mich in ihr verstecken kann. Niemandem etwas beweisen muss. Ich kann in ihr aufgehen und machen, was ich will. Also: noch mehr, als ich es eh schon tue. Ich glaube, was uns, ob nun dunkel oder hell, eint: Du bist an deinen Dämmerungsmorgen genauso allein und einsam, wie ich es oft bin, und wir können es beide genießen.

Das war mir gerade in den ersten Monaten von Corona total wichtig. Es waren ja immer alle da, die Kinder haben das Haus nicht verlassen. Wenn ich dann vor allen anderen wach war, hatte ich das Gefühl, die Welt atmen hören zu können.

Schwierig bei mir. Irgendwie ist immer Musik in meinen Nächten. Egal, was ich mache, ich habe immer einen Beat auf den Ohren oder in meinem Kopf.

Verlässt du dafür das Haus?

Nicht unbedingt. Es reicht schon, dass alle anderen schlafen. Früher hatte ich einen bestimmten Rhythmus, der die Nächte bestimmt hat. Den gibt es immer noch, wenn ich auf Tour bin etwa oder an einer Platte arbeite. Aber kindgerecht ist das nicht, und ich habe nun mal eine Tochter im schulpflichtigen Alter …

Aber ich verstehe: Jan-Delay-Songs entstehen vor allem, wenn es dunkel ist.

Ja. Wenn ich im Studio bin, ist es meistens Nacht. Wenn ich live spiele, zieht es sich in die Nacht hinein. Und wenn ich auflege … na, dann ja sowieso.

Bist du nachts besser?

Besser nicht. Aber irgendwie freier. Was jetzt bescheuert klingt, ich bin schließlich auch bei Sonnenlicht kein Gefangener meines Lebens. Aber ich brauche mich nachts auf niemand anderen einlassen als auf mich selbst. Keiner will Mails beantwortet haben, keine Milch muss eingekauft werden, kein Telefon klingelt ...

Das ist ja überhaupt das Schlimmste: Leute, die nach 21 Uhr anrufen! Meine Grenze ist bei sechs Uhr abends in dieser Frage, danach wird kein fernmündliches Gespräch mehr geführt.

Beruflich?

Auch nicht privat. Gerade nicht! Komisch, oder? Ich denke, wir sind uns in dieser Beziehung gar nicht so unähnlich: Ich habe die Abende gern für mich. Wenn ich die Wahl hätte, eine abendliche Party auch morgens zu feiern – ich wäre immer für die Morgenvariante.

Weil du abends zu müde bist?

Nee. Weil auf Nächten auch immer ein gewisser Druck lastet, da liegen große Erwartungen in der Luft. Wenn du nachts feierst, muss es irgendwie besonders werden. Das stresst mich, ehrlich gesagt.

Da ist was dran, ich habe auch schon Partys geschmissen, von denen ich keinesfalls wollte, dass sie scheiße werden. Aber das sind gar nicht die Nächte, die mir wichtig sind. Die haben nämlich immer mit Arbeit zu tun.

Schon immer?

Irgendwie schon. Nach dem Abi habe ich Zivildienst gemacht, und danach hatte ich Anspruch auf ein Jahr gutes Arbeitslosengeld. In jener Zeit haben wir uns diesen nächtlichen Künstlerlifestyle angewöhnt und unfassbar viel Musik gemacht, deshalb sind wir so gut geworden und Hamburger Hip-Hop so wichtig.

Da warst du Anfang 20. Wusstest du damals schon, dass es immer so weitergehen würde?

Ich habe tatsächlich mal drei Tage VWL studiert.

Drei ... Tage? Und dann?

Habe ich erstens festgestellt, dass das ja nur Mathe war, also nichts für mich. Und dann kam "Bambule" raus.

Das zweite Album deiner damaligen Band, Absolute Beginner.

Genau, so hießen wir 1998. Das lief so gut, dass alle Fragen nach einer anderen Art von Leben schnell beantwortet waren.

Und das hat seinen Preis.

Welchen?

Oft muss ich morgens so gegen fünf zum Flughafen, und dann unterhalte ich mich gern mit Taxifahrern. Die sagen oft: Sie sind meine letzte Fahrt. Und dann stellt sich heraus, dass der seit 27 Jahren nachts Taxi fährt, keine Freunde hat, am sozialen Leben kaum teilnimmt ... Und warum?

Na?

Weil, sagt er, nachts so schön wenig Verkehr ist.

Aber er hat es sich so ausgesucht. Hat eine Entscheidung getroffen, und wer weiß: Vielleicht legt er auf all das, was dir und auch mir wichtig ist, nicht viel wert. Gibt ja solche Eulen, für die ist die Nacht gemacht. Und: Er hat ja recht mit dem Verkehr.

Da bin ich dabei. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich ein neues Auto hatte und damit nur so die halbe Nacht durch Berlin gefahren bin. Siegessäule, Unter den Linden, Alex … Nichts los und die beste Musik im Ohr. Nachts Autofahren mit Musik ist der Hammer. Machst du das auch?

Seit ungefähr zwei Monaten.

Wieso?

Ich hatte vorher keinen Führerschein.

Du bist 44. Warum hast ihn jetzt noch gemacht?

Weil meine Tochter mit ihren sechs Jahren der Meinung war, ich bräuchte einen. Und da meine Frau auch nicht Auto fährt ... Ich muss auch zugeben: Wenn ich gewusst hätte, wie geil Autofahren ist, hätte ich viel früher damit angefangen.

Wo du schon deine Tochter erwähnst: Manche Menschen verlernen ja das Schlafen, wenn sie Eltern werden.

War vorübergehend so, aber die schlimmste Phase mit dreimal nachts die Flasche geben und so ist ja schnell vorbei. Aber meinen … sagen wir mal: Allgemeinrhythmus hat sie schon verändert.

Wie das?

Ich erinnere mich noch ganz gut an das Gefühl, das ich bei unserem ersten gemeinsamen Silvester hatte. Ich bin da gern früh schlafen gegangen und war am Neujahrsmorgen um acht auf der Straße mit ihr im Kinderwagen, als die letzten Verstrahlten mit dickem Schädel nach Hause gewankt sind. Ich musste die ganze Zeit grinsen.

Das korrespondiert sehr mit mir. Ich mag total gern feiern, aber ich finde es auch schön, während der ausgelassensten Party um halb elf in mein Zimmer zu gehen und dem Lärm von unten aus der Ferne zuzuhören.

Wie als Kind, wenn die Erwachsenen gefeiert haben.

Stimmt. So in etwa.

Ich weiß auch noch genau, wie sich die Nacht für mich als Kind angefühlt hat.

Hattest du Angst?

Gar nicht. Das war für mich das Allergrößte, weil die Nacht eine Art verbotene Zone war. Das war alles superspannend. Und ich habe es geliebt, wenn ich an Weihnachten oder an meinem Geburtstag so lange aufbleiben durfte, wie ich wollte.

Kinder können einem auch auf die Minute genau sagen, wie lange sie an Silvester vor vier Jahren aufbleiben durften. Für die ist das etwas derart Besonderes, dass sie ewig davon zehren. Ich dagegen habe das Gefühl, dass ich mein Leben lang um acht ins Bett musste.

Das ist hart.

Und wie. Und von wegen verbotene Zone: Die begann bei uns definitiv schon um 21 Uhr. Mein Zimmer lag zwei Stockwerke über dem Wohnzimmer, aber mithilfe geschickter Spiegelungen durch das Treppenhaus konnte ich den "Denver Clan", der unten lief, irgendwie doch sehen. Aber ich kenne Krystle Carrington nur spiegelverkehrt.

Aber siehst du: Das, was dich damals fasziniert hat, fand in deiner Nacht statt, auch wenn die schon um acht begonnen hat. Das macht die Nacht so interessant, die Leute sind es auch.

Meinst du?

Gut, vielleicht denke ich auch nur, dass da die freien Leute unterwegs sind, weil mein Nachtgefühl so ist. Weil dann meine eigene Kreativität am größten ist. Ich bin mir sicher, dass es viele wie mich gibt. Die nachts ihre Bücher schreiben, ihre Bilder malen, ihre eigene Stimme finden.

Dann frage ich mich jetzt langsam aber doch: Bleibe ich eventuell unter meinen Möglichkeiten, schöpfe ich mein kreatives Potenzial womöglich nicht aus, wenn ich jede Party zu früh verlasse und gleich nach den "Tagesthemen" im Bett liege? Sollte ich also, und dazu regst du mich gerade an, wirklich öfter mal die Nacht durchmachen?

Es ist wie immer und überall im Leben: Es bringt nichts, jemand sein zu wollen, der man nicht ist.

Aber ich würde es echt gern mal wieder versuchen mit der Nacht.

Dann lass dich von mir nicht abhalten. Ich probiere auch alle fünf Jahre, ob mir Kaffee inzwischen schmeckt.

Und?

Schmeckt nicht.

JAN PHILIPP EISSFELDT, geboren 1976 in Hamburg, wurde nach Abi und Zivildienst ziemlich fix zur Hip-Hop-Ikone. Und zwar als Mitglied der Beginner, deren Album "Bambule" von 1998 eine der wichtigsten deutschen Hip-Hop-Platten ist. In der Band nannte er sich Eißfeldt oder Eizi Eiz, seit 2001 ist er solo als Jan Delay unterwegs und nicht unumstritten in seiner Bedeutung für den deutschen Rap, weil er ständig seine Grenzen in Richtung Soul, Funk, Rock und Pop erweitert. Im kommenden Frühjahr erscheint sein fünftes Album: "Earth, Wind & Feiern". Delay lebt mit Frau und Tochter in Hamburg.

STEPHAN BARTELS, wie Delay in Hamburg-Ottensen zu Hause, hat dieses Gespräch begleitet und die Textversion an einem Donnerstag um 1:49 Uhr an die bearbeitende Redakteurin geschickt.

BARBARA 50/2020

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