VG-Wort Pixel

Jugendliebe Für immer La Boum

Jugendliebe: Pärchen
© Sveeva VIGEVENO/Gamma-Rapho / Getty Images
Unsere Autorin ist heute so hoffnungslos verknallt wie vor 27 Jahren. Obwohl sie IHN fast ebenso lange nicht mehr gesehen hat. Oder eben: genau deswegen!

Als alle noch zu "Two Princes" von den Spin Doctors durchdrehten, ich eine feste Zahnspange trug und mit einer erschlagenden Masse von Menschen, alle in dieser seltsamen Phase zwischen Bärchen-Schlafanzug und erstem Vollrausch, ins Jugendferienlager nach Italien fuhr, begann für mich eine neue Zeitrechnung. Jene ab Christian G.

Das Kennenlernen

Ich stand auf der Empore dieser Campingplatz-Disco mit blätterndem Putz und Kaugummiautomat. Der Sound war unsäglich. Aber da saß er und guckte zu mir hoch, gekommen, um mein wackeliges Selbst noch mehr durcheinanderzurütteln. Er hatte blaue Augen, dunkelbraune Haare und Sommersprossen – und ein Skateboard, was man ihm einfach ansah. Ich war 14 und plötzlich in einem Zustand, den man in jedem drittklassigen Liebesroman nachlesen kann: Pfeile bohrten sich in mein Herz. Die Luft brannte. Achterbahn und Schmetterlinge. Von diesem Moment an rauchte ich regelmäßig.

Heute, in einer Zeit, in der ich im passenden Alter und auch offen für eine Midlife-Crisis wäre, ist dieses Teenager-Gefühl noch immer abrufbar. Und ich gönne es mir, wenn ich viel Stress habe, traurig bin oder mir das Leben wie eine endlose Schleife aus Buntwäsche, Büro­kratie und Bringdienst vorkommt. Dann schaue ich mal kurz bei Facebook rein. Ob es noch da ist. Ob ER noch da ist. Als vor ein paar Jahren die Freundschaftsanfrage kam, vergaß ich für eine Weile, zu atmen. Geschrieben haben wir uns nie. Aber ich lebe seither sehr glücklich in der Illusion, dass er täglich auf Nachricht von "der aus dem Feriencamp" wartet.

"Ich schrieb zwei Tagebücher über ihn voll"

Aus uns ist damals nichts geworden. Aber dieses Nichts war für mich riesengroß. Wir dehnten das Sich-aus-der-Ferne-Anhimmeln über zwei lange Wochen an der Adria, hielten uns mal an der Hand, als der Abschied näher rückte. Zurück zu Hause sahen wir uns nur noch wenige Male, knutschten auch einmal nach zu viel Batida-de-Côco-Kirsch. Sein Kaff trennten 50 Kilometer von meinem, und als das Schülerferienticket ablief, war das eine so unüberwindliche Hürde wie die Fehde zwischen den Montagues und den Capulets. Das rote Piratentuch, das er mir mal geschenkt hatte, trug ich fortan ums Handgelenk. Jeden Tag. Bis meine Mutter es aus Angst vor todbringenden Krankheiten in die Wäsche warf und bei 60 °C die ganze Magie rauswusch. Ich schrieb zwei Tagebücher über ihn voll. Ich rief so oft auf dieser Festnetznummer an, bei der die Vorwahl länger war als die Rufnummer, dass ich sie noch heute auswendig kann. Meistens legte ich mit klopfendem Herzen auf, wenn jemand ranging.

Gut, dass uns nie die Realität passiert ist. Dann wären Enttäuschungen gekommen. Abnutzung und Langeweile. Jemand anderes. Oder aus diesem lauten Gefühl wäre irgendwann ein leiseres geworden, eins, das bleibt. Wir sind heute beide verheiratet, er das zweite Mal, wir haben beide Kinder. Und Schmetterlinge sind im Familienalltag eine bedrohte Art.

Ich will ihn nicht wiedersehen

Meine ferne Sehnsucht wohnt gar nicht sehr weit weg: 130 Kilometer. Manchmal sehe ich auf seinem Profil, dass er auf Konzerte geht, für die ich auch fast Karten gekauft hätte. Zum Glück haben wir uns immer verfehlt. Denn so sehr ich ihn wiedersehen möchte, es darf nie passieren! Dank Facebook weiß ich, wie er heute aussieht – immer noch wunderschön! Aber dem Heldenbild, das ich in seiner 27-jährigen Abwesenheit erschaffen habe, könnte er nie gerecht werden. Denn: Er ist ja echt! Ich möchte aber diesen Traum konservieren. Diesen Teil meiner Jugend festhalten, in dem jeder Tag mit der Hoffnung auf ein großes Abenteuer begann, der nach Lucky Strikes schmeckte, nach Eis und Pommes aus dem Schwimmbad.

Und wenn es nicht richtig scheiße läuft und wir uns doch irgendwann vor einer Konzertbühne gegenüberstehen, dann werde ich auch mit 90 noch so verliebt sein wie im Sommer 1992.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Liebe, Beziehung und Persönlichkeits-Forum"  der BRIGITTE-Community vorbei!

Holt euch die BARBARA als Abo - mit vielen Vorteilen. Hier könnt ihr sie direkt bestellen.

BARBARA 05/2020

Mehr zum Thema